Interpol

Raritäten im Internet

Robin Hood der Avantgarde: Kenneth Goldsmith und Ubu.com

Von Dada bis Julian Schnabel, von Bas Jan Ader bis Valie Export: Ubu.com ist eine Schatztruhe voller Künstlerfilme, Texte, Musik und kruder Raritäten. Der Gründer des Projekts, der Dichter Kenneth Goldsmith, spricht diese Woche in Berlin

von Sebastian Frenzel
28.04.2009
© David Velasco, 2008
© David Velasco, 2008

König Ubu war ein tyrannischer, fettleibiger und insgesamt etwas lächerlicher Offizier, der sich gewaltsam den polnischen Thron unter den Nagel riss, mit einer Klobürste als Zepter und einem unangenehmen Drang zu Fäkalausdrücken. So jedenfalls zeichnete ihn Alfred Jarry in seinem 1896 erschienenen Theaterstück, das zur Lieblingsgroteske der Dadaisten, Surrealisten und später auch der Autoren des Absurden Theaters wurde. Wer heute auf die Website www.ubu.com geht, sieht denn auch als erstes das tieffaltige Gesicht Samuel Becketts. Darunter eine Bleiwüste, die jede Bühnenausstattung von "Warten auf Godot" dekorativ erscheinen ließe. Die es jedoch in sich hat.

Mehr zu diesem Artikel:
Externe Links

Ubu.com ist eine unabhängige, unkommerzielle Website, und eine der wohl ergiebigsten Quellen für Künstlerinterviews, Künstlerfilme, Tondokumente und theoretische Schriften. Großartiger zeitgenössischer Unsinn wie Jonathan Meeses Video "Die Diktatur der Kunst" finden sich hier genauso wie Dada-Gedichte von Tristan Tzara, Filme von Bas Jan Ader oder Musik des Beat-Poeten Paul Bowles und viel Performance- und Videokunst aus den 60er- und 70er-Jahren. Vor allem aber gibt es Ubu viele Werke, die man selbst in umfassenden Künstlerretrospektiven kaum je zu Gesicht bekommt: Julian Schnabels Country-Musik etwa, Filme von John Lennon, ein Video von Salvador Dalí aus den 70er-Jahren oder Gedichte von Dan Graham. Zusätzlich stellen jeden Monat Autoren, Kuratoren, Galeristen oder Künstler wie Neville Wakefield, Zach Feuer, Rick Moody oder Seth Price eine Liste ihrer Lieblingskunstwerke zusammen.

Ubu.com wurde bereits 1996 von dem amerikanischen Dichter und Universitätsprofessor Kenneth Goldsmith gegründet und wird heute von einem Kreis Freiwilliger betreut. "Wir sind so etwas wie der Robin Hood der Avantgarde, wir nehmen von wenigen und geben allen", so Goldsmith gegenüber Monopol. Zunächst konzentrierte sich die Seite auf visuelle und konkrete Poesie, mit größeren Speichermengen kamen anschließend Soundfiles und schließlich auch Filme und Videos dazu. Vieles davon kam durch Kooperationen mit amerikanischen Universitäten zustande.

Unbedingt empfehlenswert sind auch die digitalen Versionen des legendären Kunstmagazins "Aspen", das Phyllis Johnson zwischen 1965 und 1971 herausgab. Jede der zehn Ausgaben kam damals in einer Box mitsamt Booklet, Schallplatten, Postern und einmal sogar mit einem Super 8 Film, ein früher Vorreiter dessen, was heute das "Visionaire"-Magazin versucht. Andy Warhol oder Dan Graham gestalteten einzelne Hefte, Lou Reed oder Susan Sontag steuerten Texte bei.

Was man bei ubu.com vergeblich sucht, sind Werbeanzeigen oder Spendenaufrufe. So sehen sich die Macher denn auch rechtlich abgesichert durch die "Fair-use"-Verbreitung, die die Weiterverbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material für wissenschaftliche oder künstlerische Zwecke erlaubt, soweit keine finanzielle Absichten verfolgt werden. Dennoch, so Goldsmith, könne die Seite jeden Tag vom Netz gehen, denn rechtlich befindet sich die Macher in einer Grauzone. Bis dahin bleibt ubu.com eine der spannendsten Seiten im Internet.

Am 1. Mai spricht Kenneth Goldsmith im Rahmen der Ausstellung "Discover Us" in den Uferhallen über konzeptuelles Schreiben. Mehr unter www.discover-us.org

ANZEIGE
AKTUELLES HEFT
Aktuelles Heft

Go West! Wo Berlins Zukunft liegt. Der Westen der Stadt erfindet sich neu

James Turrell Im Rausch des Lichts: Eine Reise in den Dschungel

Metahaven Das Amsterdamer Büro für Gestaltung erklärt Corporate Design für überflüssig

Die neue Lust am Handwerk Die Grenzen zwischen Handwerk, Design und Kunst verwischen, aber wo bleibt die gesellschaftliche Utopie?

Portfolio Candida Höfer Eine frühe Schwarz-Weiß-Serie zeigt die Künstlerin als Reisefotografin

Monopol 05/2013
AM KIOSK
AUF DEM iPAD
IM SHOP
ALS ePaper
ANZEIGE