Watchlist
Mariechen Danz
Künstler, die uns aufgefallen sind: Mariechen Danz
Wenn sie auf der Bühne steht, dann so, als wären ihre Eltern der tyrannische König Ubu und die schöne, düstere Nico Päffgen, ihre Kostümbildner Leigh Bowery und Oskar Schlemmer. Und ihre Präsenz scheint aus einer explosiven chemischen Reaktion zwischen Gospel und Disco entstanden zu sein. Sie singt nonverbalen Blues für jedes ihrer Körperorgane, klingt wie eine New-Wave- Göttin und gibt tanzbare Lektionen in postkolonialer Theorie.
Eine wie Mariechen Danz hat bisher gefehlt. Denn während in den vergangenen 15 Jahren starke männliche Performancekünstler wie John Bock und Jonathan Meese mit ihren ausladenden Auftritten international in Ausstellungen und auf dem Kunstmarkt erfolgreich waren, feiern wir als beste zeitgenössische Performancekünstlerin immer noch Marina Abramovi´c, deren Formensprache geschult wurde an der Konzeptkunst der 70er-Jahre. Mariechen Danz ist das fehlende Bindeglied zwischen einer extrovertierten darstellerischen Verausgabung, für die Jonathan Meese, John Bock und auch Christoph Schlingensief stehen, und kritischer body theo ry andererseits. Die 1980 in Dublin geborene Tochter deutsch-irischer Eltern arbeitet in Zeichnung, Performance und Skulptur mit Gesten der Macht. Ihre Arbeit „Ye“ gab 2006 die künftige Richtung an: Die CalArts- Absolventin inszenierte eine Serie von Selbstporträts in Herrscherpose. Gekrönt von selbst gebauten Kopfbedeckungen, ruft Mariechen Danz durch Tausende Jahre Bildgeschichte erlernte Repräsentationsformen ab und macht gleichzeitig das Groteske, Lächerliche darin sichtbar.
Ihre präzisen Bleistiftzeichnungen zeigen ineinander verhakte Gliedmaßen, die vor Spannung fast zu zerreißen drohen – das Kraftfeld zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem auf großformatigen Bögen. „Bully“ ist ein Schlüsselbegriff für Danz’ Motive, ein Wort für einen Tyrannen, jemanden, der rücksichtslos Raum für sich proklamiert. Anders als bei einigen ihrer Kolleginnen basiert Danz’ feministisches Vokabular nicht auf autoaggressiver Selbstdisziplinierung und Klageritualen. „Ich frage nicht, wie man Machtpositionen bekommen kann, ich nehme sie ein“, sagt Danz.
Sie macht es mit Humor, gleitet spielend vom Ultramaskulinen ins Feminine, beherrscht das Glissando vom zutiefst Privaten ins global Politische, von der Höhlenmalerei zum Elektropop. 2011 erscheint ihre erste Soloplatte. Ihr Song „Soldiers“, den sie mit der Berliner Band Bodi Bill aufgenommen hat – gelegentlich treten sie auch live zusammen auf –, ist ein Iraklied, das zu einem Lovesong wird. Ein Video davon lief in ihrer Installation im New Museum, wo sie an der Schau „Younger Than Jesus“ teilnahm: Menschliche Figuren, deren Inneres nach außen zu dringen schien, schritten aus einem geborstenen Diorama heraus, wie um die chauvinistische, kolonial geprägte Geschichtsschreibung der Kulturen und Körper für immer zu verlassen.
Während an Danz’ vorigem Wohnort Los Angeles das Klima für Performances ideal war, sucht sie nun in Berlin die diskursive Auseinandersetzung über dieses Genre. Und wundert sich, wie selten ihre Einladungen, über Physis und Groteske, über Bildtradition und Bewegungspolitik zu sprechen, angenommen werden. „Das hört sich dann oft so an: ‚Entschuldigung, ich muss jetzt an meinen geometrischen Rastern weitermalen.‘ Dabei kommen alle meine Themen, historisch gesehen, doch aus Deutschland.“
Vielleicht ist es auch nur mangelnde Übung zwischen der bühnenerprobten Künstlerin und der Berliner Szene, die große Auftritte meist suspekt fiBndet. Doch wenn jemand kulturelle Differenzen spielend (und singend) überbrücken kann, dann Mariechen Danz.
Mariechen Danz wird von der im September mit einer Gruppenausstellung neu eröffnenden Galerie Tanja Wagner, Berlin, vertreten. Informationen unter: www.tanjawagner.com
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