„Drawing Restraint“: Basel erforscht Matthew Barneys Mythos ganz
Form entsteht nur dann, wenn sie gegen Widerstand ankämpft – das weiß jeder Bodybuilder, der seine Muskelzellen erst einmal zum Platzen bringt, damit sie danach umso besser wachsen.
Für den Amerikaner Matthew Barney, den bizarrsten Privatmythologen unserer Zeit, gilt dieses Prinzip auch für das Feld der Kunst. „Drawing Restraint“, zu Deutsch ungefähr „Zeichnen mit Hindernissen“, heißt die Serie, in der er noch zu Collegezeiten seine spezifische Arbeitsweise entwickelte und die bis heute sein so komplexes wie opulentes Werk begleitet. In den ersten „Drawing Restraint“-Aktionen 1988 führt Barney seine Zeichnungen – gehalten von Gummibändern – zwischen seltsamen Maschinen aus, in einem Setting irgendwo zwischen Kraftraum und Sadomaso-Fetischclub. Früh wird deutlich, dass nicht die entstehenden Werke der entscheidende Teil der Arbeit sind, sondern der Prozess der Energieumwandlung durch Kreativität. Im Laufe der Jahre differenzieren sich die „Drawing Restraint“-Aktionen immer weiter aus, bis hin zu dem großen Spielfilm „Drawing Restraint 9“ von 2005, in dem Barney sich mit seiner Lebensgefährtin Björk auf einem japanischen Walfänger geheimnisvollen Ritualen um Tod und Auferstehung hingibt. Nun hat die schweizerische Laurenz-Stiftung als Träger des Schaulagers Basels in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Museum of Modern Art das gesamte Archiv des Künstlers zur „Drawing Restraint“-Reihe erworben, mit Skizzen und Dokumenten, Relikten, Fotografien und Skulpturen. In der Ausstellung „Matthew Barney. Prayer Sheet with the Wound and the Nail“ im Schaulager wird es erstmals in seiner Gänze gezeigt. Mit dabei sind auch einige Großskulpturen, darunter die Vaselineform, die in „Drawing Restraint 9“ eine so große Rolle spielt. Als überraschenden thematischen Kontrapunkt fügt der New Yorker Kurator Neville Wakefield einige Werke aus der nordischen Renaissance hinzu: Holzschnitte, Striche und Zeichnungen aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert von Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien und anderen, die sich mit Tod und Vergänglichkeit im christlichen Zusammenhang beschäftigten. Damit soll kein religiöser Kern in Barneys Werk aufgespürt, sondern vielmehr latente Ähnlichkeiten in den Motiven aufgezeigt werden: Es geht hier wie dort um Aufstieg und Fall, Schmerz, Leid und Widerstand, um Grenzerfahrungen und die Bedeutung des Körpers in oft extremen Darstellungsweisen. Komplettiert wird die Schau mit dem Debüt einer weiteren Folge der „Drawing Restraint“-Serie: Die Nummer 17 wird wieder ein Film.




