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"Creamier" - Handbuch zur Gegenwartskunst

Schlechte Zeiten!

"Creamier", das neue Handbuch zur Gegenwartskunst, gibt sich erfreulich unbeeindruckt. Es ist ein gründliches Werk geworden, obwohl in diesem großformatigen, ungebundenen Band so viele widersprüchliche Interessen vereint werden mussten

von Silke Hohmann
18.08.2010
Lisa Anne Auerbach "Photomural for Notthingham Contemporary Window Installation", 2009, Fotografie, 670 x 304 cmzur Bilderstrecke
Lisa Anne Auerbach "Photomural for Notthingham Contemporary Window Installation", 2009, Fotografie, 670 x 304 cm

Alle drei Jahre gibt der Phaidon-Verlag ein neues Überblickswerk zur zeitgenössischen Kunst heraus. Das Prinzip: Zehn junge, internationale Kuratoren stellen jeweils zehn junge, noch nicht etablierte Künstler vor. Die ersten Ausgaben, prächtige Coffeetable-Exemplare, oszillierten wie Perlmutt, waren verpackt wie in ein Kissen aus Choco Hazelnut Latte oder leuchteten grell und selbstbewusst, wie die Gegenwartskunst es eben so machte in den vergangenen 15 Jahren.

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  • Lisa Anne Auerbach "Photomural for Notthingham Contemporary Window Installation", 2009, Fotografie, 670 x 304 cmNathalie Djurberg "The Experiment (Cave)", 2009, Video, 6:39 min. Kostis Velonis "How one can think freely in the shadow of a temple", 2010, Diaprojektion, variable MaßeAlthea Thauberger "The Art of Seeing Without Being Seen", 2007-08, inkjet wall mural, ca. 442 x 459Pablo Bronstein "City Monument with Organ Motif", 2006, Tinte und Gouache auf Papier im Rahmen, 52 x 46 cmFrontcover "Creamier"
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Jetzt ist der erste Band seit der Weltwirtschafts- und also auch der Kunstmarktkrise erschienen, im grauen Pappschuber. Man wäre gar nicht darauf gekommen, die Themen „globale Wirtschaftslage“ und „aufstrebende Kunst“ so zwingend miteinander zu verknüpfen, wenn sich nicht ein einleitendes Interview mit den Kuratoren in der Frage verrennte, wie die Kunst und die Krise miteinander klarkommen sollen.

Die Kuratoren – Chuz Martínez aus Barcelona, Douglas Fogle aus Los Angeles, Yukie Kamiya aus Hiroshima sowie Adam Szymczyk und Elena Filipovic, die als Kuratorenteam der 5. Berlin-Biennale bekannt wurden, sprechen brav von den großen Chancen, die schlechte Zeiten immer mit sich brächten. Lediglich Tirdad Zolghadr gibt zu, über die Krise eigentlich gar nicht genug Bescheid zu wissen, um dazu ernsthaft eine Meinung zu äußern.

Und auch die Kunst selbst zeigt sich erfreulich unbeeindruckt: Von weitgehend eingeführten Künstlern wie Paul Chan oder Tom Burr (vorgeschlagen von Debra Singer aus New York) bis hin zu frischen Positionen wie der jungen Schottin Kate Davis (die bislang nur in Großbritannien ausgestellt hat und von Szymczyk empfohlen wird) ergibt sich so etwas wie eine richtig gute Biennale zwischen den Seiten – mit einer bemerkenswerten Frauenquote von gut einem Drittel. Shilpa Gupta aus Bombay, Nina Canell, Nairy Baghramian und die auf der aktuellen 6. Berlin-Biennale vorgestellte Shannon Ebner sind jetzt schon mehr als ein kurzlebiges Versprechen.

Es ist ein gründliches Werk zur Gegenwartskunst geworden, obwohl in diesem großformatigen, ungebundenen Band so viele widersprüchliche Interessen vereint werden mussten: Die Personalien der Kuratoren stehen mindestens so im Vordergrund wie die der Künstler – ein Umstand, der in Ausstellungen immer als problematisch empfunden wird.

Die Buchform steht der einer kuratierten Schau entgegen, deren Dramaturgie allerdings nur dem Alphabet gehorcht. Die Skepsis der jungen Kuratoren gegenüber Best-of-Listen hat sich zaghaft gegen das Interesse der Öffentlichkeit zu behaupten, eine ebensolche zu produzieren.

Wenn es allerdings keine ironische Absicht sein sollte, dann ist es ein dummer Zufall, dass die lachsfarbenen, lose ineinandergelegten 300 Blätter so seltsam an die „Financial Times“, die internationale Ökonomenzeitung, erinnern.

"Creamier: Contemporary Art in Culture: 10 Curators, 100 Contemporary Artists, 10 Sources". Auf Englisch. Phaidon, 300 Seiten, 39,95 Euro

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