Ich male so, wie die anderen reden
Bernhard Martin ist auf dem Weg, zum Malerfürsten neuen Schlages zu werden – mit Motiven, die so gegenwärtig und banal sein können, daß sie manchmal weh tun. Ein Hasardeur der Stile und Meister des Wahnwitzes, dessen großer Plan aufzugehen scheint
„Schreibt doch auch mal, daß etwas schlecht ist“, hat Bernhard Martin einmal beim Spanier in einer der ungemütlicheren Frankfurter Gegenden zu einigen Kunstkritikern gesagt. „Und schreibt’s von mir aus halt über mich.“ Da stellte der Frankfurter Kunstverein gerade mit der Ausstellung „deutschemalerei2003“ als eine der ersten Institutionen dem Malerei- Boom des Kunstmarktes eine kuratierte Schau zur Seite. Bernhard Martins Malerei allerdings verwirrte die Ausstellungsbesucher, die soeben aufgebrochen waren, um nach einer neuen Innerlichkeit in der Kunst zu suchen, mit seinem halsbrecherischen Eklektizismus ganz enorm. Keine bedeutungsschwer aufgeladenen Interieurs in Brauntönen, keine müde Melancholie in Pastell, kein weites, karges Land und der Mensch verloren mittendrin. Seine Wimmelbilder aus verschiedensten Stilen muteten so laut und aufgekratzt an wie drei Karaokebars. Anstatt neue deutsche Bekenntnisse zu formulieren, krakeelten seine Gemälde im Zeichenvokabular der Alltagswelt durcheinander. Fotorealistisch gemalte Frauenfiguren treffen in seinen Bildern auf Illustrationen aus dem Gartencenter. Pudrige David-Hamilton-Erotik spielt sich vor schartig-pastosen Hintergründen in Schlammfarben ab. Gruseligen Werbe- Trash überführt er mit Akribie und sicherer Hand sorgsam auf die Leinwand, scheinbarer Dilettantismus und technische Brillanz legen sich übereinander wie die Spiegelungen in den Schaufenstern des Frankfurter Rotlichtviertels, in dem sein Atelier sich damals befand, und die Auslagen darin. Während bei anderen Malern in dieser Zeit per Pinsel Metaphern einer trüben Welt entstanden, hatte bei Bernhard Martin alles dieselbe Gültigkeit. Schlecht war das wahrlich nicht, nur sehr viel auf einmal. Auch blieb das Anliegen des talentierten Stilisten verschattet. Ironische Brechung im Allerweltsdschungel aus Motiven jedenfalls war nirgends zu erkennen. Auch Späße über Malerei an sich, dieses alte, neue Medium, gehörten nicht dazu. Und dennoch existierte von Anfang an ein Plan, ein guter Plan, der ganz und gar auf die eigene Erfindungsgabe zurückging. Wie in einem Märchen, in dem einem an Anfang die Frage gestellt wird: „Was willst Du einmal sein?“
Man kann mit gutem Recht der Ansicht sein, daß es ganz egal ist, wie der Künstler hinter dem Kunstwerk aussieht, was er erlebt hat, wie er seine Inhalte entwickelt. Man kann darauf bestehen, daß es nur darauf ankommt, was am Ende entstanden ist und was es im Betrachter auszulösen vermag. Ob es als Werk Relevanz besitzt oder sie nur behauptet wird oder vielleicht noch nicht einmal das. Wenn man sich so der Kunst Bernhard Martins nähern würde, könnte man in seinem OEuvre wohl einige sehr gute, einige mittelmäßige und auch einige schlechtere Gemälde entdecken. Dazu eine Liste von Skulpturen und Installationen, die in ihrer irrwitzigen Material- und Themenvielfalt aus ästhetischen Gründen interessant und verstörend sind, aber keineswegs gesellschaftliche Belange behandeln, sondern ausschließlich formale. Das wäre dann genau so richtig oder falsch wie eine aus kunstgeschichtlichen Anleihen und gefühltem Gegenwartsbezug zusammengesuchte, deutende Interpretation. Martin ist aber einer von denen, deren Werk nicht durch Deutung besser wird. Man wird ihm nur gerecht, wenn man versteht, daß er nicht nur seine Bildwelten zunächst erfunden und dann tatsächlich unter Aufwendung aller Anstrengung und Ausdauer wahr gemacht hat, sondern auch sich selbst.
Dazu gehören Dinge wie ein goldener Ring mit Lilienwappen, eine Rolex, ein goldener Schneidezahn, ein Agent – „mein Privatsekretär“, wie er sagt. Dazu gehört auch eine skurrile Künstlervita, die ihren Anfang in Kindertagen in der Kasseler Gemäldegalerie nahm, vor den Werken der alten Meister. Damals muß Bernhard Martin auf die Märchenfrage, was er werden wolle, geantwortet haben: „Ein großer Künstler.“ Übte wie besessen Maltechniken, wurde kundiger Komplize eines Briefmarkenfälschers und mit 16 Jahren als Ausnahmetalent an der Kasseler Akademie aufgenommen. Seither produziert er Bilder, die alles ausprobieren. Sie brauchen ein Genre, ein Thema, das „Mann/Frau“ heißen kann, aber auch „Obdachlosigkeit“ oder „Sumpfgeist“. Mehr aber brauchen sie nicht. Keine Bewertung der Welt und ihrer Bedingungen, keine Gesinnung, der es gelten würde, malend Ausdruck zu verleihen.
„‚Guernica‘ von Picasso“, sagt Bernhard Martin, „ist doch auch kein politisches, sondern ein Genrebild.“ Damit ent-
„In letzter Zeit versuche ich, Befindlichkeiten darzustellen wie Frösteln in der Nacht, schlechte Laune, Schnupfen, Hoffnung oder den Druck auf der Blase.“
spricht er einem Künstlerimage, das alles andere als von heute ist – auch wenn seine Sujets das genau sind. „Die kleinen Preise“ der Supermarktkette Plus zum Beispiel. In einem glasierten Relief aus Ton liefern sie sich eine Schlägerei: 1,05 hat 0,19 niedergestreckt. „Preiskampf“ heißt das mittelformatige Werk leicht kalauernd. Bernhard Martin sieht es weder bestürzt noch mit Genugtuung, wenn die Sammler in der Galerie Thaddaeus Ropac in Paris sich in seiner Ausstellung fragende Blicke zuwerfen. Er hat es einfach gemacht, denn darauf kommt es an. Dann sieht man schon, was passiert. Im Falle seiner Skulpturen: eigentlich Ungeheuerliches. Ein Konglomerat des Wahnwitzes aus Edelsteinen. Marmor. Kellerfenstern. Tiffany-Glas. Rolläden. Tränen aus Gold. Dinge, die man nicht zusammen denken kann, weil das der gesunde Menschenverstand bereits als Vorstellung nicht empfiehlt. Bernhard Martin läßt sie aufeinander los, bis sie als Behauptungen im Raum stehen, die keinen Zweifel mehr zulassen. Ist hier einer auf sehr hohem Niveau geschmacksverirrt? Dann würde er nicht auf goldene Kugeln auch noch zusätzliche Glanzeffekte aufbringen, denn dazu bedarf es einer Form von Witz, die alles andere als unbedarft ist. Macht sich hier einer über Kunst lustig? Dazu ist der reflexive Überbau zu unwichtig und das Ergebnis der Formfindungsexperimente zu großartig verwirrend. Als sich die Sammler ein wenig gesammelt hatten, realisierten sie, was sie hier vor Augen hatten. So sind diese Skulpturen jetzt in großen Sammlungen im Ausland vertreten.
Vielleicht ist Bernhard Martin der meiste junge Künstler Deutschlands. Zumindest hat er nichts gegen Superlative. Ropac jedenfalls hatte mit Martins Skulpturenausstellung den teuersten Transport in der Geschichte der Galerie zu vermelden. Zwei Sattelschlepper waren nötig, um die Arbeiten anzuliefern. Und der Mann hat auch den Bleiblechkünstler Anselm Kiefer im Programm. Das Material ist die Message, manchmal. Auf der Fine Art Fair Frankfurt hatte Martin seine „Hasenbar“ aufgebaut und mixte erfolgreich gegen den langweilig guten Geschmack der Vernissagekultur an. Wiederum behielt der Hasardeur des Stilmixes Recht. Es sollte viel öfter Anlass bestehen für einen gut gemachten „Campari Almdudler“.
Auf Seite 56 bietet Monopol seinen Lesern eine Edition mit 15 Zeichnungen von Bernhard Martin.
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