Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie
Nichts ist zu wertlos
Der amerikanische Fotograf Stephen Shore gilt als ein Pionier der künstlerischen Farbfotografie. Jetzt eröffnet eine Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf, die den Einfluss des diesjährigen Kulturpreisträger der Deutschen Gesellschaft für Photographie auf eine jüngere Generation sichtbar macht
Understatement braucht Selbstvertrauen, und daran kann es dem 1947 in New York City geborenen Stephen Shore nie gefehlt haben. Als 14-Jähriger verkaufte er einige seiner Fotos an das Museum of Modern Art. Mit 17 lernte er Andy Warhol kennen und vertrieb sich die Zeit in dessen Factory, fotografierte oder setzte das Licht für Auftritte der Band Velvet Underground. 1971 wurde ihm als zweitem lebenden Fotografen überhaupt (der erste war Alfred Stieglitz) eine Einzelschau im Metropolitan Museum ausgerichtet, da war er 24. Im Jahr darauf brach er zu einer Reise quer durch sein Heimatland auf und kehrte mit zwei Serien zurück, die heute im kollektiven Bildergedächtnis als gültiges Porträt der USA in den 70ern verankert sind: den „American Surfaces“ und den „Uncommon Places“.
Stephen Shore fotografierte keine ungewöhnlichen Orte: sein Motelzimmer, den Frühstückspfannkuchen, Autos, Hunde, Landschaften, die Main Street verschlafener Nester. Das Äquivalent dessen, was der New Journalism zur selben Zeit und die Beatniks einige Jahre zuvor schriftlich zu fassen versuchten. Für die Fotografie Neuland.
Nichts ist für Shore zu wertlos, um fotografiert zu werden. Alles ist Kunst, und gerade deshalb strebt er ungekünstelte Seherfahrungen an, schert sich nicht um die Unterscheidungen von dokumentarischen, formalistischen, unmittelbaren Ansätzen und bricht mit dem Schwarz-Weiß-Imperativ. Vermeintlich banale Details, das hat er bei Warhol gelernt, erweisen sich als bildwürdig, Straßenkreuzungen oder bis zum Horizont sich reihende Strommasten ergeben subtile Strukturen. Wirklichkeitserfassung in dieser Intensität ist immer auch Poesie und soziologischer Röntgenblick.
Shore gilt heute neben William Eggleston und Joel Sternfeld als einer der Pioniere der New Color Photography. Seine Bedeutung wird gerade auch mit Blick auf Deutschland deutlich. Kein Fotograf der Nachkriegszeit, Michael Schmidt ausgenommen, wagte es hier, sich in dieser Hingabe und Radikalität mit dem eigenen Land auseinanderzusetzen. Im Alltag sah man bestenfalls eine biedere Verdrängung der Nazigräuel, Begriffe wie Heimat waren suspekt, das Bildermachen selbst ein Akt der Negation. Bernd und Hilla Becher als wohl bekannteste Fotografen der Zeit zwangen sich in ein konzeptuelles Korsett (keine Farbe, keine Menschen, keine Handschrift) und nahmen Fachwerkhäuser und Industriebauten auf – die bundesrepublikanische Gegenwart blieb außen vor.
Dennoch zeigten sie bald Interesse an Shores Arbeiten – man kannte sich von der Gruppenausstellung „New Topographics“ – und stellten sie in ihren Klassen an der Düsseldorfer Akademie vor. In den frühen Serien der Becher-Schüler Ruff, Struth und Gursky und auch in den Ruhrgebietsaufnahmen von Joachim Brohm sieht man deutlich Shores Einfluss. Eine Schau im Düsseldorfer NRW-Forum geht diesem fruchtbaren Austausch jetzt nach – sie wird für Shore als diesjährigen Kulturpreisträger der Deutschen Gesellschaft für Photographie ausgerichtet.
„Der rote Bulli. Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie“. NRW-Forum Düsseldorf, 11. September bis 16. Januar 2011.
In Berlin zeigt die Galerie Sprüth Magers ab 12. November zudem Arbeiten aus Shores Serien „Uncommon Places“ und „A Road Trip Journal“, 12. November bis Mitte Januar 2011. In der September-Ausgabe von Monopol veröffentlicht der Künstler ein Portfolio mit bislang unbekannten Fotografien, die in Abu Dhabi entstanden
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