The Universe of Keith Haring
Alles war Fun
Der Popkünstler Keith Haring in einem Filmporträt
Der Pop Shop in der New Yorker Lafayette Street ist seit vier Jahren geschlossen und ins Internet gewandert. Keith Haring wollte Kunst für jedermann zugänglich machen, er hatte deshalb seine Figuren auf T-Shirts, Tassen und Taschenkalender drucken und in seinem Pop Shop verkaufen lassen. Auch die Möglichkeiten des Internets hätte er sicher zu nutzen gewusst. Der früh verstorbene US-Künstler hat Underground, Kunstmarkt und Massenkultur zusammengebracht, er hat das Lebensgefühl des 80er-Jahre-New-Yorks zu echter Folklore gemacht. Heute wirkt das allerdings etwas erstarrt.
Langsam wäre es an der Zeit, dass Keith Haring als Mensch und Künstler wieder sichtbar wird hinter all den Merchandising-Overkill. Dass aus der Ikonenhaftigkeit seines Werks, das so sehr für eine Epoche steht, etwas Zeitloses, heute noch Gültiges isoliert wird. Diesen Versucht unternimmt der wunderbare Dokumentarfilm „The Universe of Keith Haring“, der heute in deutschen Kinos anläuft und auf Arte ausgestrahlt wird.
Regisseurin Christina Clausen hat die Eltern („Wir waren so stolz auf ihn!“), Schwestern und Gefährten von Haring befragt, Zeitzeugen wie Yoko Ono, Fab 5 Freddy, David LaChapelle oder Tony Shafrazi zeichnen ein Bild eines Jahrzehnts und eines endlos optimistischen Charismatikers. „The Universe of Keith Haring“ setzt sich zudem zusammen aus Interviewschnipseln mit Haring selbst, aus Footage (Madonna singt auf Harings Geburtstag, Grace Jones von Haring bemalt), Fotografien, seinen künstlerischen Filmen und Animationen. Clausen nimmt in Schnitt, Schwenks und Reißzooms das Tempo auf, das Haring mit seinem Leben und seiner Kunst vorgegeben hat - ohne dass das peinlich oder gehetzt wirken würde.
Wir sehen den schlaksigen Hipster mit den abstehenden Ohren, der selbst etwas von einer Comicfigur hat, seine krabbelnden Babys und bellenden Hunde auf Papier, Plane, T-Shirts, Wände, Autos oder die Berliner Mauer malen. In U-Bahn-Stationen, in Museumskantinen, schwulen Bade- und sterilen Krankenhäusern: Der Künstler versieht mit Kreide, Edding oder Pinsel den Ort mit ornamentalem Freestyle.
Harings Arbeiten und er selbst als Figur wirken häufig so, als wäre alles auf einmal dagewesen – doch hier wird eine Entwicklung sichtbar. Die Doku zeigt die Anfänge in Pittsburgh und die Selbstfindung in der großen Stadt New York. „Alles herum war Fun“, sagt Künstlerkollege und zeitweiliger Mitbewohner Kenny Scharf. Aids und Reagan sollten das bald ändern, und Haring findet Antworten darauf, engagiert sich politisch, fertigt agitatorische Collagen an und, als bei ihm der HI-Virus diagnostiziert wird, kämpft er auf der Straße und mit seiner Stiftung für eine bessere Aids-Politik.
Dass der Film Keith Haring als Hedonisten und Aktivisten, als Künstler und Unternehmer, Freund und Rockstar zeigt, ohne, dass die Person je auseinanderfällt, ist sein großer Verdienst.
"The Universe of Keith Haring" läuft heute in deutschen Kinos an und wird um 23.25 Uhr auf Arte gezeigt (Wdh. am 31.7. um 1.10 Uhr)
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