Marcel Odenbach
Künstler sind Pilger. Es gibt Werke, zu denen kehren sie immer wieder zurück. Marcel Odenbach hat kein Bild so geprägt wie die Altartafel aus der Sammlung seiner Großeltern
"In meiner Jugend und später als Künstler habe ich viele Phasen und Vorlieben durchlebt. Da gab es Giovanni Bellini: den ‚Dogen Leonardo Loredan‘, die Fresken im Veneto von Paolo Veronese, immer wieder die Selbstporträts von Rembrandt, jahrelang Goya und James Ensor. Auch das Bild mit der Lokomotive von Turner und in meiner Heimatstadt Köln unser Spargelstillleben von Manet. Schon als Kind schienen mir eine Ansammlung von Bildern und das Leben mit alten Gemälden nichts Außergewöhnliches, hatten doch meine Großeltern ihre im ständigen Schlummerlicht dahindämmernden Räume voller Bilder hängen. Es gab kaum eine freie Stelle, die nicht von einem schweren Goldrahmen bedeckt war. Da kann ich mich an Schlittschuhläufer von Jan Brueghel oder ein weißes Pferd auf einem Hügel von Philips Wouwerman erinnern; liebliche Frauenporträts von Kaulbach und Knaus, Spaziergänger im Gebirge von Spitzweg, Kartenspieler und bärtige Männer, Tanzsäle und Kirchen und, und, und. Nach der Aufteilung des Nachlasses meiner Großeltern haben sich viele der scheinbar wertvollen Gemälde als Fälschungen herausgestellt. Eigentlich zum Glück, denn so blieben die meisten im Besitz der Familie. Innerhalb dieser Sammlung gab es ein Gemälde, das mir damals Respekt, ja sogar Angst eingeflößt hat. Es war ganz anders als der Rest der Bilder, und es war für mich selbstverständlich das Meisterwerk. Ich konnte meinen Blick von dem Geschehen auf dem Bild nicht abwenden, obwohl mich die Darstellung gleichzeitig immer wieder erschaudern ließ. Es faszinierte mich, denn es war voller erkennbarer Details, die ich immer wieder von Neuem entdecken konnte und die meiner Fantasie freien Lauf ließen. Eine dankbare Ablenkung für ein Kind, das noch ganz ohne Fernsehen und Game Boy aufwuchs. Damals empfand ich es als verhältnismäßig groß; ob das an der Fülle von Informationen oder an meiner kindlichen Größe lag, kann ich nicht mehr beurteilen. Ungewöhnlicherweise hatte es einen goldenen Himmel, und dieser machte es für mich besonders wertvoll. Auf der anderen Seite blieb mir dieses Stilmittel aber unverständlich, bei der sonst so eindeutigen Darstellung. Den Künstler kannte man nicht, es kam aus der Kölner Schule, wie mein Großvater immer wieder erwähnte, und diese Zuordnung beeindruckte mich damals mehr als jeder andere Künstlername. Es war eine Station aus einem Zyklus von Bildern, die den Kreuzesweg Jesu Christi darstellten.
Mein Ururgroßvater hatte sie in Niederösterreich in seinem Landhaus entdeckt, verkleidet als Stalltüren. Sie wurden so wahrscheinlich vor dem Bildersturm im 16. Jahrhundert verschont. Jetzt rettet mich das letzte, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte, über die langweiligen Sonntagnachmittagsbesuche hinweg. Ich habe es übrigens seit dem Tod meiner Großeltern 1972 nicht mehr wiedergesehen. Es ist die Darstellung der fünften von insgesamt 14 Kreuzeswegstationen. Simon von Kyrene, ein einfacher Feldarbeiter libyscher Abstammung, befand sich auf dem Weg nach Hause, als ihn ein Trupp Römer zwang, das Kreuz des verurteilten Messias Jesus von Nazareth auf seinem Weg von der Stadt zum Berg Golgatha zu tragen.
Auf dem Bild ist Simon im Verhältnis zu den anderen Figuren ganz klein und alt, vielleicht empfand ich deshalb so viel Sympathie und Mitleid für ihn. Er muss mich damals unglaublich beschäftigt haben, denn an Jesus Christus, der bestimmt die Spuren seiner Tortur am ganzen Körper sichtbar getragen hat, erinnere ich mich nicht mehr so genau. Das Bild hat mir vor allen Dingen in sehr klarer und einfacher Weise die erste Vorstellung von Gut und Böse im christlichen Sinne vermittelt. Eine Darstellung, die mit den unterschiedlichsten Emotionen aufgeladen ist; damals vielleicht eine nutzvolle Malerei, denn sie versuchte, dem Leid und der Trauer darüber eine Vorstellung zu geben.
Durch das Gemälde eilte meine Fantasie so meinem Schicksal voraus. Wahrscheinlich habe ich von diesem Bild sehr viel für meine eigene künstlerische Arbeit gelernt: den Aufbau einer dramatischen Erzählung, vielleicht sogar das filmische Sehen und den Reiz der Spannung; meine Vorliebe für Symbole und die ständig wiederkehrende Thematisierung von Gewalt; bestimmt aber meine fast neurotische Leidenschaft für die ‚Matthäus-Passion‘ von Bach. Alte meister, von neuen Künstler sind Pilger. Es gibt Werke, zu denen kehren sie immer wieder zurück."
Marcel Odenbach arbeitet als Videokünstler in Köln und lehrt neuerdings als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf
- Marcel Odenbach (Künstlerdatenbank)
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