Spezial

Berlin-Biennale

Was wollen wir von der Wirklichkeit? Die Kuratorin der 6. Berlin-Biennale, Kathrin Rhomberg, schickt das Publikum durch eine unsentimentale Bestandsaufnahme. Ihre Großausstellung mit Künstlern wie Phil Collins, Nilbar Güres¸ und Petrit Halilaj verspricht eines der entscheidenden Statements dieses Jahres zu werden

von Silke Hohmann
22.07.2010

Die beiden Jungs mit dem Fußball überlegen: Sollen sie schnell mal reinschleichen und die Lage checken? Schließlich konnte man das große Haus mit den vielen Fenstern schon seit Ewigkeiten nicht mehr betreten. Nun steht der Eingang am Oranienplatz offen – ein dunkles, aber verlockendes Loch. Hinten werfen die Handwerker schwere, lange Vierkanthölzer durchs Treppenhaus, und zwar von unten nach oben. Dazu schreit ein farbverkrustetes Radio: „I like to move it, move it.“ Ein Fahrradfahrer hält an. „Was kommt denn da rein? Kunst? Schön!“ Die Jungs sind weitergegangen, da kommt Kathrin Rhomberg, zierlich, energisch, konzentriert: „Was machen wir jetzt?“ She likes to move it.
Die Kuratorin der 6. Berlin-Biennale, 1963 im österreichischen Bludenz geboren, hat sich für den Westen entschieden. „Es hätte von mir aus auch Wilmersdorf oder Charlottenburg sein können.“ Wobei das ehemalige Kaufhaus in Kreuzberg als noch nie bespielter Ausstellungsort ein Glücksfall ist. „Seit der Wende 1989 konzentriert sich die Aufmerksamkeit beinahe nur auf den Osten Europas. Aber ich habe mich schon immer stark für diesen Teil der Stadt interessiert, weil sich da noch mal ganz andere Fragen auftun.“ Nach einer Besichtigung des mehrgeschossigen Prachtbaus, die kürzer ausfällt als geplant („Zu gefährlich!“), ziehen wir in das gegenüberliegende Café um.

„Mein Ausgangspunkt war: Mit den Krisen der letzten zehn Jahre, markiert durch den 11. September 2001 und die Wirtschaftsprobleme 2008, hat sich unsere Beziehung zur Realität verändert. Und damit natürlich auch das Verhältnis der Kunst zur Gegenwart“, sagt Biennale-Kuratorin Kathrin Rhomberg

„Viele Momente, die als gesichert und unverrückbar galten“, sagt Rhomberg, „sind in den letzten 20 Jahren brüchig geworden. Durch die zunehmende Auflösung des Wohlfahrtsstaats entstehen Ängste, die die Politik auch teilweise instrumentalisiert hat. An den kleineren westeuropäischen Staaten sieht man die tiefe Verunsicherung besonders deutlich: In vormals ausgesprochen liberalen Ländern fußen auf einmal rechtspopulistische Tendenzen, nehmen wir die Niederlande, Dänemark, Österreich oder auch ganz akut die Schweiz.“
Es gibt Künstlerfreunde aus dem Osten, die ihr gegenüber schon in den 90er-Jahren attestierten, dass der Westen sich osteuropäisiert. „Als ich noch in Köln arbeitete, stellte zum Beispiel Dan Perjovschi, ein Rumäne, fest, dass viele Gebäude leer stehen, weil es sich nicht rentiert, sie zu vermieten. Ein ziemlich östliches Phänomen.“ Und wie transformiert man ein solches Interesse am marginalisierten Westen in eine Ausstellung oder gar: in Kunst? „Mein Ausgangspunkt war: Mit den Krisen der letzten zehn Jahre, markiert durch den 11. September 2001 und die Wirtschaftsprobleme 2008, hat sich unsere Beziehung zur Realität verändert. Und damit natürlich auch das Verhältnis der Kunst zur Gegenwart“, sagt sie.
Kathrin Rhomberg verschanzt sich nicht hinter theoretischen Barrikaden. Obwohl sie Pressearbeit im Vorfeld der Ausstellung nicht besonders schätzt – „viel zu fixiert auf Personality“ –, steigt sie umso tiefer ein, wenn genauer nachgefragt wird. Also: Wie kann sich denn etwas nicht zur Gegenwart verhalten? „Meine These ist, dass wir in den letzten zehn Jahren eine starke Entkoppelung von den realen Verhältnissen erfahren haben, wie während des Finanzcrashs besonders deutlich wurde. Eine Entwirklichung hat stattgefunden, auch in der Kunst.“ Tatsächlich gab es in diesem Zeitraum auffällige Tendenzen in der westeuropäischen Kunst, die man vielleicht mit Eskapismus beschreiben könnte: thematische Rückwendungen ins 20. Jahrhundert, eine intensive Beschäftigung mit der Moderne, die Wiederentdeckung der Romantik. „Da ist fast ein neuer Historismus entstanden. Als könnte man keinen Zugang mehr zum Jetzt finden!“
Also hat Rhomberg sich entschieden, solche Kunst auszuwählen, die ausdrücklich keinen retrospektiven Ansatz hat. „Die Arbeiten in der Ausstellung setzen sich im Grunde alle mit der Gegenwart und ihren Wirklichkeiten auseinander. Ich glaube, es findet sich auch kein Werk, das sich explizit mit formalen Fragen beschäftigt.“
Die Künstlerauswahl mag auf den ersten Blick heterogen wirken: Vincent Vulsma, ein sehr junger Maler aus Amsterdam; die konzeptorientierte US-Fotografin Shannon Ebner; der 1957 geborene Schweizer Marcus Geiger, der noch wenige bedeutende Einzelschauen verzeichnet, sowie Blauorange- Preisträger Danh Vo, der auch für den Preis der Nationalgalerie nominiert war und eine atemberaubend schnelle institutionelle Karriere hingelegt hat; ein inzwischen mit MoMA-Weihen versehener Roman Ondák und der nicht einmal 30-jährige Petrit Halilaj aus dem Kosovo (siehe Seite 68). Doch bei allen geht es um die reale mentale Krise und um Strategien der Überwindung. Shannon Ebner zum Beispiel beschäftigt sich seit der Ära Bush in ihren Landschaftsaufnahmen mit dem ehemals unverwundbaren Amerika, das seine absolute Stärke als Führungsmacht verloren hat, sie aber nicht aufgeben mag. „Indem sie in ihre typisch amerikanischen Fotografien mit sprachlichen Momenten eingreift, macht sie diesen melancholischen Moment des Positionsverlusts sichtbar. Damit hat ihre Arbeit auch etwas Politisches, ohne sich auf den ersten Blick so darzustellen“, sagt Kathrin Rhomberg. Danh Vo, der sich in seiner Kunst immer mit dem eigenen Migrationshintergrund als Kind einer vietnamesischen Flüchtlingsfamilie beschäftigt, öffnet diesmal seine Atelierwohnung und geht das Risiko der totalen Offenheit ein.
Landet man aber mit einer derart entschiedenen Betonung des Status quo nicht schnell bei einem rein dokumentarischen Kunstbegriff? Müsste die Kunst nicht mehr schaffen, als die Umstände einfach nur abzubilden und ihnen damit hinterherzulaufen? „Diese Art von dokumentarischen Arbeiten gibt es natürlich schon immer, doch in der Ausstellung sollen eigentlich keine gezeigt werden, weil ich versuche, einen anderen Zugang zu finden. Die Frage ist: Wie lässt sich überhaupt Zukunft von heute aus denkbar machen? Wie kann das Individuum aktiv werden und die allgemeine Ohnmacht durchbrechen?“
Vielleicht durch: einfach machen. Ron Tran ist ein junger, kanadischer Künstler, der in seinen performativen Aktionen den Alltag zum Abenteuer macht. Zum Beispiel, indem er Leute nach Hause begleitet, ob sie wollen oder nicht. „Momentan ist noch nicht ganz sicher, ob wir eine Genehmigung für sein Vorhaben bei uns bekommen“, sagt Kathrin Rhomberg, und das klingt schon mal spannend. Mit Migrationserfahrung könnte Trans Plan zu tun haben: Als Zwölfjähriger kam der Künstler von Saigon nach Kanada, sein Vater gehörte zu den Boatpeople und konnte erst nach mehr als zehn Jahren seine Familie nachholen.
Raumgreifend wird die Installation von Roman Ondák, dessen Werk stets auf dem Partizipatorischen beruht und ohne den physischen Einsatz des Betrachters nicht komplett ist. Zum Beispiel, als er die Besucher des MoMA vermessen und die Daten an der Wand vermerken ließ. „Er liefert keine direkte Beschreibung der Wirklichkeit, sondern eine Aneignung – mit performativen, skulpturalen, poetischen Momenten“, sagt Rhomberg. Das Körperliche an Ondáks Arbeiten sei gerade im Zusammenhang mit der Entmaterialisierung der Welt interessant.
Und dann wäre da noch die zunächst etwas akademisch anmutende Idee mit Adolph Menzel, dem großen Realisten des 19. Jahrhunderts. Dem Maler ist eine Einzelschau in der Alten Nationalgalerie gewidmet, die thematisch anknüpft an Rhombergs Entwirklichungsthese; nur, dass man die mentale Krise, die seinerzeit durch die Industrialisierung hervorgerufen wurde, Entfremdung nannte. Diese hat Menzel, so die These, in seinen Gemälden durchbrochen und die Menschen wieder mit der Realität versöhnt – ein Beispiel für den Einfluss von Kunst.
Zur sozialen Einrichtung, das weiß die Kuratorin, kann die Ausstellung allerdings nicht werden. Zu viel darf man nicht verlangen, und missionarisch sollte man im widerspenstigen Kreuzberg ohnehin nicht auftreten. „Wir machen die Tür nicht übertrieben weit auf, es gibt auch keine Banner oder gewaltige Interventionen. Alles konzentriert sich mehr nach innen. Schließlich ist das hier schon eine gut funktionierende Gegend, die man nicht mit Kunst in eine andere Richtung schieben muss“, sagt Kathrin Rhomberg. Und verschwindet, schon wieder in Bewegung, winkend hinter ein paar Mädchen auf Rollschuhen.

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