54. Venedig-Biennale

Zum Tod Christoph Schlingensiefs

Der wahre Erbe von Joseph Beuys

Der Regisseur Christoph Schlingensief ist tot. Von ihm gingen wichtige Impulse auch für die bildende Kunst aus. Im kommenden Jahr sollte er Deutschland auf der Venedig-Biennale präsentieren

von Anna Pataczek
22.08.2010
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„Ich höre die Leute schon reden: Der wilde Schlingensief, der Provokateur, das Enfant terrible ... natürlich wahnsinnige Anstrengungen ... hat bis zum letzten Atemzug gekämpft ... am Ende dann doch in der Klinik soundso ..." Diese Sätze sprach Christoph Schlingensief im Januar 2008 auf sein Tonband, an dem Tag, an dem bei ihm der Krebs definitiv nachgewiesen wurde. Und er ergänzte trotzig: „Das passt doch nicht."

Der große Filmemacher, Theaterregisseur und Aktionskünstler wusste, wie die Medienmaschinen funktionieren - und wehrte sich. „Ich bin nicht auf der Welt, um alles schräg zu machen und zu verkanten. Ich glaube nur nicht an das, was ich immer sehe", sagte er kürzlich im Monopol-Interview.

Schlingensief war der Sohn eines Apothekers und einer Krankenschwester, geboren 1960 in Oberhausen. Das Germanistik-Studium brach er ab, er machte lieber Experimentalfilme, arbeitete als Aufnahmeleiter bei der ARD-Serie „Lindenstraße“ und provozierte Ende der 80er-Jahre mit Filmen wie „100 Jahre Adolf Hitler“ oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“. In den 90er-Jahren holte Frank Castorf Schlingensief als Hausregisseur an die Volksbühne in Berlin. Seine Bayreuther Parsifal-Inszenierung ist inzwischen legendär, obwohl ihm viele eine ehrliche, tiefe Auseinandersetzung mit Wagner gar nicht zugetraut hatten. Anfang 2010 wurde der Grundstein für sein großes Herzensprojekt gelegt: ein Operndorf in Burkina Faso.

Mein Filz, mein Fett, mein Hase
Als Schlingensief 2008 die Diagnose Lungenkrebs erhielt, machte er das Leiden zum Thema seiner Gesamtkunstwerke, seiner „Ready-made-Opern“. Noch vor wenigen Wochen stand er in seiner Produktion „Via Intolleranza II" selbst auf der Bühne. „Ich gieße eine soziale Plastik aus meiner Krankheit. Und ich arbeite am erweiterten Krankenbegriff“, schrieb Schlingensief in seinm Krebstagebuch.

„Für mich ist er einer der wahren Erben von Joseph Beuys“, sagte Klaus Biesenbach, Direktor des P.S.1 in New York. 1997 wurde Schlingensief während seiner Documenta-X-Aktion „Mein Filz, mein Fett, mein Hase" verhaftet, weil er ein Plakat mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ verwendete. Er nahm am Bundestagswahlkampf mit seiner eigenen Partei „Chance 2000“ teil. In Anlehnung an die TV-Show „Big Brother“ steckte er in Wien Asylbewerber in einen Container vor dem Opernhaus in Wien.

Als Teilnehmer der von Hans-Ulrich Obrist kuratierten Ausstellung „Utopia Station“, die Teil der 50. Biennale von Venedig war, rief Schlingensief die „Church of Fear“ aus: Im Eingangsbereich der Giardini harrten Pfahlsitzer aus, im hinteren Ausstellungsbereich stand eine Kapelle der Angst. Wenige Monate nach dem Beginn des zweiten Irak-Krieges beschäftigte sich Schlingensief bereits mit der manipulativen Macht der Angstmache und benannte mit „CoF“ schon sehr früh ein Thema, das erst zum Ende der Ära Bush gesellschaftlich diskutiert wurde.

In seinen Installationen bediente sich Schlingensief immer wieder des Mediums Film, wie in seiner Abendmahlgruppe mit überdimensionalen Pappmaché-Figuren, in deren Bäuchen seine Filme aus dem brasilianischen Urwald liefen, oder in der raumgreifenden Videoarbeit „18 Bilder pro Sekunde“ für das Münchner Haus der Kunst (beides 2007). Seine Atta-Kunst, Malerei, entstand in eruptiven, chaotischen Performances. Der Künstler wurde von der Schweizer Galerie Hauser & Wirth vertreten.

Theater war nie mein Ding
Im Monopol-Interview (1/2008) behauptete Schlingensief: „Theater war noch nie mein Ding. Dieses blöde Nachvorneglotzen.“ Das Museum sei ihm dagegen ein Schutzraum. Dort könne er alleine arbeiten wie im Schneideraum. „Im Museum kommt die Konzentration zurück, die ich im Theater verloren habe“, sagte er damals.

Am Ende, so muss man aus heutiger Sicht sagen, sollte er der Repräsentant eines Landes werden, das er oft genug in seinen Arbeiten verspottete: Christoph Schlingensief sollte den deutschen Pavillon auf der Biennale 2011 in Venedig gestalten. Kritiker seiner Einladung beschwichtige Schlingensief kürzlich, er sei „in der eigentlichen Kunstszene gar nicht stark verankert“, daher solle sich durch seine Berufung auch kein Künstler angegriffen fühlen. „Ich bin keine Konkurrenz." Die Kuratorin Susanne Gaensheimer, Leiterin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, hatte ihn beauftragt, weil er „einer der ganz wesentlichen Künstler dieses Landes" war, der sich seit etwa 30 Jahren „in radikaler und rückhaltloser Direktheit mit der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Befindlichkeit der deutschen Bundesrepublik" beschäftigte.

Am Samstag erlag Christoph Schlingensief seinem Krebsleiden. „Wir haben uns inmitten der Planungen befunden", sagt Susanne Gaensheimer. „Jetzt werden wir im Laufe der nächsten Wochen prüfen, was auf der Grundlage dieser Ideen zu tun ist. Sein Tod und all das, was jetzt nicht mehr gesagt und getan werden kann, sind für die Kunst und die Welt ein unbeschreiblicher Verlust.”

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