Informel und die Folgen: Berlin weist Hans Hartung den Ehrenplatz zu
Malen, zeichnen, kratzen, schaben: Hans Hartung betrieb Abstraktion aus Leidenschaft.
Das Bild, von seiner Abbildfunktion befreit, wurde bei dem 1904 in Leipzig geborenen Deutschen zum Experimentierfeld von Formen, Linien, Spuren. In den 50er- und 60er- Jahren war Hartung, mittlerweile nach Frankreich ausgewandert, einer der bekanntesten Vertreter des europäischen Informel: Seine gestisch-grafi schen, meist in dunklen Farben gehaltenen Arbeiten dieser Periode, die oft an asiatische Kalligrafie gemahnen, sind visuelle Ikonen der Zeit.
Doch auch aus den Jahrzehnten danach gibt es spannende Werkkomplexe, die erst neuerdings nach und nach wiederentdeckt werden: strenge Kratzbilder, klare Farbfelder, gesprühte Farbwolken, mit Reisigbesen auf die Leinwand geschleuderte Formexplosionen und, vor allem aus seinen letzten Lebensjahren, opulent gespritzte Tableaus. In unglaublicher Vielfalt ist all dies in der Fondation Hartung- Bergman im südfranzösischen Antibes erhalten: dem ehemaligen Wohnhaus und Atelier, wo Hartung und seine Ehefrau Anna-Eva Bergman, auch sie abstrakte Malerin, lebten. Seit Hartungs Tod 1989 arbeiten seine ehemaligen Assistenten dort den umfangreichen Nachlass auf.
Jetzt hat die Stiftung auf Vermittlung des Berliner Galeristen Clemens Fahnemann dem Berliner Kupferstichkabinett ein Konvolut von 213 Druckgrafi ken Hartungs geschenkt. Damit besitzt das Kupferstichkabinett ein gutes Drittel von Hartungs druckgrafi schem Gesamtwerk, das die zeitliche Spanne von den 20er- bis zu den 80er- Jahren umfasst: Lithografi en, Radierungen, Linol- und Holzschnitte aus allen Phasen seiner Karriere. Die Grafi ken, die Hartung als gleichwertig gegenüber seiner Malerei und seiner Zeichnung bewertete, spiegeln seine Lust an der Geste: erst vor allem mit der Linie ausgeführt, seit den 60er-Jahren auch mithilfe von Farbrollen. Bei der Bearbeitung der Druckplatten konnte Hartung auch die Techniken des Kratzens und Schabens mit immer neuen Effekten ausprobieren, in einem ständigen Balanceakt zwischen vermeintlicher Spontanität und sorgfältigster Planung des Bilds.
„Vom Esprit der Gesten“ heißt die Ausstellung, mit der das Kupferstichkabinett die Hartung-Schenkung vorstellt – ein Geist, den sie bis in die Gegenwart weiterverfolgt. Den 60 ausgewählten Werken werden rund 30 Druckgrafiken anderer Künstler von der Epoche des Informel bis heute gegenübergestellt, die sich mit der expressiven Linie in der abstrakten Kunst beschäftigen, von Emil Schumacher über Maria Lassnig und Cy Twombly bis hin zu Damien Hirst. Immer wieder geht es auch hier um die Spannung zwischen Freiheit und Kontrolle: Jackson Pollocks tranceartige Ausdruckskunst trifft auf die fein gezeichneten Rauchschwaden Mark Sheinkmans oder die noch vom Kalligrafi schen durchtränkten Kompositionen der Japanerin Hana Usui. Das Informel kommt zurück, mit Eleganz und Verve. Diese Schau gibt Hartungs Werk seinen verdienten Platz im Zentrum jener wiederentdeckten Epoche.
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstich kabinett, 30. Juli bis 10. Oktober
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