Jean-Jacques Aillagon
"Versailles ist eine Pop-Maschinerie"
Jetzt toben sie wieder: Kurz vor Eröffnung der Ausstellung des japanischen Popkünstlers Takashi Murakami im Schloss von Versailles leisten französische Konservative Widerstand gegen die vermeintliche "Entehrung" des nationalen Erbes. Der von ihnen angegriffene Leiter von Schloss Versailles, Jean-Jacques Aillagon, im Monopol-Gespräch über Kunst und Macht, Schönheit, Pop und Tradition
Nach Jeff Koons Ausstellung in Versailles besetzt nun Murakami mit seinen Manga-Figuren die Räume und den Schlosspark des Sonnenkönigs. Braucht es tatsächlich so spektakuläre Künstler, um die Medientrommel zu rühren?
Nein, die Besucher sterben nicht aus. Im Gegenteil. Derzeit sind es 25.000 pro Tag, Schloss und Park inbegriffen. Außerdem gibt es Audio-Guides in 13 Sprachen, so viel wie in den Museen des Vatikans. Ich möchte nur die starren Barrieren zwischen den verschiedenen Epochen aufbrechen, berühmte zeitgenössische Künstler einladen, die sich in Rang und Namen mit Versailles messen können. Künstler, die populär sind wie Versailles.
Für Historiker und Traditionsbewusste ist diese Mixtur von hohem Kulturerbe und populärer Kunst eine Beleidigung.
Hören Sie, ich will mit dieser Konfrontation von Tradition und Zeitgeist dem breiten Publikum klarmachen, dass unser Erbe keine tote Materie ist, sondern lebendige Realität. Dass ein spannender Dialog stattfinden soll zwischen gestern und heute. Die Kunst der Antike, des Mittelalters oder etwa der afrikanischen Kulturen ist ebenso universell und zeitlos. Und es ist doch fantastisch, so vielen Jugendlichen wie möglich die Augen zu öffnen für diesen historisch wichtigen Ort. Konservativ gesinnte Leute finden vielleicht genauso Geschmack an den aktuellen Events, die Versailles bietet, dazu gehören Rockkonzerte oder moderne Ballettaufführungen wie vom Choreographen Angelin Preljocaj.
Dennoch, für Ihre Gegner, die sich in den Initiativen "Versailles mon amour" und "Non, aux Mangas" organisieren, sind die plakativen Fabelwesen Murakamis ein wahrer Schock, als ob man das Lächeln der Mona Lisa verunstalten würde.
Klar, Neues ruft immer Kontroversen hervor. Bei den 22 Skulpturen Murakamis – davon elf Entwürfe, die exklusiv für Versailles hergestellt wurden – handelt es sich nicht etwa um laszive Installationen wie "My Lonesome Cowboy" oder "Hiropon". Wir sind da diskret geblieben. Ich möchte betonen, dass ich ein passionierter Befürworter unseres Kulturerbes bin, mich mit Leib und Seele für die Renovierungen der königlichen Oper, des Theaters Marie Antoinettes, des Kleinen Trianons, der Marmorbänke im Park einsetze. Es gibt noch viel zu tun.
Also kann Sie die massive Polemik nicht kalt lassen.
Ich liebe den Dialog, aber ich hasse Polemik. Polemiker berufen sich nicht auf die Vernunft, sondern leben mit Vorurteilen. Die Kritiker haben nicht begriffen, dass Versailles keine "Gruft " ist, sondern seinerzeit schon ein Kulminationspunkt der Künste war. "Les Arts , c'est moi". Der Ausdruck stammt vom Sonnenkönig. Er holte den großen Maler Le Brun an den Hof, den Ebenisten Charles Boulle, die Architekten Le Vau und Hardouin-Mansart, den Musiker Lully und schließlich Molière. Versailles war ein Ort der ständigen Innovationen. Alle 30 Jahre erneuerte man das Interieur. Ludwig XIV, Ludwig XV und auch Ludwig XVI, die hier lebten samt Ehefrauen, waren echte fashion-victims. Hätte es in den 20er- und 30er-Jahren noch eine Monarchie gegeben, würden hier Bauhausmöbel stehen oder Mobiliar von Charlotte Perriand und Le Corbusier.
Offensichtlich ist es Mode, Avantgardisten in historische Kulturstätten zu holen. Der Louvre setzte zum Beispiel Skulpturen vom Belgier Jan Fabre zu den Gemälden von Rembrandt und van Dyck. Eine Mode, die ephemer bleibt?
Wenn diese Mode, wie Sie meinen, nicht in reinen Formalismus ausartet, ist die Bewegung doch positiv. Wissen Sie, bei der Auswahl der Künstler muss ein profundes Motiv dahinterstecken. Takashi Murakami hat zum Beispiel eine neue Bilderwelt ins Leben gerufen. Einmal schöpfte er aus der Quelle japanischer Tradition, den Farbholzschnitten von Hokusai, dem Protagonisten der Manga, der Comics. Außerdem faszinierten ihn die japanischen klassischen Themen Schnee, Mond, Blumen und Vögel. Zum anderen inspirierte er sich an der Pop-Art von Andy Warhol. Und hinter seinen niedlichen Minifiguren oder Monstern à la Mickey Mouse, hinter seinen lachenden, naiven Blütenwiesen verbergen sich Ironie und Witz. Wie Warhol, Koons und Konsorten kritisiert er damit unsere Bilderflut, unsere Massenmedien, unseren Konsum auf spielerische Art. Jeder kann sich damit identifizieren. Seine östlich und westlich inspirierten Werke und kostbar verarbeiteten Skulpturen haben inzwischen einen so guten Ruf wie Versailles. Insofern ist Versailles im weiten Sinn eine Art geistige Pop-Maschinerie.
Ach wirklich?
Ja, Versailles ist eine universelle Ikone und wenn man will, so populär wie die "Campbell"-Suppenkonserven, die Andy Warhol künstlerisch verewigte. Versailles ist ein kulturelles Aushängeschild für die breite Öffentlichkeit geworden wie der Eiffelturm, die Porta Pia in Rom, die ebenso vergleichbar sind mit den Neo-Pop-Ikonen unserer Zeit.
Jeff Koons sagte einmal, Kunst folge der Macht. Wird Kunst nicht letztlich vom Markt gesteuert, so dass man nicht mehr zwischen Kunst und Kommerz unterscheiden kann, wie Koons und Murakami es demonstrieren?
Gut, der Markt spekuliert mit Gegenwartskunst mehr denn je und treibt die Preise in die Höhe. Ein Murakami ist inzwischen über 15 Millionen Dollar wert. Ich verfolge regelmäßig die Auktionen von Sotheby's und Christie's, weil sie die kulturelle Bandbreite des Kunstmarktes wiedergeben. Das ist auch wichtig für eine Institution wie Versailles. Ich bin kein Kunstspezialist, aber wie ein praktischer Arzt diagnostiziere ich den Allgemeinbefund kultureller Strömungen.
Ihre Karriere begann als Geografie- und Geschichtslehrer. Dann wurden Sie 1993 Kulturleiter der Stadt Paris, 1996 Präsident des Centre Pompidou, 2002 Kulturminister, 2004 Leiter der Fondation Palazzo Grassi des Luxusmagnats und Kunstsammlers François Pinault. Seit 2007 sind Sie Herr von Versailles und leben sogar in einem Pavillon im Schlosspark. Haben Sie noch Wünsche?
Wissen Sie, ich habe nie meine Karriere geplant. Ich habe nur im gegebenen Moment die richtigen Entscheidung getroffen. Eines bedaure ich jedoch: Dass ich nie Leiter des deutsch-französischen TV-Kultursenders Arte geworden bin. Die deutsche Kultur ist mir sehr nahe. Erstens bin ich in Metz geboren. Zweitens spielt Deutschland in der modernen Kunst eine bedeutende Rolle. Denken Sie an das Bauhaus in Weimar, den deutschen Expressionismus, der mich besonders fasziniert hat. Heute bin ich ein Fan von Sigmar Polke. Seine großartigen Bilder, seine Sensibilität und Ironie in Reaktion auf die Pop-Art sind genial.
Was macht für Sie die Schönheit eines Kunstwerks aus?
Kunst ist weder schön noch hässlich. Grünewalds Isenheimer Altar in Colmar ist schaurig und doch ergreifend. Kunst ist eine geistige Auseinandersetzung des Künstlers mit der Umwelt. Kunst handelt von der Humanität, vom Wesen des Menschen, seinen Schicksalen, die glücklich oder unglücklich sein können. Das Fatale ist nur, dass Unmenschlichkeit aus Ignoranz und Fanatismus entsteht. Weltoffene und kritische Menschen tragen immer zur Verbesserung der humanen Werte bei.
Die Murakami-Ausstellung läuft vom 14. September bis 12. Dezember 2010
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