Kommentar

Die Trauben hängen hoch

Die Münchner bejammern den Fortgang von Chris Dercon – und fürchten den erneuten Rückfall in die Kulturprovinz. Damit könnten sie recht haben

von Holger Liebs
22.07.2010

Holdes, seliges München! Hort der Musen, des FC Bayern und des Bieres, in den Beliebtheitslisten aller Städte weltweit stets ganz vorne postiert – und in der Ferne glimmen die ewigen Berge. Beschaulicher Odeonsplatz, wo fahnenbewehrte Augsburger Edelschlitten dutzendweise paradierten, als Löws Jungs während der Fußball-WM wieder mal ein K.-o.-Spiel gewannen. Es gibt landesweit wahrscheinlich keinen besseren Museumsstandort, klügere und findigere Kuratoren – und nirgendwo eifrigere Besucher der Kunsthäuser. Es könnte alles so schön sein. Zumal jetzt sogar die großartige Münchner Sammlerin Ingvild Goetz ihre Schätze dauerhaft im Haus der Kunst verankern wird.
Doch ach, Aderlass droht. Der geniale Netzwerker und Impresario des Hauses der Kunst, Chris Dercon, wird nach London wechseln, an die dortige Tate Modern – und schon ist der Jammer groß. Dercon, anfangs wegen seiner Weigerung, gut abgehangenes Museumsgut zu Blockbusterschauen zu bündeln, und wegen seines Bemühens, auch allerneueste und entlegene Positionen zu platzieren, kritisch beäugt, ist inzwischen zu einer kulturellen Lichtgestalt gereift, der nur Franz Beckenbauer das Wasser zu reichen vermag. Er holte Paul McCarthy oder Ai Weiwei, Gilbert & George oder Ed Ruscha, Patti Smith oder Sonic Youth an den Englischen Garten – er gab der Stadt das Gefühl, sie sei der Mittelpunkt der Kunstwelt.
Umso mehr wird nun sein Scheiden beklagt. Man fühlt sich alleingelassen. Und sieht Dercons Weggang als Symptom: für den Rückfall in finsterere Zeiten, als München provinziell dahindämmerte. (Wobei ja immer wieder bedeutende Künstler die Stadt besuchten und dort arbeiteten – jawohl, auch noch nach dem Goldenen Zeitalter des Blauen Reiters. Es hat sie nur kaum jemand bemerkt in der Hauptstadt der Selbstbespiegelung). Häme bleibt nicht aus. Die „Berliner Zeitung“ lederte, München habe kulturell „schon seit Jahrzehnten nichts Nennenswertes mehr hervorbringen können“ – es gebe „keine Münchner Schriftsteller von Rang, keine Maler, keine Popmusik von irgendeiner Bedeutung“. Das ist natürlich hanebüchener Blödsinn. München hat großartige Schriftsteller und Schauspieler, das fantastische Gomma-Plattenlabel, eine schier unglaubliche Designerdichte, und zwar allesamt Erstligisten – und das Nachtleben ist ohnehin grandios. Allerdings verlassen auch prominente Bühnen-Granden das Bayernland oder werden in unkluger Manier gegangen; nach Christian Thielemann zieht es nun offenbar auch Kent Nagano in die Ferne. Es ist kein Geheimnis, dass selbst im nach wie vor boomenden München krasse Sparmaßnahmen im Feld der Künste drohen. Und die Kunst, zumal die jenseits der Museen? Tja. Viele Galerien sind längst gen Berlin abgewandert, die Künstler sowieso, und einsam hält gemeinsam mit ein paar wackeren Mitstreitern und Mitstreiterinnen der Galerist Rüdiger Schöttle Wacht an der Isar.
München, quo vadis? Das Haus der Kunst, der gut 70 Jahre alte Tempel mit Maschinenraum im Keller, ist marode, bedarf dringend der Renovierung. An anderen Häusern fehlen Showtalente à la Dercon – Klaus Schrenk, Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, ist ein viel zu bienenfleißiger Museumsmann, um den Belgier in Sachen Außenwirkung zu beerben. Und schon macht sich da und dort wieder eine sonderbare Form der Wurschtigkeit breit. Nach dem Motto „Was soll uns diese quirlige Gegenwartskunst überhaupt, sollen die Berliner doch sehen, was sie damit anfangen, haben eh kein Geld und sitzen alle mit Laptops im ‚Sankt Oberholz‘ rum“ kündigt sich eine Rückbesinnung auf vermeintlich etablierte kulturelle Werte an – musealer Konservatismus scheint das Gebot der Stunde.
Da werden Kuratoren wie Bernhart Schwenk, der noch im Frühjahr eine fulminante Neo-Rauch-Retrospektive an die Pinakothek der Moderne holte, wird das Kulturreferat der Stadt mit seinem beeindruckenden Kunstam- Bau-Programm, werden Matthias Mühling am Lenbachhaus, Bart van der Heide vom Kunstverein oder die ansässigen Galeristen hart arbeiten müssen, um der gewohnheitsträgen Münchner Klientel zu vermitteln, dass zeitgenössische Kunst mehr ist als ein subventioniertes Pflänzchen, in dessen Nähe man ein paar Gläser Vernissagewein kippen kann.
Übrigens: keine Sorge. Das Haus der Kunst wird entgegen allen Gerüchten nicht verwaisen; nach einem Nachfolger für Dercon wird gesucht. Könnte ja sein, dass es am Ende doch noch was wird mit der Kulturhauptstadt im Süden.

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