Interpol

Anselm Reyle

"Die Krise hat mich zum Umdenken gezwungen"

Der Künstler Anselm Reyle über die Farbe Neonpink, die Krise und seine Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen

von Daniel Völzke
30.10.2009
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Herr Reyle, Sie sind in Tübingen geboren. Nun ehrt Sie die Kunsthalle dort mit einer großen Ausstellung. Eine Art Heimkehr?
Ja, da ich dort sechs Jahre gelebt habe, dann nicht weit weg davon in Stuttgart und Heilbronn, hat das schon etwas Heimatliches. Später habe ich in Karlsruhe studiert. Meine Kunst in Süddeutschland zu zeigen, ist schon etwas anderes, als sie in Berlin zu präsentieren, wo ich seit zirka zehn Jahren lebe und arbeite. Meine Eltern haben in Tübingen studiert, ich bin dort anfangs in Wohngemeinschaften aufgewachsen und wurde schon im Kinderwagen auf Demos geschoben ...

Der Ausstellungstitel „Acid Mothers Temple“ verweist also nicht nur zufällig auf die 70er-Jahre und ihre Subkultur?
Dieser Hintergrund hat damit zu tun. Der Titel ist für mich wie alle meine Titel vor allem ein Fundstück – so wie meine gesamte Arbeit auch auf Fundstücke basiert. Der Titel stammt von einer japanischen Psychedelicband.

Ist Ihre Kunst psychedelisch? Oder zitiert sie lediglich psychedelische Kunst?
Sie hat psychedelische Momente, wobei die nicht immer im Vordergrund stehen. Aber es sind wichtige Erfahrungen, die ich gemacht habe damals ...

... mit Drogen?
Und mit Musik. Wenn ich heute Neonfarbe verwende, hat das auch immer einen psychedelischen Aspekt.

Was Ihre Kunst mit psychedelischen Erfahrungen gemein hat: die Überwältigung durch die Wahrnehmung und die gleichzeitige Distanz zu ihr. Das kennt man vom Drogentrip.
Da würde ich zustimmen. Dass man sich selbst auch von außen sieht – das spielt in meiner Arbeit eine Rolle. Zudem führe ich Komponenten zusammen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und sehr konträr sind. Wie zum Beispiel einen Heuwagen und die Farbe Neonpink.

Stichwort Überwältigung: Sie haben in Tübingen auch einen Teil des Ausstellungsdesigns übernommen. Waren Ihnen die weißen Wände zu öde?
Man kommt in einen leeren Ausstellungsraum und stellt sich seine Arbeiten darin vor. Manchmal hat man das Gefühl, etwas am Raum verändern zu müssen, um die Arbeiten richtig zur Geltung zu bringen. Das kann mit der Architektur zusammenhängen oder auch mit der Beschaffenheit der Wände. Vielleicht liegt es auch an dem gesamten Umfeld: diese süddeutsche Gemütlichkeit ... Also habe ich Decke, Boden und Wände mit Folie, Teppichen und anderen Materlialien verändert. Weniger als Ausstellungsdesign, sondern als Bestandteil der Arbeit.

Dennoch arbeiten Sie auch hier mit Vorgefundenem, indem Sie Porträts eines fremden Malers mit ausstellen.
Die Kunsthalle hat eine umfassende Sammlung des Malers Georg Friedrich Zundel, sowie einen Raum, der dafür gerne genutzt wird. Mich haben seine Arbeiten – typische Landschafts- und Porträtmalerei im Goldrahmen – erstmal nicht so besonders interessiert, ich habe sie eher als etwas „Altes“ begriffen, womit ich meine Sachen konfrontieren kann.

Ein ironischer Umgang?
Nicht unbedingt ironisch, ich habe die Bilder von Zundel ausgesucht, die mir am besten gefallen haben. Es ging mir um Konfrontation und Verzahnung gleichzeitig. Mir ist aber bewusst, dass diese Art der Präsentation etwas Schräges hat.

So schräg wie die Idee, im Begleitprogramm zur Ausstellung Filme mit Terence Hill und Bud Spencer zu zeigen?
Auch das ist eine Reaktion auf Vorgegebenes. Ich sollte meine drei Lieblingsfilme angeben, dass diese im Begleitprogramm gezeigt werden. Daraufhin habe ich mich für drei Bud-Spencer-Filme entschieden.

Wirken Ihre Arbeiten anders in einer kleineren Stadt als in Metropolen?
Der Ausstellungsort ist natürlich entscheidend für die Rezeption. Der Ort und die Räume bestimmen die Wirkung der Kunst immer mit. Ich habe bislang wenig in Süddeutschland ausgestellt, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Kunst hier vielleicht nicht am richtigen Platz ist. Dass sie hier möglicherweise nicht richtig verstanden wird. Später, 2003, hatte ich mit meiner Mutter gemeinsam in Heilbronn, wo ich lange gelebt habe, eine Ausstellung. Das war einerseits sehr interessant, andererseits hatte ich auch das Gefühl: Hier braucht niemand, was ich mache. Meine Kunst hat hier eigentlich nichts verloren. Diese Erfahrung hat mich zusätzlich dazu veranlasst, mir einen eigenen Umraum zu schaffen, in dem die Kunst wieder eine andere Selbstverständlichkeit bekommt.

Zum Kontext Ihrer Arbeiten gehört auch, dass sie eine enorme Preissteigerung erfuhren. Wie sieht Ihre Bilanz ein Jahr nach Einbruch der Krise aus? Hat sich Ihre Arbeit geändert?
Ich habe die Krise von Anfang an zu spüren bekommen. Doch genauso überraschend, wie sie in diesem Ausmaß kam, hat sich die Situation, vor allem durch die Ausstellung in New York wieder gewendet...

... Ihre Show „Monochrome Age“, die Sie dort im vergangenen Monat bei Gagosian gezeigt haben, ist ausverkauft ...
Ich hatte sehr aufwendige Sachen dafür hergestellt, das hätte auch daneben gehen können. Mit meinem großen Atelierbetrieb, war ich durch die Krise gezwungen, umzudenken. Der Betrieb ist nun kleiner, die Produktion zurückgefahren, aber grundsätzlich hat sich wenig geändert, die Experimentierfreude und die Vielfalt der Ideen und Projekte ist geblieben.

Nun kommt auch eine neue Aufgabe hinzu: Sie sind kürzlich Professor an der Hamburger Hochschule für bildende Künste geworden. Was möchten Sie Ihren Studierenden beibringen?
Mehrere Jahre war ich schon Gastprofessor an verschiedenen Kunstakademien. Darüber habe ich viel erfahren über die Lehre und über mich selbst. Ich möchte die Studierenden dazu ermutigen, möglichst viel auszuprobieren und nicht zu schnell einen eigenen Stil zu suchen. Sie sollten auch viel mit Dingen experimentieren, die ihnen erstmal fern liegen – oder die ihnen sogar peinlich sind.

"Acid Mothers Temple" ist bis zum 10. Januar in der Kunsthalle Tübingen zu sehen. Am 4. November läuft im Begleitprogramm der Film "Vier Fäuste gegen Rio" (1984), am 15. November spricht Anselm Reyle mit Kurator Daniel J. Schreiber. Informationen unter www.kunsthalle-tuebingen.de
Im Dumont-Verlag ist kürzlich der Band "The ART of Anselm Reyle" erschienen. Er hat 532 Seiten und kostet 228 Euro