Art Forum Berlin 2010

Berliner Galerienviertel Potsdamer Straße

Endlich wieder Avantgarde

Der Berliner Kunstherbst beginnt, und er wird die Besucher wieder vermehrt auch in den guten alten Westen führen: in die berühmt-berüchtigte Gegend um die Potsdamer Straße. Dorthin sind namhafte Galerien gezogen

von Christiane Meixner
30.09.2010

„Wo sind die Steckdosen geblieben?“ Vier davon gab es an jeder Wand, nun sucht der Vermieter sie vergeblich. Sie sind weg, unter Putz verschwunden. Von der Heizung am Eingang ist auch nichts mehr zu sehen, der blaue Teppich aufgerollt, die Zwischendecke herausgerissen. „Gemütlich wie ein Krankenhaus“, findet der Hausbesitzer das neue Etablissement im Erdgeschoss. Doch Tanja Wagner ist zufrieden. Sie erinnert der Raum an der Pohlstraße jetzt immerhin an eine Galerie. Auch wenn keine Wand im 90-Grad-Winkel zur anderen steht und die Junggaleristin andere Perspektiven kennt.

Tanja Wagner hat für Max Hetzler gearbeitet, fünf Jahre lang in seiner Fabrikhalle in Wedding. Dort brauchte sie eine Minute vom Büro bis zur Tür. In ihrer eigenen Galerie geht es nun schneller, etwas über 100 Quadratmeter sind es trotzdem geworden. Wegen der moderaten Mieten in der Transitzone zwischen den Ortsteilen Tiergarten und Schöneberg. Doch das ist nicht der einzige Grund, der Wagner um die Ecke der Potsdamer Straße gezogen hat. Zwischen der Neuen Nationalgalerie und der Bülowstraße blüht die Kunst. Sie tut das auf angenehme Art, mit kleinen Schaufenstern oder fast unsichtbar in der Beletage. Sie setzt sich unaufdringlich neben die Madonnen der Devotionalienhandlung Ave Maria, zwischen türkische Imbissbuden und indische Pumphosen. Oder sie belebt dank Wagner ein leeres Ladenlokal, was den Besitzer freut und erstaunt.

Er wird sich daran gewöhnen müssen, dass die Zugereisten weiße Wände ohne Tapete mögen und ihre Fußböden grau streichen. Dass sie Bilder aufhängen und Videos zeigen, die nicht auf Anhieb verständlich sind. Aber man kann ja fragen, und die Anwohner machen das mit Leidenschaft.

Eben steht wieder einer bei Helga Klosterfelde, schaut sich um und geht wieder, weil er statt Stiften, Kalendern und Postkarten bloß eine Dusche mit Fahrrad von Rirkrit Tiravanija entdecken kann. Vor Kurzem handelte hier noch das Papierhaus Vincenz Sala, und die Hamburger Galeristin legt Wert auf die Feststellung, sie habe niemanden verdrängt. Fast fünf Jahre war sie an der Linienstraße in Berlin-Mitte ansässig. Und zufrieden. Dann kam der Anruf, der sie umdenken ließ: „Mama, der Schreibwarenladen schließt.“

Sohn Martin kam schon vor einem Jahr in die Potsdamer Straße, in den ersten Stock über einem Geschäft mit exotischen Gewürzen, die bis auf den Bürgersteig duften. Wer im Treppenhaus steht oder in den Hinterhof mit Springbrunnen schaut, bekommt eine Ahnung von der wilhelminischen Pracht, die einst die Straße bestimmt haben muss. Doch Martin Klosterfelde hat sich nicht die Mühe gemacht, seine Räume voller Stuck wieder herauszuputzen. Neonröhren an der Decke erklären das Ganze zur Galerie, und die Arbeiten von Kay Rosen, Jorinde Voigt oder Michael Snow müssen das kalkweiße Wohnzimmerambiente aushalten.

Auch dies ist charakteristisch für den neuen Ort – dass hier keiner nach dem White Cube strebt, sondern sich von der vorhandenen Architektur anregen lässt. Helga Klosterfelde, die die Editionsgalerie mit ihrem jüngeren Sohn Alfons führt, sieht es ähnlich. Sie lässt den mächtigen Holztresen und die gedrechselten Vitrinen von Vincenz Sala die Atmosphäre sogar dominieren: „Das bisschen Wand zum Hängen stellt eine echte Herausforderung an die Künstler dar. Aber alle haben sie gesagt: Gott, was für eine tolle Idee!“

So schnell kann sich das ändern. Als Giti Nourbakhsch 2006 vom Rosenthaler Platz in die Kurfürstenstraße wechselte, herrschte allgemeines Erstaunen. Was, bitte, hat der alte Westen an seiner hässlichen Naht zum Potsdamer Platz zu bieten? Außer der gastronomischen Institution Edd’s, dem Thailänder? Das müsst ihr selbst herausfinden, dachte sich Giti Nourbakhsch, bezog ihre ehemalige Fabrik und gab Sassa Trülzsch 20 Quadratmeter für einen Projektraum ab, in dem die junge Galeristin Fiete Stolte oder Dieter Detzner zeigte – Künstler, die sie heute in der „Statements“-Sektion der Art Basel vertritt.

Das Publikum kam, und vielleicht hatte es da schon die durchsanierte Mitte ein bisschen satt. Statt auf teure Designermode stieß es auf Metzger Staroske, der mittags Eisbein mit Sauerkraut kocht. Auf Stoffe Berger mit einem Schaufenster wie einer Installation. Auf ein für Experimente offenes Viertel. Bald folgten andere Galerien nach: Sommer & Kohl in eine ehemalige Werksanlage für Bettfedern, Tanya Leighton in eine alte Eckkneipe, Gilla Lörcher in die Pohlstraße und Cinzia Friedländer in einen Hinterhof.

Ähnlich verborgen agiert Florian Schmid, der internationale Sammler berät und bei sich zu Hause Ausstellungen kuratiert. Vor wenigen Monaten eröffnete Eva Bracke ihre Wohnungsgalerie an der Steinmetzstraße, die als sozialer Brennpunkt gilt. Die Sammlungen Oehmen und Bergmeier richteten sich an der Bülowstraße die privaten Kunstsaele ein. Und vis-à-vis der Neuen Nationalgalerie am Schöneberger Ufer, wo auch schon Isabella Bortolozzi residiert, lässt sich demnächst die nächste Mitte-Abtrünnige nieder: Esther Schipper. Auch die Galerie Wentrup ist nicht weit.

Im Westen erobern sie ein Quartier zurück, das immer von der Kunst geprägt war. Weil aber nach der Wende alles von dort als müder Gruß aus den 80er-Jahren galt, war das berüchtigte Szenelokal Kumpelnest in der Lützowstraße mit seinen Partyqueens auf einmal keine zentrale Adresse mehr. Und der Ausstellungsbetrieb im Haus von Vincenz Sala, wo Künstler wie Thomas Rentmeister zu sehen waren, vergessen.

Dabei saßen bereits in den 20er-Jahren die Kunsthändler der Avantgarde in der Nähe: Karl Nierendorf an der Lützowstraße, Alfred Flechtheim am Lützowufer, Paul Cassirer und die Galerie Thannhauser unmittelbar am Potsdamer Platz. An diese große Vergangenheit schloss etwa Barbara Weiss an, die es immerhin bis 2001 an der Potsdamer Straße hielt. Schräg gegenüber lag in den späten 80ern die Galerie Raab, in der ein Praktikant namens Matthias Arndt gerade Glühbirnen auswechselte, als ein dünner Typ mit Sonnenbrille hereinkam und sich umsah: David Bowie, der ein paar Hundert Meter weiter wohnte.

Auch Arndt ist wieder da. Nach Jahren am Checkpoint Charlie hat er sich im Frühjahr über dem Wintergarten-Varieté einquartiert. Die Kunst kommt in seinen Räumen zum Schluss: Hinter dem Eingang mit Arztpraxisflair warten erst die Büros und dann ein imposanter Tanzsaal. Dass er die Funktionen der Galerie so demonstrativ vorführt wie Installationen von Thomas Hirschhorn oder Sophie Calle, hält Arndt nur für konsequent. Dies sei seine Vorstellung von „größtmöglicher Privatheit und einem repräsentativen Raum“, sagt der Galerist, während er in der Joseph-Roth-Diele zum panierten Schnitzel eine Weinschorle bestellt. Bei Dieter, der geduzt wird, weil er einen bodenständigen Laden führt.

Wer schicker ausgehen will, klingelt an der Tür zur Victoria Bar fast gegenüber. Sie repräsentiert die lässige Facette des Viertels, wo der Straßenstrich eine Ecke weiter beginnt. Wie früher, als die Zuhälter auf der „Potse“ noch ihre Doggen spazieren führten und die Anwohner jede Prostituierte kannten.

Heute stammen die Frauen oft aus Osteuropa, und die Strukturen sind längst nicht mehr nur kleinkriminell. Solche Tatsachen werden die Potsdamer Straße und ihre Sozialbauten, die auf den kriegsbedingten Brachen entstanden, wohl noch eine Weile vor der Totalsanierung bewahren. Auch wenn die Mieten bereits anziehen. Als der Potsdamer Platz im Lauf der 90er-Jahre bebaut wurde, schossen die Preise für die Immobilien nahe der Neuen Nationalgalerie schon einmal in die Höhe. Zu früh: Büros und Ladenlokale am oberen Ende der Potsdamer Straße verödeten.

Dort zog 2005 Clemens Tissi mit seiner Galerie für historisches Design ein. Wenn es einen „Pionier der Potse“ gibt, dann Tissi. Den hupenden Durchgangsverkehr, dieses ständige Tempo, findet er faszinierend. Nebenan hat im vergangenen Jahr Friederike Nymphius einen Projektraum eingeweiht. Und weil die Uhren in der Potsdamer Straße gerade sehr schnell laufen, hält die Kuratorin sie für einen Moment an. „Koksen ist 80er“ heißt ihre Ausstellung zum Art Forum. Zeit für eine Rückschau.

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