Kommentar

Klappe halten

Auf, zu – und wieder auf: Das Hickhack um die Hamburger Galerie der Gegenwart zeigt erneut, wie die Finanzkrise sich durch die Kulturlandschaften frisst

von Stefan Koldehoff
17.06.2010

Wer kommt als Nächstes? Die Berliner Nationalgalerie, die erklärt, im Foyer seien alle Aschenbecher voll, deshalb könne man erst im Frühjahr 2011 wieder öffnen? Oder die Münchner Pinakothek der Moderne, in der plötzlich das Toilettenpapier ausgegangen sei, weswegen in den kommenden neun Monaten leider keine Wechselausstellungen mehr gezeigt würden?
Ähnlich seriös klangen vor einigen Wochen die Nachrichten aus der Hamburger Kunsthalle: Falsch installierte Brandschutzklappen erforderten die Schließung der Galerie der Gegenwart bis Herbst. Dass das nicht stimmen konnte, war selbst dem verwaltungsunkundigsten Besucher des Museums sofort klar.
Was folgte, war ein mehr als peinlicher Rückzieher. Erst ließ die düpierte Kultursenatorin Karin von Welck erklären, der Neubau dürfe „nicht aus Einspargründen geschlossen werden“. Schließlich hieß es, die defekten Brandschutzklappen könnten genauso gut bei laufendem Betrieb ausgetauscht werden.
Was steckt hinter den Rochaden? Natürlich geht es um Geld. Die Ankündigung an der Alster war ein Hilferuf, um stellvertretend für alle deutschen Museen auf die desolate finanzielle Ausstattung hinzuweisen. Seit Jahren streichen die Träger (Kommunen, Länder und Bund) systematisch die Etats zusammen. Kultur wird in den Kommunal- und Landesverfassungen weitgehend als „freiwillige Aufgabe“ definiert. Sie kann, muss aber nicht aus Steuermitteln finanziert werden. Wer ein neues Werk anschaffen will, sieht sich genötigt, bei lokalen Mäzenen betteln zu gehen. Und wer gar an eine Blockbusterschau zu denken wagt, muss dafür die Klinken großer Konzerne putzen. Die wiederum wollen ihr Engagement mit Einfluss auf die Inhalte honoriert sehen. Berlin und Düsseldorf haben das in jüngerer Vergangenheit eindrucksvoll vorgemacht: In der Neuen Nationalgalerie durften statt Kunst gern auch Autos und Mode präsentiert werden. Im Museum Kunst Palast verließ Direktor Jean-Hubert Martin unter Protest seinen Posten, als der Kulturbeauftragte des Public-private-Partners zu oft bei der Programmgestaltung mitreden wollte. Freie und unabhängige Orte der Kultur und Bildung sind die Museen längst nicht mehr – sondern Teil des globalen Markts geworden: Money rules.
Wenigstens für den laufenden Unterhalt haben sich die öffentlichen Geldgeber bisher zuständig gefühlt. Auch damit scheint jetzt Schluss zu sein. Ein Defizit von eher harmlosen 200 000 Euro, so heißt es, solle die Hamburger Kunsthalle 2010 aus eigenen Kräften einsparen. Die sieht sich dadurch an den Rand des Möglichen gebracht und wollte die Schotten dicht machen. Hätte sie sowieso gemusst, entgegnete trotzig die Kulturverwaltung. Schließlich sei da ja das Problem mit den Brandschutzklappen. Dass das aber keine Schließung erforderte: Das hätte jeder Fachmann gewusst. Was bleibt, ist der Eindruck, Amateure seien am Werk.
In Hamburg bestimmt, neben den Finanzen, jedoch noch ein zweiter Faktor die schlechte Situation des Hauses. Direktor Hubertus Gaßner agiert, was sein Programm angeht, eher glücklos, auch wenn seine Sigmar-Polke-Trilogie „Wir Kleinbürger!“ 2009 zur „Ausstellung des Jahres“ erkoren wurde. Dazu reichten wegen eines völlig verkorksten Wahlverfahrens im Kunstkritikerverband Aica allerdings weniger als zehn Stimmen – bei mehr als 100 Mitgliedern.
Und wann fand, besonders in der Galerie der Gegenwart, die letzte Schau statt, die eine Reise in den Norden unumgänglich gemacht hätte? Voriges Jahr trieben weder „MAN SON 1969“ über Reiz und Gefahr extremer Ereignisse noch kleinere Präsentationen von Marcel van Eeden, Pedro Cabrita Reis Kritiker vor Begeisterung auf die Bäume und Besucher in Scharen in die Kunsthalle.
Den Markt haben alte Meister und klassische Moderne dieses Frühjahr zurückerobert. Bei den Auktionen in London und New York erzielten die Rekordpreise nicht mehr Bacon, Hirst und Doig, sondern Picasso, Giacometti und Manet. In den Museen aber wäre es gerade die zeitgenössische Kunst, die trotz leerer Kassen noch aufregende thematische Ausstellungen ermöglichen könnte. Daniel Birnbaum, der im November das Moderna Museet in Stockholm als Direktor übernehmen wird, hat soeben angekündigt, dass er sein Haus auch als Stätte künstlerischer Produktion etablieren möchte und nicht nur als intellektualisierten Konsumtempel. Das könnte auch für Hamburg der richtige Weg sein. Kostenlos ist freilich auch er nicht zu haben.

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