Frieze Art Fair 2010
Unter Neonröhrenregenbögen
Groß ist das neue Klein: Viele Arbeiten auf der Londoner Kunstmesse Frieze schreien laut "Hallo, hier bin ich!" Auch aus dem Untergrund dringt Verborgenes ins Messezelt
Und täglich grüßt das Murmeltier am Regent’s Park: Mal wieder das übliche gestaffelte Schlangestehen von VIPs und Über-VIPs, die wahlweise 11-Uhr- oder 14-Uhr-Karten für die Preview der Frieze Art Fair am Mittwoch vorweisen können, aber irgendwie kommt man trotzdem rein – und stolpert noch auf dem roten Teppich fast über Simon Fujiwaras archäologische Fundstätten, geschützt durch im Boden eingelassene Glasplatten. Die Fake-Installation freigelegter Relikte des Römischen Reichs vom Cartier-Award-Gewinner Fujiwara („The Frozen City“) inklusive wiederentdeckten antiken Bordells zieht sich über die gesamte Frieze; es werden auch Führungen angeboten.
Doch auch anderes dringt vom Untergrund ins Messezelt durch, zum Beispiel Myriaden kleiner Fliegen, die manche Stände am Abend vor der Preview stürmten, so dass Kojenböden komplett neu verlegt werden mussten. Unfreiwilliges Tribut der Messe an den idyllischen genius loci, den auf seine Weise auch Hans-Peter Feldmann zollt, welcher unmittelbar neben den VIP-Shuttles im Rahmen des Frieze-Skulpturenparks einen Londoner Kleinwagen parkte – nur eben auf dem Dach, also fahruntüchtig. Erinnert ein bisschen an Alicja Kwades verbeulte Japaner neben den dicken Art-Basel-Kutschen im Juni.
Eine Kunstmesse impliziert mittlerweile eben auch immer ihre eigene Kritik, und so hat drinnen im Zelt, bei Hauser & Wirth, einmal mehr auch der Schweizer Christoph Büchel tief in die Provokationskiste gelangt und einen Billigst-Secondhand-Verkaufsstand für Pornohefte aufgebaut. Am ersten Tag waren die Händler verhalten euphorisch über die Messe-Verkäufe, die Beobachter eher skeptisch: So viel Aufregendes gibt’s nicht zu sehen, hieß es oft. Allerdings ist das ein Satz, den man auf fast jeder Kunstmesse hört. Elmgreen und Dragsets Skulptur eines Jungen, der sich nicht traut, vom Dreier ins Messegetümmel abzutauchen (bei Nikolai Wallner), ist dennoch eine eher naheliegende Metapher.
Reizend dagegen der ganz in 70er-Blue-Jeans getauchte Stand von BQ mit einer vielfarbigen Solopräsentation des Kölners Friedrich Kunath, der jetzt auch bei Andrea Rosen ausstellt. Eva Presenhuber hat den cool-minimalistischen Skulpturen von Ugo Rondinone einen eigenen Raum verschafft – eine der schönsten Messeauftritte. Einer der beeindruckendsten dagegen gelingt der rumänischen Mihail-Galerie in der „Frame“-Sektion für Nachwuchsgalerien mit den unter der rumänischen Diktatur entstandenen Bildern von Ion Grigorescu, sonst eher bekannt für Foto und Video. Diese nie ausgestellten Gemälde (sie kämen aus dem „Depot“, erklärt der schüchterne Künstler), teilweise mit Öl auf Fotografie gemalt, schillern zwischen Menzel’schem Können und einer Wiedergabe des Alltags der frühen 70er-Jahre, die an die Pop-Art, etwa an Richard Hamilton erinnert.
Was bleiben ansonsten für Thesen hängen? Vielleicht, wenn überhaupt, diese: Groß ist das neue Klein. Viele Arbeiten schreien laut: Hallo, hier bin ich! Zum Beispiel der Neonröhrenregenbogen „Butterfly“ des Franzosen Daniel Firman bei Emmanuel Perrotin, sicher das meistfotografierte Werk der Frieze. Eher dezent, trotz ihrer Ausmaße, kommt dagegen die überlebensgroße, buntgefüllte Metallgerüst-Bohne von John Bock bei Anton Kern daher, fast fifties-mäßig elegant sogar, samt begleitendem „Dandy“-Video des emsigen Bock, der immer besser zu werden scheint.
Noch ein wenig Gossip gefällig am Schluss? Die Schiffer war auch da. Heute 40-fach auf dem "ZEIT-Magazin"-Cover, gestern in Fleisch und Blut auf der Frieze; sie interessierte sich bei Daniel Buchholz für den wunderschönen „Tukan“ von Wolfgang Tillmans, eine Fotografie, die zurzeit auch in den Berliner Galerieräumen zu sehen ist. Das Unikat (1+1) war aber leider schon verkauft.
Die Frieze Art Fair läuft noch bis zum 17. Oktober
- Simon Fujiwara (Künstlerdatenbank)
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