Auktionen

Tobias, laß uns mal Geld verdienen

Basquiat, Doig und Freud kommen am 21. Juni bei Sotheby’s in London unter den Hammer. Der Mann am Pult wird wieder Tobias Meyer sein – ein Porträt des bekanntesten Auktionators der Welt.

01.03.2006

Vor einem zwei mal zwei Meter großen Twombly muß man sitzen, sonst erdrückt er einen. Tobias Meyer beherrscht auch diese Kunst. Mit festen Schritten kommt er in sein Büro in der New Yorker Sotheby’s-Zentrale und setzt sich auf das kleine Sofa vor dem großen Gemälde. Als er die Beine übereinander schlägt, fällt draußen Regen auf die York Avenue. Schon bald peitscht der Wind ihn waagerecht durch die Häuserschluchten. Manhattan ist nicht schön an diesem Tag. Die Bilder an den Wänden seines Büros in der Abteilung für Zeitgenössische Kunst sind Millionen wert. Neben dem rosa-weißen Twombly-Gemälde hängt ein Großformat von Agnes Martin. Im Vorzimmer sitzt eine Mitarbeiterin unter dreizehn Jackie O.-Porträts von Andy Warhol. Zu sehen sind sie hier nur kurz. Bevor sie nebenan, im großen Auktionssaal von Sotheby’s, unter den Hammer kommen, will Meyer einige von ihnen in seiner Nähe haben. Als weltweiter Chef der Abteilung für Zeitgenössische Kunst und erfolgreichster Auktionator nicht nur seines Unternehmens steht ihm das Recht der ersten Auswahl zu. Mit Eitelkeit hat das nichts zu tun, auch nicht mit Psychologie. Sein stilles Büro bietet ihm die Möglichkeit, die Bilder diskret interessierten Sammlern zu zeigen – bei einem intimen Tête-à-tête an der Upper East Side. Niemand jongliert so charmant mit Millionenwerten wie der 43Jährige mit dem markanten Gesicht eines Dressman und der Coolness eines Geheimagenten.

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Der Weg, der den gebürtigen Österreicher hierher geführt hat, war alles andere als gerade. Vorherbestimmt aber scheint er durchaus gewesen zu sein. Seine Mutter habe sich einmal daran erinnert, erzählt Tobias Meyer, daß er von Twombly schon als Kind elektrisiert gewesen sein soll. Er selbst weiß davon nichts mehr. An die Ankunft von Andy Warhol in Deutschland erinnere er sich aber noch genau, sagt er dann nach kurzem Nachdenken. 1967 sei das gewesen, da war Tobias Meyer vier, und seine Mutter nahm ihn auf jede Kunstmesse mit, die sie besuchte. Aus dem Wallraf- Richartz-Museum in Köln mußten ihn die Eltern einmal herausschleppen, weil ihn eine mittelalterliche Madonna von Stefan Lochner gefangennahm. Die Familie lebte damals in Wuppertal. Der Vater war Vorstand des Enka-Glanzstoff- Konzerns, dessen Hochhaus noch immer die Innenstadt dominiert. In Wuppertal sind die sozialen Unterschiede des 19. Jahrhunderts bis heute gebaute Wirklichkeit geblieben. Die Arbeiter wohnen im Tal, wo die Fabriken standen. Wer Geld hat, zieht auf die bewaldeten Südhöhen.

Er sei nicht besonders glücklich gewesen in jenen Jahren, sagt Tobias Meyer heute. Die Familie wohnte im vornehmen Villenviertel am Toelleturm, zwischen Barmen und Ronsdorf: „Mein Vater beging irgendwann den unglaublichen Fehler, mich von seinem Chauffeur in die Schule fahren zu lassen. Das macht man am Gymnasium an der Siegesstraße kein zweites Mal. Bei meinen Mitschülern war ich damit unten durch.“ Seine kleine Flucht aus den Verhältnissen gelang dem 13Jährigen im Frühjahr 1976, als ihn sein Vater nach England reisen ließ: „Er hat immer gesagt: Tobias, du mußt vier Dinge tun: Du mußt englisch sprechen. Du mußt dein Hobby zu deinem Beruf machen. Du mußt Tennis spielen. Und du mußt Abitur machen. Das sind die vier Dinge, die ich von dir erwarte. Und er hat uns Geschwister nach England geschickt, damit wir Englisch lernen – in Familien, in denen keine anderen Deutschen waren, über eine Firma namens ‚Universal Aunts‘ am Sloane Square.“ Meyers Gastmutter, das ehemalige Model Maria LeBrock, lebte an der Küste und nahm den Deutschen unter ihre Fittiche. Wie eine Kirche stand ihr neogotisches Haus mitten in einem Park mit Schwänen – der Welt völlig entrückt und weit weg von Wuppertal. Irgendwann nahm Maria, deren Tochter Kelly später durch den Film „The Woman in Red“ bekannt werden sollte, den Jungen mit zu einer Auktion. Von seinem Taschengeld kaufte er für fünf Pfund einen Silberlöffel. Als der Auktionator das Gebot wegen des jugendlichen Alters seines Kunden nicht annehmen wollte, hob einfach Maria seinen Arm. Dies sei der Moment gewesen, sagt Tobias Meyer heute, in dem er dem Prinzip Auktion verfallen sei. Maria LeBrock war es auch, die ihn bei seinem nächsten Besuch in London in die Wallace Collection schickte. Dort lebte Tobias Meyer seine erste Leidenschaft aus: Während sich seine Mitschüler für Supertramp begeisterten, interessierte er sich für Möbel des 18. Jahrhunderts.

Die Stühle und Kommoden, die sich der Junge damals noch nicht leisten konnte, beherrschen heute Meyers Privatwohnung. Seit kurzem lebt der Auktionator mit seinem Partner Mark Fletcher und den beiden Labrador-Hunden Virgil und Beatrice in einem großen Apartment im Time Warner Center am Columbus Circle zusammen. Die Wohnung, die Meyer selbstironisch „Marks und meine Suppe“ nennt, wirkt wie ein modernes Rokoko- Experiment. Die mit bewußt preiswerten Sperrholzplatten ausgekleidete Eingangshalle dominiert ein anderthalb Meter hohes Dollarzeichen von Tim Noble und Sue Webster aus rund 200 Glühbirnen. Über einer deutschen Edelholzkonsole von 1760 hängen zwischen vergoldeten Kerzenleuchtern zwei Fotoarbeiten aus dem „Cremaster“-Zyklus von Matthew Barney. Neben Andy Warhols riesigem Revolverbild „Gun“ von 1982 dominiert eine alle Wände bedekkende, psychedelische Computerarbeit des Brasilianers Eli Sudbrack alias „Assume Vivid Astro Focus“. Mark Fletcher, nach Stationen bei Laura Carpenter, Barbara Gladstone und Anthony d’Offay inzwischen unabhängiger Art Consultant, erwarb die per Photoshop veränderbare Arbeit bei Jeffrey Deitch und wollte sie in einem Nebenraum installieren. Tobias Meyer überredete ihn dann zum Wohnzimmer: „Der Künstler duldet nicht nur, er möchte regelrecht, daß man andere Werke auf seines hängt. Da ist er wie Michelangelo, der auch wußte, daß Gobelins auf seine Fresken kommen würden.“ So hängt nun in der zentralen Blickachse in einem pompösen Florentiner Rahmen aus dem 17. Jahrhundert das altmeisterliche Frauenporträt „The Clairvoyance“ des mit Meyer und Fletcher befreundeten Malers John Currin. Blinde Augen schauen hinaus in den Central Park. Irgendwo daneben stehen eine gefälschte Frauenbüste aus der Sammlung Robert von Hirsch und eine chinesische Vase aus der Tang-Dynastie mit einer Reparatur aus dem 19. Jahrhundert aus Japan. Tobias Meyer interessierte nicht in erster Linie die Vase, sondern ihre Narbe. „Ich habe immer nach Dingen gesucht, die mich herausfordern“, sagt er ruhig und blickt hinaus in den New Yorker Regen. „Das gilt für die Kunst, mit der ich mich umgebe, und wohl auch für meine Karriere. Und ich hatte das Glück, daß mich dabei immer Leute gefördert haben.“ Erst Maria LeBrock, dann der Vater, der seinen Sohn als jüngsten Teilnehmer einen einjährigen Kurs bei Christie’s absolvieren läßt. Meyer ist 18, lebt allein in einer Wohnung im Londoner Bezirk St. James’s, die keine Heizung besitzt. Im Winter wärmt er sein Bett mit einem Fön, aber er ist glücklich: „Plötzlich gab es Leute, die sich freuten, wenn ich wußte, daß diese Kommode von Cresson war oder dieses Bild von Vélàsquez. Plötzlich lernte ich, daß es wirklich eine Welt gibt für mich.“ 19 Jahre alt, studiert er in Wien Kunstgeschichte, schreibt seine Abschlußarbeit über die Rezeption von Kubismus und Futurismus in der Tschechoslowakei und arbeitet nebenbei in der Galerie von Czeslaw Bednarczek, einem aus Polen emigrierten Händler für Renaissance-Silber, Möbel und Porzellane: „Von ihm habe ich enorm viel gelernt. Wenn er sagte: ‚Tobias, laß uns mal Geld verdienen‘, dann bedeutete das, mit ihm spazierenzugehen zu den anderen Antiquitätenhändlern. Er machte ein ungeheures Geld, weil er Renaissance- Arbeiten entdeckte, die niemand anders erkannte. Frühes Kunsthandwerk aus Prag, für die Habsburger angefertigt, die alle anderen für Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert hielten. Wir haben Bronzen gefunden und Möbel und und und.“ Tobias Meyer steht auf und geht zu dem alten gepolsterten Stuhl, der hinter seinem Schreibtisch steht: „Das ist der erste Stuhl, auf dem ich damals in Wien als Kunsthändler gesessen habe. Den hat mir Bednarczeks Tochter Elzunia geschenkt. Vor fünf Jahren habe ich ihren Sohn eingestellt. Weil ich jemandem aus dieser Familie nun so eine Chance geben wollte, wie sie sein Großvater mir gegeben hatte. Und Alexander Rotter ist phantastisch.“

Der kometenhafte Aufstieg des Tobias Meyer ist schnell erzählt. Nach dem Studium geht er als Graduate Trainee zu Christie’s nach London und durchläuft alle Abteilungen. Als er immer wieder am Department for Contemporary Art vorbeischlendert, fragt ihn 1989 dessen Chefin, Babs Thomson, ob er nicht mitarbeiten wolle. Der deutsche Kunstmarkt explodiert gerade, und Tobias Meyer nimmt wieder eine Herausforderung an. Drei Jahre lang katalogisiert er im Keller der Londoner Zentrale brav die eingelieferten Werke, als irgendwann mitten in der Nacht das Telefon klingelt. Am anderen Ende ist Lucy Mitchell- Inness, Chefin der Abteilung für Zeitgenössische Kunst beim Konkurrenten Sotheby’s in New York. Sie erzählt ihm, daß ihr Londoner Kollege Hugues Joffre gerade mit großem Getöse die Firma verlassen habe. Babs Thomson habe Meyer als Nachfolger vorgeschlagen. Er bekommt den Job – mit 29: „Ich war der erste, der von Christie’s zu Sotheby’s wechselte.“ Drei Monate später leitete er seine erste eigene Auktion: „Ich war unglaublich nervös, mein Mund war trocken, und ich war unfähig, auch nur die Zahl 13000 auszusprechen. Da stand ein Glas Wasser auf dem Pult, und ich zitterte so sehr, daß ich es nicht in die Hand nehmen konnte.“

Inzwischen ist Tobias Meyer bei Sotheby’s weltweit für die Nachkriegskunst verantwortlich. Richtig berühmt allerdings wurde er durch ein Bild, das schon kurz nach der Jahrhundertwende entstand: Picassos „Junge mit Pfeife“ aus dem Jahr 1905. Der 6. Mai 2004 war einer dieser Tage, die sofort in die Kunsthandelsgeschichte eingehen: Während die beiden letzten von ursprünglich sieben Bietern – Sotheby’s-Mitarbeiter Warren Weitman und der New Yorker Galerist Larry Gagosian – den Preis für das Gemälde schon auf 80 Millionen Dollar getrieben hatten, blickte Gagosian plötzlich irritiert in den Saal. Er nahm sein Mobiltelefon, schüttelte es leicht, hob es wieder ans Ohr – aber die Verbindung mit dem Sammler, den er vertrat, war zusammengebrochen. Sie ließ sich auch nicht wieder herstellen, weil der Kunsthändler vergessen hatte, seinen Akku zu laden. Tobias Meyer sprach lächelnd: „I am happy to wait“ und nahm die Auktion erst wieder auf, als er sah, daß der Bieter über das Telefon seiner Sitznachbarin wieder Kontakt zu seinem Auftraggeber hatte. Den Zuschlag erhielt schließlich trotzdem Weitman – für den neuen Auktionsweltrekord von 104 168 000 Dollar. Über dessen Auftraggeber – Steve Wynn oder Harry Kravix, Paul Allen oder Stephen Cohen, die Erben Niarchos oder die Erben Safra, ein reicher Russe oder ein reicher Chinese – rätselt seither die Kunstwelt.

Tobias Meyer kennt den Käufer, aber alles, was er über ihn verrät, ist wenig überraschend: „Er ist sehr diskret.“ Gegen die Verschwiegenheit der großen Auktionshäuser ist selbst das Schweizer Bankgeheimnis eine Farce. Lieber spricht Meyer darüber, daß der Weltrekord nicht allein sein Erfolg sei: „Der Auktionator wird zu sehr mystifiziert – weil die Bilder so teuer sind. Der ganze Kunstmarkt lebt von Mythen. In dem Moment, in dem das Picasso-Bild aufgerufen wurde, war aber schon viel geschehen. Meine Mitarbeiter hatten den kunsthistorischen Hintergrund des Bildes erarbeitet, ein wunderbarer Katalog war gedruckt worden. Die Abteilung hatte Briefe an Kunden geschrieben, Gespräche geführt. Die Presse berichtete über das Bild. Natürlich hat die Auktion selbst dann auf der einen Seite etwas Vollzughaftes. Wir wußten, daß es einen neuen Rekord geben könnte. Wir wußten nur, daß sich das Bild um den Schätzpreis verkaufen würde, und der lag bei siebzig Millionen Dollar. Es gab fünf Kunden, die gesagt hatten, daß sie das zahlen würden. Ich wollte mit jedem Preis zufrieden sein. Jede gute Auktion muß ein Event sein, wie ein gutes Schauspiel.“ Was man nicht lernen kann, sagt er dann, sei die Nase für das nächste Gebot. Den richtigen Preissprung zu finden, zu merken, ob es da noch jemanden gebe, der mehr zu bieten bereit ist, sei allein eine Frage des Instinkts.

Wenn man allerdings oben auf dem Auktionatorenpult unter diesem enormen Adrenalinschub sitze, dann spüre man Dinge, die man im normalen Leben nicht spürt, sagt Meyer: „Das ist fast animalisch. Je härter es dabei wird, desto ruhiger werde ich. Ich bin dann sogar in der Lage, an der Körperhaltung eines Interessenten im Saal zu spüren, daß jetzt das Bild kommt, das er will.“ Tobias Meyer steht auf und entschuldigt sich. Ein Kunde aus Fernost warte. Natürlich, sagt er im Hinausgehen, könne der Picasso-Preis noch überboten werden – jederzeit: „Es gibt noch viele Bilder, die solche Preise erzielen könnten. Und auf der Käuferseite wird momentan so viel Geld gemacht, daß 300 Millionen Dollar für bestimmte Menschen kein Geld sind. Was jetzt erst beginnt, ist China. Einer meiner wichtigsten Kunden sitzt in Taipeh. Dem verkaufe ich Bilder aus dem 20. Jahrhundert, und er sagt, es sei ihm egal, was die kosten. Und noch etwas unterscheidet die Gegenwart von der Bubble Era der Achtziger, an deren Ende der Kunstmarkt zusammenbrach. Damals waren es japanische Banken, die gegen die Bilder, die sie kauften, wieder Geld liehen. Die Bilder, die wir heute verkaufen, werden an Wänden hängen.“

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