Art Forum Berlin 2010

Art Forum Berlin 2010

Warum so traurig?

Die Berliner Kunstmesse Art Forum hat sich in diesem Jahr verkleinert – das tut ihr gut. Aber ein wenig mehr Mut zu großen Ansagen wäre auch nicht schlecht. Ein Rundgang

von Silke Hohmann
08.10.2010
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Vielleicht ist es ja nur eine alte Gewohnheit, zuerst die linke der beiden historischen Ermisch-Hallen anzusteuern, die sich spiegelgleich vom zentralen Eingang aus zu beiden Seiten erstrecken. Aber wenn man sie und ihre rund fünfzig Stände durchlaufen hat, fühlt es sich ein bisschen an, als habe man gerade von Anfang bis Ende einen Film gesehen. Der Auftakt ist ein starker Fassbinder-Slogan: „Angst essen Seele auf“ hat Rirkrit Tiravanija auf die letzte Seite des ersten Buches der F.A.Z. vom 18. September 2008 gedruckt, auf der dazugehörigen Titelseite lautet die Überschrift des gedruckten Leitkommentars: „Finanzmarkt am Abgrund“ (Preis auf Anfrage).

Wie ist das so als junger aufstrebender Künstler im Klima der Angst, die uns seit zwei Jahren befallen hat? Für den 31-jährigen Michael Conrads, der bei der Hamburger Produzentengalerie mit einem großformatigen, zurückhaltenden Neo-Geo-Ölgemälde aufwartet, bestimmt nicht so schlecht – 9.000 Euro scheint ein guter Preis zu sein. Das Doppelte kostet ein kleineres Format mit sehr attraktiven Formen und Farben von Thomas Scheibitz, der seinen Weg schon gemacht hat, unter anderem über den Deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig.

Auch der „walking artist“ Hamish Fulton läuft unbeeindruckt weiter, an der Außenwand bei Becker/Häusler sind Himalaya- und Andentouren dokumentiert, Zertifikate einer körperlichen Wahrhaftigkeit, die nichts anderes bedeutet als das, dass es reichen kann, einfach auf eigenem Ticket immer in Bewegung zu bleiben, solange man eine gute Form dafür findet. Und das Risiko, das war auch vor der Krise so, trägt man ohnehin ganz alleine.

„Ich bin der Regisseur meines eigenen Untergangs“ stellt auch Douglas Gordon fest. Und nicht nur das, er will es sogar die Inschrift an der Wand lesen. Bei Yvon Lambert liegen die Bleistiftspäne auf dem Boden und der Geruch von frisch gespitzten Minen noch in der Luft. „I am the director of my own downfall“ steht, nicht ganz zu Ende geschrieben, in einer Serifenschrift an der Wand – für 150.000 US-Dollar kann man die Arbeit mit Anleitung erwerben. Gordons Einzelpräsentation hat etwas von Introspektion – er hat alte Schubfächer aus seiner Glasgower Kunsthochschule in Vitrinen umgewandelt, voll mit alten Erinnerungsstücken aus seinem Leben. Polaroids von ihm und seinem Sohn, Comics, Bücher, Zettel, Kleinkram – die wohl sortierten Requisiten einer melancholischen Selbstinszenierung.

Mark Dion bei Georg Kargl wartet auch nicht lange ab, bis sich die sentimentalen Emotionen beim Betrachter selbst einstellen, sondern nennt seine Skulptur mit einem Porzellan-Eisbär, der einem mit Teer gefüllten Zylinder zu entkommen versuchen scheint, gleich „Melancholy“. Sind die Künstler alle weinerlich geworden und tun sich selbst leid? Oder zielen sie, und mit ihnen die Galerien, auf die neue Zurückhaltung und Bescheidenheit der Sammler, denen ein bisschen dekorative Larmoyanz gerade ganz gut ins Portfolio passt? Warum so traurig, und wo sind die verlässlichen Blockbuster-Formate? Natürlich bei Eigen+Art, wo ein fast wandfüllender Neo Rauch für 430.000 Euro hängt, der insofern interessant ist, als er von wenigen großen Figuren bevölkert ist und in den Farben sehr zurückgenommen.

Florian Slotawa, der große Möbelverrücker und Arrangeur von Vorgefundenem, hat sich erstmals selbst ans skulpturale Werk gemacht und bestehendes Mobiliar – vier schwarze zylindrische Hängelampen – mit eigens von ihm geschweißten zierlichen Gestellen versehen (je 6.000 Euro). Bei seiner Galerie Sies+Höke aus Düsseldorf erscheinen dann auch der Abspann an der Wand: Kris Martin hat aus Rehgeweihen die Worte „The End“ (Unikat, 28.000 Euro) geschrieben – endlich ausgeweint in der ersten Runde.

Insgesamt ist die Messe seit vergangenem Jahr um 20 Stände geschrumpft, was ihr sehr gut tut, genau wie die neue Anordnung: Die äußeren Gänge besetzen die etablierten Galerien – davon die eine Hälfte aus Deutschland, die andere aus dem Ausland – und im Innenbereich beider Hallen befindet sich der diagonal angelegte und damit sehr offen wirkende Sektor „Fokus“. Paarweise stellen hier junge Galerien aus – die eine von der anderen eingeladen, oft mit Einzelpräsentationen. Robert Meijer von Lüttgenmeijer und der Pariser Galerist Joycelyn Wolff haben hier die Auswahl getroffen, wobei Wolffs Berliner Standbein KOW – Koch, Oberhuber, Wolff – nur auf der benachbarten Messe Art Berlin Conteporary (ABC) vertreten ist, auf die Art-Forum-Chef Peter Vetsch in seiner Begrüßungsrede freundlich verwies.

Das Art-Forum-Komitee bestand unter anderem aus Mehdi Chouakri (Berlin) und Bärbel Grässlin (Frankfurt am Main), und beide haben selbst auffallend gute Stände hingekriegt. Bei Grässlin hängt ein monströser Fleckerlteppich von Michael Beutler schräg über die Kojenwand, im weiteren Verlauf ist aber alles verbaut mit Stellwänden von Franz West. Solche großen Namen findet man auf dem diesjährigen Art Forum nicht häufig, hat sich die Messe doch vor allem auf junge Kunst eingeschossen. Darum ist es auch von Weitem schon auffallend, wenn Hans Mayer aus Düsseldorf Sol LeWitt und Michael Heizer zeigt – ein zwei Mal ein Meter messender Druck von LeWitt (Nr. 49 von 144) aus dem Jahr 1970 kostet 10.000 Euro, ein streng formalistisches Gemälde von Heizer in ähnlicher Größe aus dem Jahr 1975 („Untitled No. 5“) 120.000 Euro.

Gäbe es einen Preis für die beste Einzelpräsentation, dann würde er an Rodeo aus Istanbul gehen: Nur zwei Wände und den Boden hat der junge Grieche Eftihis Patsourakis mit gefundenen Objekten belegt. Auf dem Boden hat er dicht an dicht gebrauchte Fußmatten aus Sisal zu einer Bodenskulptur ausgelegt, betreten erlaubt (15.000 Euro). Und sein konzeptueller Umgang mit Malerei sieht vor, Flohmarktgemälde mit Meeresmotiv so nebeneinander zu hängen, dass alle dieselbe Horizontlinie haben. („Horizon I“, 10.000 Euro, und „Horizon II“, 4.000 Euro). Und hinterm Horizont geht’s weiter, auch diese frohe Botschaft lässt sich aus dieser Präsentation lesen, eine Nachricht, die auf dieser etwas melancholischen Ausgabe des Art Forum schon für Erleichterung sorgt.

Art Forum Berlin: 7. bis 10. Oktober

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