Watchlist

Watchlist: Tobias Madison

Künstler, die uns aufgefallen sind: Tobias Madison

von Tenzing Barshee
18.11.2010

Die Julisonne strahlt auf die Fassade des Radisson-Hotels in Malmö. Dort hängt ein Banner: „Yes I Can!“ steht in weißen Buchstaben auf blauem Grund, 2 mal 2,50 Meter groß. Eine Eigenwerbung des Hauses – und gleich das Material des Künstlers. Der sitzt noch an der Bar, wie meist in Eisfarben gekleidet. „Ein Leben in Pastell“, sagt Tobias Madison. Er weiß, wie er an die Flagge kommt, mit einem Komplizen hat er die Lage sondiert. Sie müssen nur ihr Ding drehen: Beide bestellen einen Gin-Tonic, trinken ihn bis auf die Hälfte, der Helfer schleicht sich in den dritten Stock, während Madison das Gebäude verlässt. Der Mann oben schneidet die Fahne frei, sodass sie der unten fangen und aufrollen kann. Sie treffen sich wieder an der Theke und leeren ihre Gläser. Tobias Madison hat seine Leinwand.
Es passt, dass der Künstler und Autor Matias Faldbakken einen Tag später neben Madison in der Galerie von Johan Berggren ausstellt. Denn Faldbakken soll mit ein paar ausdrucksvollen Gesten Farben über den aufgeladenen Spruch klatschen: „Yes I Can!“ Das macht Faldbakken gern: So übten sich beide schon bei der diesjährigen Art Basel im Spiel der kunstvollen Entwendung, als sie im Garten des Restaurants Kunsthalle Champagner und Parmaschinken an ihre Freunde weiterreichten. Fragt man den Künstler, ob das Klauen ein Teil des Werks sei, sagt Madison: „Nein, es macht aber Spaß.“

Die Systeme, die Madison anzapft, sind so ergiebig, dass er selbst nicht mehr viel hinzutun muss. Seine Arbeit lebt von einer skrupellosen Inanspruchnahme. „Wichtig ist, dass die Firmenstruktur eines multinationalen Konzerns als Medium erachtet werden kann. Das heißt, die Corporate Identity, die ganze Firma an sich, wird für die eigene künstlerische Praxis verwendet“, sagt Madison. Und auch wenn das ironisch klingt, nennt er es lieber „subversiv“. Seine Technik der Aneignung bedient sich nicht beim einfachen Objekt, sie will die Wirkung, Bedeutung und Geschichte der Hotelkette und des Slogans umfassen. Radisson, 1909 in Minneapolis gegründet – in kolonialistischer Tradition stand der französische Entdecker und Pelzhändler Pierre-Esprit Radisson Namenspate –, gilt als eines der ältesten multinationalen Unternehmen. Es war der erste amerikanische Konzern mit einer Außenstation in der Sowjetunion. Seit 1979 wird das Mantra gepredigt: „Yes I Can!“

Die Unverfrorenheit, mit der der 24-jährige Schweizer vorgeht, entspricht genau der Unverfrorenheit, mit der eine Firma eine Lebenshaltung durch Werbung als die ihre erklärt. „Yes I Can!“ verspricht letztendlich die Freiheit, auch das Banner abzureißen. Anders gesagt: Madison hält sich so konsequent im Symbolischen auf, dass er es ganz wörtlich nehmen darf. So wie Till Eulenspiegel Eulen und Meerkatzen backte.

Madison schaut dabei nicht etwa von der hehren Sphäre der Kunst auf die Marktplätze herab – er beutet die Logik beider Systeme aus. Auf die Frage nach der Tradition, in der er sich verorte, nennt er noch ein Beispiel von Symbiose: „Giorgio Armani und ‚American Gigolo‘“. Man will glauben, dass so ein Statement besser zu den Pastellfarben (das bewusst gewählte Outfit) als zur Gesinnung (der wahre Charakter) des Künstlers passt. Tobias Madison sagt weiter: „Dadurch, dass ich bei verschiedenen Künstlern eine Malerei auf dieser Flagge in Auftrag gebe, entsteht die kalkulierte Wertsteigerung nach kunstmarkttechnischen Punkten.“ Routiniert erklärt er, dass jeder der Akteure, der den figurativen Schwung des Logos kontere, sich auf abstrakten Expressionismus besinne. Und dessen Idee leicht zu einem männlichen Künstlermythos passe. In dieser Gestik steht er jedoch näher an einem Jean Tinguely, der mit seinen „Méta- Matic“-Maschinen (die zufällig expressionistische Bilder produzierten) bereits in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts diese chauvinistischen Symptome auszuhebeln versuchte. „In meinen Arbeiten, die in Kooperation entstehen“, sagt Madison, „wird die Verklärung des Einzelhelden gleichzeitig dementiert und infolge des Prinzips der Wertsteigerung auch untermauert.“ Spannender wird das, sobald diese Werke in einem institutionellen Rahmen auftauchen – etwa auch die Aquarien, die Madison mit giftig anmutendem Wasser der Marke Vitaminwater füllt und sie in modernistische, deprimierende Skulpturen verwandelt. („Yes I Can!“ hängt als Teil der Sammlung im Kunsthaus Zürich.)

„Werbung an einem per se autonomen Ort ist unbezahlbare, vor allem unerreichbare Werbung für die Strategen solcher Unternehmen.“ Und auch das ist keine neue, aber eine dynamisch durchdachte Taktik: „Es eröffnet mir wiederum die Möglichkeit, den immateriellen Marketingwert zurück an Radisson zu verkaufen – konkret, wenn ich zum Beispiel mit der Hotelkette Verhandlungen über freie Übernachtungen für die geleistete Werbung führe.“ Es hat etwas großartig Anmaßendes, wenn der 24-Jährige den Konzern, das Museum und die eigene Arbeit zusammenbringt, als hätten alle niemals etwas anderes gewollt, und vielleicht ist diese Unverschämtheit seine Kunst.

Inzwischen sind es an die 20 Flaggen, die Madison an Orten wie Tiflis, Astana oder Kiew kaperte. In seiner Heimatstadt klaute er die Fahne so oft, dass das Basler Radisson es inzwischen aufgegeben hat, eine aufzuhängen. Dabei entstanden Arbeiten zusammen mit Künstlern wie Kerstin Brätsch oder John Tremblay.

Momentan kann es Madison egal sein, ob Radisson ihn umsonst wohnen lässt, hat er mit Freunden doch gerade eine stillgelegte Schönheitsklinik am Zürichsee besetzt. Im Übrigen bettet ihn der Kunstbetrieb, eine Einzelschau folgt der anderen. Nachdem er im Frühjahr am Swiss Institute in New York zu sehen war, präsentieren ihn bald der Kunstverein München und das Haus Konstruktiv in Zürich. Nach den Sommerferien tritt Tobias Madison aber erst einmal sein letztes Bachelor-Jahr an der Zürcher Hochschule der Künste an.

Tobias Madison wird von der Galerie Karma International, Zürich, vertreten. Seine nächsten Einzelausstellungen: Kunstverein München, 25. September bis 21. November. Haus Konstruktiv, Zürich, 10. November bis 30. Januar 2011

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