Galerienrundgang Berlin
Ich bin geheilt, all right
Endlich ist es wieder soweit: Berlin feiert anlässlich der Messe Art Forum eine Woche lang die Gegenwartskunst. Ein Rundgang durch neue Ausstellungen zum Auftakt
Im Berliner Stadtteil Mitte begann die Art-Forum-Woche verhalten, man könnte auch sagen: noch nicht auf Party, sondern auf Kunst konzentriert. Man radelte zwischen Christian Nagel am Rosenthaler Platz und Esther Schipper in der Linienstraße hin und her und bekam Gelegenheit, sich in neue Videokunst zu versenken.
Nagel zeigt einen Film von Keren Cytter, der, wie er sagte, erst zwei Stunden vorher fertig geworden war. „Konstruktion“ ist wieder ein typisches Cytter-Werk: Menschen mittleren Alters sagen in verschiedenen Settings und Konstellationen seltsam künstliche Sätze auf, Narrationen und Identitäten werden in ihre Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt wie die an Kränen hängenden Betonteile des Rohbaus, der in Cytters Eingangsszene gezeigt wird. Es kommen vor: eine typische Berliner Bar, ein pittoresker Friedhof, eine deprimierend hässliche Kirche, ein auf Männerstirne geklebter Kronkorken, der herunterfällt, wenn sich die Protagonisten leicht auf den Hinterkopf schlagen. Und irgendwann hat auch jemand eine Pistole (Ausstellung bis 20. November 2010).
Auch Christoph Kellers neues Werk „Verbal / Nonverbal“, das er bei Esther Schipper ausstellt, handele, so der Info-Zettel dazu, von Identität. Allerdings geht er die Sache deutlich lustiger an. Keller ist der Experimentator unter den Videokünstlern, immer wieder untersucht er Bewusstseinszustände: Trance, Rausch. Hier hat er verschiedenen Leuten einen Luftballon voller Lachgas in die Hand gegeben, das sie einatmen. „Mit Lachgas geht man in einen anderen Zustand über, aber nur ganz kurz – deshalb kann man damit diesen Übergang zwischen den Welten so gut beobachten“, erklärte Keller bei der Eröffnung. Und schenkte der Art-Forum-Woche so die erste geballte Ladung Euphorie (Ausstellung bis 11. November). eb
“...“ lautet der Titel einer Neonarbeit von Cerith Wyn Evans, und “...“ ist jetzt auch der Titel einer Gruppenausstellung in der Galerie Neu (bis 13. November 2010). Im Theater gebraucht man dieses Zeichen, um eine Pause anzudeuten, eine Unterbrechung des Dialogs – Leere, die es mit Gedanken zu füllen gilt. Als Symbol für die Ausstellung taugt Evans Zeichen sehr gut: Der Galerieraum ist in gleißendes Licht getaucht und die Kunstwerke äußerst zurückhaltend. Die beiden Glasplatten am Fußboden – ein Werk von Kitty Kraus. Die fast durchsichtige Plastikfolie an der Wand: „Clearly Visible“ von Gedi Sibony. Dazu minimalistische Malerei von Sergej Jensen, eine Stoffarbeit von Tom Burr, Installationen der Bernadette Corporation.
Die Rolle des Spießers, der nörgelt, dass es hier ja kaum was zu sehen gibt, der bisschen was geboten haben möchte für sein Geld, übernimmt Andreas Slominski, der im Nebenraum bunt geschmückte Weihnachtskränze installiert hat. „Weihnachtsdekoration für den Frühling, den Sommer und den Herbst“ heißt seine Arbeit – soweit das eine Forderung seine sollte: Wir sind unbedingt dabei! sf
Vor dem Laden des Taschen-Verlags drängt sich eine Menschenmenge, Neo Rauch stellt dort sein neues Buch vor, und Neo Rauch geht eben immer. Wir aber fahren an das weniger glitzernde, das südliche Ende der Friedrichstraße, dort wo schon Kreuzberg ist. Hier am Mehringplatz steht nicht nur eine hübsche Friedenssäule, sondern auch eine öffentliche Uhr, die nun nicht besonders hübsch ist und vor allem anzeigt, dass der ehemalige Belle-Alliance-Platz seine besten Zeiten hinter sich hat. Hier feiert der Künstler Gregor Hildebrandt mit etwa 30 Leuten die Eröffnung seiner Ausstellung "Das Uhrwerk" in der ominösen Clockwork Gallery (bis 5. November 2010).
Um die Schau zu sehen, muss aber nicht das alte Rein-Raus-Spiel aufführen – rein in die Galerie, raus aus der Galerie –, sondern kann ganz abhängermäßig unter freiem Himmel, unter der Uhr, seinen Champagner trinken. Seit drei Jahren nämlich mietet Alexander Haßenflug die rotierenden Werbeflächen der Uhr, um dort Kunst auszustellen, bisher etwa von Saâdane Afif oder Matthew Hale, und jetzt eben von Hildebrandt. Haßenflug, selbst Künstler, hat sich für diesen Abend mit Hut und Make-up in die Figur Alex aus dem Kubrick-Film „Clockwork Orange“ verwandelt. Sieht irre aus. Die Ausstellung ist auch gelungen: Zwei Hildebrand-Bilder aus Kassettenband – ein Frauenbildnis und ein schwarzes Rechteck – kreisen in der anbrechenden Berliner Nacht wie ein gutes Zeichen. Wie sagt Alex so schön zum Abschied: "Ich bin geheilt, all right!" dv
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