Berlinische Galerie
Guantanamo – für immer
Gegen den Widerstand im Kongress hält US-Präsident Obama an seinen Plänen fest, Guantanamo zu schließen – das bekräftigte er am Donnerstag noch einmal. Wie unauslöschlich sich das Gefangenenlager indes in das Leben der ehemaligen Insassen eingebrannt hat, zeigt zurzeit ein großartiges Fotoprojekt von Edmund Clark in der Berlinischen Galerie
Das Gefangenenlager Guantanamo, eingerichtet nach den Anschlägen vom 11. September, ist zum Symbol für die Krise westlicher Rechtstaatlichkeit geworden. „Eine besondere Schande für die USA“, konstatierte Barack Obama zu Beginn seiner Amtszeit und versprach, das Gefängnis binnen eines Jahres zu schließen. Doch die Schließung verzögert sich, durch die Medien geistern immer noch und immer wieder Bilder von Wächtern oder Terrorverdächtigen in Drahtkäfigen und in ihren orangefarbenen Overalls. Edmund Clarks Fotografien aus Guantanamo, die nun im Rahmen der Ausstellung „Mutations III“ in der Berlinischen Galerie zu sehen sind, unterscheiden sich davon. Sie sind menschenleer, zurückhaltend; sein kühler Blick auf Räume ähnelt dem von Candida Höfer oder Thomas Demand. Doch in genau dieser Qualität scheinen sie mehr zu vermitteln über Gewalt und die Macht der Erinnerung.
Schon während seiner Arbeit am 2007 abgeschlossenen Projekt „Still Life: Killing Time“ über britische Gefängnisse und deren Insassen fand Edmund Clark zu seinem bislang wichtigsten Thema und seinem unverwechselbaren Stil, bei dem Menschenschicksale über Räume erzählt werden. Symmetrie und Strenge der Komposition, die radikale Reduzierung auf nur wenige Objekte und Oberflächen, wie sie Clark bei seinen Motiven konsequent umsetzt, sind ästhetische Modi, mit denen er auf die Kontrollmechanismen der Macht anspielt.
Ein Blick auf seine Fotografien von Isolationsräumen in Guantanamo reicht, um die Atmosphäre dieser Orte nachzuvollziehen. Die knallweißen Wände, die das Licht, welches durch das milchige Glas in den Raum eindringt, abermals spiegeln, tun in ihrer Dominanz im Bild beinahe den Augen weh. In diesen Räumen mussten die Häftlinge tage- und wochenlang ausharren.
In seiner Ausstellungspräsentation für Berlin wie auch auf der Website zum Projekt kombiniert Clark in einem direkten Nebeneinander seine Gefängnisansichten mit Fotografien vom Zuhause, in dem die ehemaligen Häftlinge ihr Leben neu einrichten. Diese Präsentationsform ist gewollt irritierend. Es ist nicht etwa der Kontrast zwischen diesen Räumen, sondern die beunruhigende Ähnlichkeit, die sich dabei einstellt: Auf einmal erinnern die Strickmuster der seidenen Tücher in häuslichen Interieurs, die Clark in Großaufnahme und Detailschärfe fotografiert, an das dichte Stacheldrahtnetz, das den Himmel auf seinen Bildern in kleine Stücke schneidet; die roten Äpfel und das Küchenbesteck sind ähnlich stillebenartig arrangiert wie die eingelagerten Fußfesseln oder Halsbände.
Das Gefühl des Gefangenseins ist damit omnipräsent. Wie Clark selbst bei seinen Gesprächen mit Ex-Häftlingen herausgefunden hat, ist das Zuhause nach Guantanamo ein Ort, in dem die traumatischen Erfahrungen verarbeitet werden und die Erinnerungen die Sicht auf die Realität versperren. In einem begleitenden Text zur Präsentation seines Projekts in der Berlinischen Galerie zitiert er Binyam Mohamed, den Häftling Nr. 1458: „Wird man an einem Seil aufgehängt, kann man das überstehen – doch mit jedem Seil, das ich sehe, kommt die Erinnerung zurück. Geht in einem Raum unerwartet das Licht aus, bin ich wieder in meiner Zelle.“
"Mutations III", im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie, Berlinische Galerie – Berlin, bis 28. Februar 2011. Zum Projekt "Guantanamo: If The Lights Go Out" ist bei Dewi Lewis Publishing ein Katalog erschienen
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