KNIETIEF IM DISPO
Wie geht’s denn so? Künstler und Künstlerinnen verraten, wie sie es geschafft haben – oder noch schaffen wollen
Daniel Richter
„Bereits zu Duchamps Zeiten war klar, dass man, um den seltsamen Beruf des Künstlers auszuüben, entweder Mäzene braucht oder aber sehr wenig Geld zur Verfügung hat; heute ist es im Grunde genauso: Studenten wissen, dass Kunst eben nicht BWL oder Jura ist und nichts mit einer Konditorlehre zu tun hat. Fünf Jahre Kopflosigkeit an einer Akademie münden nicht zwangsläufig in eine Karriere. Das klassische Modell ist ja, dass man Künstler und Taxifahrer ist, in den meisten Fällen am Ende eben nur noch Taxifahrer, der vom Künstlertum nur noch träumt. Auch dass man später möglicherweise zu Geld kommt, ist ja, gerade für viele der älteren Künstler, eher Hoffnung als absehbar gewesen, und noch heute existieren viele von ihnen nicht gerade in der Fettlebe. Sie sind arriviert, aber das merken sie nicht auf dem Konto, das hält sich eher so auf Postbeamtenniveau. Ich will hier nicht einem kulturalistischen Sozialdarwinismus das Wort reden, aber im Bereich der Kunst, das hat mit einer Wahl und einer Entscheidung zu tun, ist das risikoreichere Leben eben keine Garantie für eine Karriere. Boheme war stets Prekariat. Die Boheme verschwindet, das Prekäre bleibt. Ausnahmen bestätigen nicht nur die Regel, sondern halten das Ganze am Laufen, heute zugegebenermaßen erfolgreicher als je zuvor.“
Daniel Richter, 1962 in Eutin geboren, arbeitete mal als Assistent bei Albert Oehlen. Das Plattenlabel Buback, für das er Cover gestaltete, gehört ihm heute
Jorinde Voigt
„Als ich mich bei Galerien vorgestellt habe, bin ich oft hochkant rausgeflogen, denn meine Arbeit galt als nicht auf die Kunstgeschichte bezogen, es hieß, ich arbeite gegen den Trend. Ich plante schon, ein Managementstudium anzuschließen, und bekam einen Job in der Galerie Fahnemann. Ein Kurator, der mich zuvor mal besucht hatte, fragte den Galeristen: ‚Was macht denn die Frau Voigt da hinter dem Computer?‘, und überzeugte ihn, sich meine Arbeiten anzusehen. Ich lud Herrn Fahnemann zu einer Wohnungsausstellung bei mir ein, und er beschloss, mich in seiner Sommershow zu zeigen. Das ging aber nur, wenn ich nicht mehr jobben musste. Also kaufte er mir Arbeiten ab, wovon ich meine Lebenshaltung decken und in Ruhe weitermachen konnte. Normalerweise arbeitet man mit Galerien auf Kommissionsbasis – wenn man etwas verkauft, ist die Galerie mit 50 Prozent beteiligt, doch die Verluste trägt man allein. Oft arbeitet man sehr intensiv und verdient nichts. Ich bezahle Assistenten auf meine Kosten, die sich um die Ausstellungsvorbereitung kümmern, um Organisation, Kommunikation, Archivierung der Daten, Verwaltung allgemein. Ich trage damit Verantwortung für den Lebensunterhalt anderer. Wenn diese Arbeitsteilung wegfällt, entsteht entweder Chaos oder ich mache nur noch Büroarbeit. Künstler müssen wie Unternehmer arbeiten, und zwar auf einer Verantwortungs- und Risikostufe, auf der Geschäftsleute ihren Laden sofort dichtmachen würden. Das hat mit den Künstlerklischees ‚Craziness‘ und ‚spätem Aufstehen‘, ‚Genialität‘ sehr wenig zu tun. Ich kenne niemanden, der nicht extreme Disziplin und Einsatz zeigt – auf Kosten von privater Freiheit, Privatleben, Urlauben und so weiter. Meiner Meinung nach müsste für Künstler eine Stabilität gewährleistet werden, die unabhängig von kommerzieller Verwertbarkeit ist. Es ist ein dramatischer Trugschluss, dass der Kunstmarkt das regelt.“
Jorinde Voigt, 1977 in Frankfurt am Main geboren, hat ihr Atelier in Berlin
Despina Stokou
„Wir sind mittlerweile in der dritten Generation von Projekträumen in Berlin – interessanterweise kommen die meisten Macher jetzt aus dem Ausland (Holland, Spanien, USA, England, Italien, Schweiz), und das Modell ist ein bisschen anders. Während die ersten Projekte dem Galeriemodell folgten und nach ein paar Jahren in das existierende System integriert wurden, bauen die neuen Projekträume jetzt ihr eigenes System – deshalb ist auch ‚pigs‘ entstanden, ein Wegweiser zu Berliner Off-Räumen. Die zwei Szenen treffen sich dann nachts, in den One- Night-Shows und Kunstbars. Welche Entwicklung ist essenzieller für die Kunst in Berlin? Die internationale Kunst-, Musik- und Modeszene in Neukölln oder eine Damien-Hirst- Party im Club Soho House? Ich freue mich über beides. Das Businesskonzept für ‚pigs‘ ist nicht wirklich alternativ, Inhalt und Form sind es. Ich habe nicht lange über einen Finanzierungsplan nachgedacht, ist auch nicht mein Gebiet als Künstlerin. Es sollte nur sich selbst tragen können. Was ich an dem Ganzen spannend finde, ist die Rückseite des Flyers, die wir B-Seite nennen, die immer eine Künstlerarbeit sein soll – das wird jeweils eine Edition von 6000 Stück, die frei distribuiert wird. Obwohl, ich bin schon gespannt, ob der eine oder der andere auf eBay probiert, es zu Geld zu machen. Ich selbst verdiene mein Geld genau da, wo ich es wieder ausgebe: beim Kunst- und Partymachen.“
Despina Stokou, geboren 1978 in Athen, organisiert neben ihrer Arbeit als Künstlerin das Programm am Berliner Projektraum Grimmuseum und gibt den Flyer „pigs“ über Berliner Off-Spaces heraus
Tjorg Douglas Beer
„Die Idee für eine Galerie im Regierungsviertel in Berlin kam nach einem sehr intensiven Kunstjahr 2007, in dem ich auf acht Messen war, Reisen, Hotels, Partys. Ich arbeitete wie verrückt, um eine Deadline nach der anderen einzuhalten. Doch dann fragte ich mich: Was machen die Leute eigentlich mit den Arbeiten? Wie treffen Galerien ihre Entscheidungen? Was heißt genau Kurator? Ich dachte, es ist Zeit, wieder etwas selbst in die Hand zu nehmen. Nichts gegen Partys, Swimmingpools und Sammler, das ist alles gut. Aber mir wurde es einfach wichtig, die Kontrolle nicht komplett in die Hände dieser ganzen Instanzen zu legen. Also entwickelte ich mit Maike Cruse zusammen eine mobile Galerie, die an vielen Orten in Europa und den USA aufund wieder abgebaut wurde. Die ‚Forgotten Bar‘ entstand, als ich anfing, richtig in Berlin zu wohnen. Wir wollten nicht einfach nur dumm in einer Bar abhängen, und ausstellen wollten wir auch. Nachdem wir einen Raum gefunden hatten, fingen wir an, jeden Abend eine andere Ausstellung zu machen. Ich glaube, man hat einfach zwei Möglichkeiten: Entweder man überlässt die Dinge anderen und wartet ab, was die Welt so für einen arrangiert, oder man arrangiert die Dinge eben selbst."
Tjorg Douglas Beer, 1973 in Lübeck geboren, veröffentlicht News zur "Forgotten Bar" unter www. galerieimregierungsviertel.org
Yingmei Duan
„Als Künstlerin ist es vor allem anderen meine Aufgabe, Kunst zu machen. Ich habe die meiste Zeit wenig Geld, aber ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt, weil ich Kunst machen kann. Ich bin immer sehr zufrieden mit meinem Leben, nur mit meiner Kunst bin ich nie zufrieden, deshalb experimentiere ich immer weiter. Um das Geld fürs Essen und Wohnen brauche ich mich nicht zu kümmern. Mein Lebenspartner, meine Eltern und meine Geschwister sind sehr verständnisvoll. Meine Kunst muss ich alleine finanzieren, und sobald ich Geld verdiene, investiere ich es dafür. Verdiene ich wenig Geld, realisiere ich Kunstprojekte, die wenig oder nichts kosten. Ich bin überzeugt: Man kann sehr gute Kunst machen, unabhängig davon, ob man Geld hat oder nicht. Ich bekomme manchmal Gage für meine Performances, aber es gibt viele Veranstalter, die keinen oder nur einen geringen Etat haben. Falls ich es mir gerade leisten kann, arbeite ich trotzdem dort. Mit Geld geht vieles einfacher, aber nicht alles. Freiheit und Stress gehören zur künstlerischen Arbeit aber auf jeden Fall dazu.“
Yingmei Duan, 1969 in China geboren, lebt seit 1998 als Performancekünstlerin in Deutschland
Michael Wutz
„Ich habe vor drei Jahren meinen Abschluss an der Universität der Künste in Berlin bei Leiko Ikemura gemacht. Seit einigen Monaten werde ich nun von der Galerie Aurel Scheibler repräsentiert – ein sehr wichtiger Schritt. Seither hatte ich eine prominent besprochene Einzelausstellung dort, eine Förderkoje auf der Art Cologne, gerade eine Ausstellung bei Klaus Gerrit Friese in Stuttgart, und ich nahm am Filmprogramm der Art Basel teil. Zur Zusammenarbeit mit Aurel kam es durch eine Verkettung glücklicher Zufälle, für jeden einzelnen habe ich verschiedenen Menschen zu danken. Viele Kollegen sind mit dem Aufbau ihres Netzwerks beschäftigt, darum habe ich mich nie gekümmert. Ich habe mir immer gesagt: Erst kommt die Arbeit, der Rest ergibt sich schon von selbst. Wichtig waren allerdings die kleinen, unabhängigen Gruppenausstellungen, um Freunde zu sehen und die Arbeiten mal kommunizieren zu lassen. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mit meiner Kunst eine Nische besetze: Nicht viele Künstler beschäftigen sich mit Druckgrafiktechniken. Die wenigen von mir gewonnen Preise der letzten Jahre waren für dieses Medium ausgeschrieben. Viele erhalten Unterstützung von den Eltern, was niemand gern zugibt. Ich habe immer versucht, die Fixkosten niedrig zu halten. Also habe ich kein Atelier gemietet, das ich dann mit vielen Nebenjobs bezahlt hätte, Jobs, die mich ablenken von der eigentlichen Arbeit. Erst jetzt, nach den ersten Verkäufen, habe ich mir – befristet – ein Atelier gemietet. Das brauche ich nun auch, nach drei Ausstellungen in drei Monaten sind Kopf und Grafikschrank leer. Also raus aus der Kunstwelt, rein ins Studio und wieder von vorne anfangen.“
Der 31-jährige Michael Wutz hat an der Universität der Künste Berlin studiert
Francesco Vezzoli
„Mit 19 ging ich an die Kunstakademie Central Saint Martins in London. Meine Studiengebühren verdiente ich mit der künstlerischen Dekoration von Schaufenstern in meiner Heimatstadt Brescia. Es war nicht viel Geld, aber genug, damit ich im West und East End jede Nacht clubben gehen konnte. Das war damals das Wichtigste für mich. Manchmal ist es das immer noch.“
Francesco Vezzoli, 1971 in Brescia geboren, stellt bei Gagosian aus und kann sogar Lady Gaga auftreten lassen, wenn er will
Michael Sailstorfer
„Bei meinen ersten Arbeiten habe ich alles selbst gemacht. Für ‚Heimatlied‘ von 2001 zer- sägte ich vier Wohnmobile und baute daraus ein Haus. Dafür habe ich drei Monate gebraucht. Drei Wohnmobile kamen von einem verlassenen Campingplatz, eines habe ich für 600 Mark von einem Schrotthändler gekauft. Die zusätzlichen Kosten für Material und Werkzeug habe ich durch Aushilfsjobs wie Umzüge oder Wändestreichen in Galerien finanziert. Das Gute war, dass ich zu dieser Zeit Student war und die Infrastruktur der Kunstakademie nutzen konnte. Das hält einem den Rücken frei. So sind eigentlich alle Arbeiten in den Anfängen entstanden. Manche Entscheidungen werden einem durch die finanzielle Situation erleichtert, wie etwa die, ob man für eine Skulptur neues oder gebrauchtes Material benutzt. Jedenfalls hat mangelndes Budget noch nie meine künstlerische Freiheit eingeschränkt, da ich sehr stark mit gegebenen Situationen arbeite und darauf reagiere. Ich denke, man kann auch mit weniger Aufwand und kleinerem Budget tolle Arbeiten realisieren. Das funktioniert aber nicht überall und hängt stark vom Umfeld ab. Manche Orte verlangen größere Arbeiten, die auch oft teurer in der Herstellung sind, an anderen ist es vielleicht sogar besser, kleinere oder spontanere Sachen zu machen.“
Michael Sailstorfer, 1979 in Velden geboren, wurde gerade mit dem mit 15 000 Euro dotierten Teresa Bulgarini Preis ausgezeichnet
Michaela Melián
„Mein Einkommen war nach dem Studium lange ungefähr gleich geblieben. Ich hatte parallel zur Kunst Musik studiert, mir meine Studien durch diverse Jobs selbst finanziert und in der Band F.S.K. gespielt. Verdient habe ich mit Konzerten und gelegentlichen Verkäufen – aber nie viel. Nebenbei habe ich kleine Aufträge angenommen – Grafik, ich war Statistin am Theater und beim Film – Dinge, die mich nicht lange aufhielten. Ich fand es ganz in Ordnung, über viele Jahre so an einem Grundeinkommen entlanggeschrammt zu sein: Dadurch ist man auch niemandem verpflichtet. Ich habe niemals Arbeiten von Galerien vorfinanziert bekommen, darum musste ich mich immer selbst kümmern, mit Stipendien oder Projektgeldern. Opulente und materialintensive Produktionen haben mich nie interessiert und hätte ich mir auch nicht leisten können. Das passt aber, da das Konzeptuelle mir wichtiger ist. Mir gefällt, mit leichtem Gepäck zu reisen und zum Beispiel Wandarbeiten zu erstellen, die für gewisse Zeit Räume besetzen und danach wieder übermalt werden. Meine Installationen sind oft mit ganz einfachen Mitteln gemacht, auch Zeichnung ist ein sehr wichtiges Medium für mich. Die Idee ist, mobil und beweglich zu sein. Genauso in der Musik: Man fährt mit seinen paar Sachen irgendwohin, packt aus, es entsteht etwas an einem bestimmten Ort und ist dann wieder vorbei. Als ich anfing, so zu arbeiten, in den 80er-Jahren, gab es dafür noch gar keine Strukturen, keinen Begriff. Zurzeit arbeite ich das erste Mal mit Assistenten – die Idee eines Hofstaates war nichts für mich. Die Band F.S.K. ist ein Kollektiv, alle unterschreiben alles, Honorare gehen ganz urkommunistisch auf ein gemeinsames Bandkonto. Im Herbst trete ich eine Professur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg an und werde dann zum ersten Mal ein regelmäßiges Einkommen beziehen. Aber wenn ich meinen Auszug von der Künstlersozialkasse bekomme, sehe ich, dass es Rente für mich nicht groß geben wird – die Arbeit wird weitergehen, und so möchte ich es auch haben.“
Michaela Melián, 1956 in München geboren, plant ihre Kunst- und Musikprojekte vom bayerischen Eurasburg aus
Marc Bijl
„In jeder Stadt spielen die Off-Spaces in der Dynamik von Kreativität, Kunst und Kultur eine wichtige Rolle. Normalerweise sind sie allerdings ein Undergroundphänomen. In Berlin aber gab es schon immer einen Mix von Social- Networking-Atmosphäre und intellektuellem Diskurs – und zwar in der gesamten Berliner Kunstszene, von den Top-Level- Galerien, die spät kamen oder sozusagen importiert wurden, bis zu dem einfachsten Hangout, der noch den Geist der Westberliner ‚Gegenkultur‘ der 80er- Jahre atmet. Zwischen dem High und dem Low spielt sich alles ab – deshalb ist Berlin als Kunststadt so lebendig. Ob sich Künstler selbst ausbeuten müssen? Ich weiß nicht – als Künstler zeigt man einen Teil seiner Seele, und vielleicht muss man ihn auch verkaufen. Wenn man sich davon aber bereits ausgebeutet fühlt, dann wird es einem schwerfallen, ein professioneller Künstler zu werden. Dein Werk, deine Botschaft und deine Leidenschaft so zu zeigen, dass es deine Seele stärkt, und zwar auch in Off-Spaces, kann ein guter Weg sein, um sich weiterzuentwickeln. Ausgebeutet sind die, die nicht mehr selbst entscheiden können. Ökonomische Unabhängigkeit ist natürlich immer eine gute Sache – allerdings sind Künstler eher als andere Leute auch mal ohne regelmäßiges Einkommen zufrieden. Ich persönlich arbeite sehr klassisch, allein, ohne Mitarbeiter, sodass meine Fixkosten nicht allzu hoch sind. Erfolg ist für mich das Resultat von Arbeit und intelligentem Risiko, also eine Frage des Managements. Eigentlich eher Sache der Galerien, aber mittlerweile müssen auch Künstler darauf achten, wenn sie von ihrer Kunst leben wollen. Das zu erreichen, wie knapp auch immer, ist bereits Erfolg.“
Marc Bijl wurde 1973 im niederländischen Leerdam geboren, er pendelt zwischen Rotterdam und Berlin
Ai Weiwei
„Als ich Anfang der 80er-Jahre nach New York kam, ging es mir wie den meisten asiatischen Immigranten: Ich musste nicht nur mit Finanzproblemen klarkommen, sondern auch mit dem Kulturschock. Zu überleben war schwierig, nicht nur physisch. Ich brauchte lange, um mich anzupassen, zu lernen, zu verstehen und entspannt mit den Konflikten umzugehen, die aus den kulturellen Differenzen entstehen. Sogar für die jungen Leute von dort war es aber zu der Zeit sehr schwierig, mit den Institutionen und ihren Strukturen umzugehen: Dort herrscht ein ganz bestimmtes Verhalten, eine bestimmte Sprache, so verteidigt das Kunstsystem seine Grenzen nach außen. Ich kannte Leute, aber Freunde hatte ich nicht. Kontakt mit der Kunstszene zu bekommen war schwierig, ich fühlte mich wie ein Outsider. Ich verschaffte mir Informationen über Eröffnungen und andere Ereignisse, aber wegen fehlender Sprachkenntnisse und mangelnder Kommunikation mit den Einheimischen war ich sehr einsam. Wäre ich damals in New York geblieben, hätte ich vielleicht immer noch keinen Erfolg als Künstler. Auch nach meiner Rückkehr nach China 1993 musste ich noch über zehn Jahre kämpfen, bis ich meine erste Ausstellung hatte – nicht in China, sondern in Europa.“
Ai Weiwei, 1957 in Peking geboren, ist heute der bekannteste Konzeptkünstler chinesischer Herkunft
Andreas Sell
„Vor zwei Jahren habe ich mit meinem Kunststudium abgeschlossen, 2009 bekam ich ein Stipen- dium, danach musste ich mich arbeitslos melden. Derzeit erhalte ich Einstiegsgeld vom Jobcenter. Dafür musste ich ein künstlerisches Konzept in eine Geschäftsidee umformulieren und einen Businessplan schreiben. Während meines Studiums habe ich performativ gearbeitet. Jetzt vermittle ich Dienst- und Sachleistungen, mit der Bedingung, dass die vermittelten Dinge von mir ausgeliehen oder gekauft und als Kunstwerke ausgestellt werden können. Ein Unternehmensberater sollte bestätigen, dass die Umsetzung der Geschäftsidee Erfolg verspricht. Das Jobcenter hielt diese Bestätigung für nicht ausreichend, da die Geschäftsidee keine rein wirtschaftliche Unternehmung ist, sondern auch eine künstlerische. Deshalb musste ich noch eine Beurteilung von einem Kunstexperten nachreichen. Mein Arbeitsort ist eine leer stehende Wohnung, die ich heimlich besetzt habe. Morgens baue ich mein Büro auf, abends wieder ab und verstaue die Sachen, sodass sie vom Vermieter nicht entdeckt werden. Da ich mir die Atelierkosten spare, kann ich mir eine Mitarbeiterin leisten. Ich reize die Grenze des für mich Möglichen aus. Ich plane nicht mehr langfristig. Finanzielle Sicherheit habe ich nicht. Direkt nach dem Studium hat mich das beunruhigt, jetzt habe ich mich daran gewöhnt.“
Andreas Sell, 1977 in Bayreuth geboren, ist Absolvent der Kunsthochschule Berlin-Weißensee
Hans Haacke
Haben Sie Zeiten erlebt, in denen Ihre ökonomische Situation prekär war?
Es ist wohl für die meisten Anfänger, gleichgültig in welchem Bereich, zunächst schwierig. Aber ich hatte keinen Grund, zu verzweifeln. Ich hatte in Kassel ein Kunsterziehungsstudium abgeschlossen. Das brachte mir eine Folge von Teilzeit-Lehraufträgen ein. In den Semesterferien habe ich auf dem Bau gearbeitet; und als ich mit einem Stipendium in Philadelphia gelandet war, habe ich mich dort bei einer Gebäudereinigungsfirma verdingt. Ich bin auf Gerüste gestiegen und habe im Stadtzentrum die Bronze von Bankfassaden und Edelgeschäften geputzt. Ich brauchte das Geld. Aber ich habe so auch in ganz andere Lebensbereiche Einblick gewonnen. Das hilft.
Ist Selbstausbeutung ein normaler Zustand für Künstler?
Es gibt zahllose Menschen, die ausgebeutet werden oder sich selbst ausbeuten müssen, um über die Runden zu kommen. Beim Künstlersein dürfte es sich wohl um eine selbst auferlegte Ausbeutung handeln. Die Gesellschaft ist einem nichts schuldig.
Wie ist es Ihnen selbst gelungen, sich im Kunstbetrieb zu etablieren?
Wesentliche Wegbereiter an der Akademie in Kassel waren Fritz Winter, Arnold Bode und Marie- Louise von Rogister. Als Hilfskraft bei der zweiten Documenta bekam ich hinter den Kulissen Einblick in den Kunstbetrieb. Schon während meiner Kasseler Studienzeit hatte ich Verbindung zur Zero-Gruppe und bin früh zu Zero-Ausstellungen eingeladen worden. So bekam ich 1965 auch eine Einzelausstellung in Düsseldorf und im folgenden Jahr eine in New York. Es war eine Serie glücklicher Umstände und Beziehungen. Ich zitiere gern einen weisen Karatelehrer. Er meinte, wenn man in eine Schlägerei gerät, kommt es darauf an, dass man jahrelang trainiert hat – aber man muss auch Glück haben.
Der Konzeptkünstler Hans Haacke, 1936 in Köln geboren, lebt seit den 60er-Jahren in New York
Ralf Ziervogel
„Es ist vielen egal, wo die Kohle herkommt, Hauptsache, sie kommt. Ich habe mich 2003 selbstständig gemacht. Ich hatte Stipendien, Karl Schmidt-Rottluff, davor Studienstiftung des deutschen Volkes. Bei mir hat nichts mit Zauberei oder Mystik zu tun, auch nicht mit Handwerk, sondern mit Langfristigkeit. Wenn man mit dem Rudimentärkapitalismus der Kunstszene konfrontiert ist, kommt einem die Akademie im Nachhinein vor wie eine Waldorfschule. Man macht ein bisschen beschütztes Trallala, träumt von der Zukunft und sagt sich hoffentlich gegenseitig niemals, dass die Arbeiten der anderen eigentlich scheiße sind – ha! Ich wurde früh vom Markt ‚entdeckt‘ und habe nichts gerafft. Dass die geschäftliche Seite einen Hauptteil der künstlerischen Arbeit ausmacht, musste ich mir im Akkord selbst beibringen, und nicht selten habe ich mich als Rechtsanwalt, Staatanwalt und Richter in einem aufgespielt. Diktator Nummer eins. Um dem ganzen Wahnsinn entgegenzusteuern. Suggerieren, dass man geschäftsfähig ist, indem man alles schriftlich festlegt: Kommissionsvertrag, Leihvertrag, Versicherung und so weiter. Dann kommen die Händler ab von dem Klischee eines romantischen, farbklecksenden Arschlochs und verhalten sich respektvoll. Was bei übermäßigem Klugscheißertum auch oft nach hinten losgehen kann. Produzentengalerien oder Controller in einer Person stehen einem polymorphen Kultursystem kontraproduktiv gegenüber. Ich hoffe, dass das ganze System zur Hölle fährt. Dass viele Künstler bettelarm und zum Bittsteller werden, ist leider keine Utopie. Dann dem arbeitslosen Finanzrating- Agenturarsch an der Ecke mit satter Überzeugung zuzurufen: ‚Jeder ist ein Künstler!‘, das wünsche ich mir sehr.“
Ralf Ziervogel, 1975 in Clausthal-Zellerfeld geboren, lebt in Berlin
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