Abu Dhabi
Stephen Shore
Hier zeigt der Pionier der New Color Photography erstmals seine neuen Aufnahmen. Der 62-jährige Amerikaner hat sich fremdes Terrain angeeignet – aber: „Der Ort ist ein anderer, meine Arbeit deshalb nicht“
Hingeflogen, drei Tage fotografiert, einen Tag entspannt, Rückflug. Es klingt ein bisschen kühn, wenn Stephen Shore erzählt, wie er zu seiner neuen Serie „Abu Dhabi“ kam, zumal er nie zuvor in dem Emirat gewesen war. Ob man nicht Vorbereitung brauche, um Klischees zu vermeiden und zu verstehen, wie der Ort tickt? „Vielleicht weiß ich ja nicht, wie der Ort tickt“, entgegnet Shore trocken. „Aber es fühlte sich leicht an, dort zu arbeiten.“
Ihn interessiere, wie eine Stadt, wie die Architektur, die Schaufenster, die Werbetafeln aussähen und wie sich Leute kleideten: „die visuellen Manifestationen einer Kultur, denn das ist etwas, das der Fotografie sehr entgegenkommt“. So herum läuft der Hase also. Auch wenn Shore bis ans Ende der Welt reiste – es sind die Motive, die zu ihm kommen, er registriert bloß, was sich ihm bietet. Als wäre er nichts als ein lichtempfindlicher Apparat. Understatement braucht Selbstvertrauen, und daran kann es dem 1947 in New York City geborenen Shore nie gefehlt haben. Als 14-Jähriger verkaufte er einige seiner Fotos an das Museum of Modern Art. Mit 17 lernte er Andy Warhol kennen und vertrieb sich die Zeit in dessen Factory, fotografierte oder setzte das Licht für Auftritte der Band Velvet Underground. 1971 wurde ihm als zweitem lebenden Fotografen überhaupt (der erste war Alfred Stieglitz) eine Einzelschau im Metropolitan Museum ausgerichtet, da war er 24. Im Jahr darauf brach er zu einer Reise quer durch sein Heimatland auf und kehrte mit zwei Serien zurück, die heute im kollektiven Bildergedächtnis als gültiges Porträt der USA in den 70ern verankert sind: den „American Surfaces“ und den „Uncommon Places“. Stephen Shore fotografierte keine ungewöhnlichen Orte: sein Motelzimmer, den Frühstückspfannkuchen, Autos, Hunde, Landschaften, die Main Street verschlafener Nester. Das Äquivalent dessen, was der New Journalism zur selben Zeit und die Beatniks einige Jahre zuvor schriftlich zu fassen versuchten. Für die Fotografie Neuland.
Nichts ist für Shore zu wertlos, um fotografiert zu werden. Alles ist Kunst, und gerade deshalb strebt er ungekünstelte Seherfahrungen an, schert sich nicht um die Unterscheidungen von dokumentarischen, formalistischen, unmittelbaren Ansätzen und bricht mit dem Schwarz-Weiß-Imperativ. Vermeintlich banale Details, das hat er bei Warhol gelernt, erweisen sich als bildwürdig, Straßenkreuzungen oder bis zum Horizont sich reihende Strommasten ergeben subtile Strukturen. Wirklichkeitserfassung in dieser Intensität ist immer auch Poesie und soziologischer Röntgenblick. Shore gilt heute neben William Eggleston und Joel Sternfeld als einer der Pioniere der New Color Photography. Seine Bedeutung wird gerade auch mit Blick auf Deutschland deutlich. Kein Fotograf der Nachkriegszeit, Michael Schmidt ausgenommen, wagte es hier, sich in dieser Radikalität mit dem eigenen Land auseinanderzusetzen. Im Alltag sah man bestenfalls biedere Verdrängung der Nazigräuel, Begriffe wie Heimat waren suspekt, das Bildermachen selbst ein Akt der Negation. Bernd und Hilla Becher als wohl bekannteste Fotografen der Zeit zwangen sich in ein konzeptuelles Korsett (keine Farbe, keine Menschen, keine Handschrift) und nahmen Fachwerkhäuser und Industriebauten auf – die bundesrepublikanische Gegenwart blieb außen vor.
Dennoch zeigten sie bald Interesse an Shores Arbeiten – man kannte sich von der Gruppenausstellung „New Topographics“ – und stellten sie in ihren Klassen an der Düsseldorfer Akademie vor. In den frühen Serien der Becher-
Da überlagern sich Halbmond und Satellitenschüssel, da galoppiert vorn ein Tier auf bröckelndem Putz, während ein Mercedes dahinter in eine andere Zeitachse zeigt. Die Komposition Stephen Shores spiegelt eine streng organisierte Stadtplanung, selbst die Natur scheint zivilisiert
Schüler Ruff, Struth und Gursky und auch bei Joachim Brohm sieht man deutlich Shores Einfluss. Eine Schau im Düsseldorfer NRW-Forum geht diesem Austausch jetzt nach – sie wird für Shore als Kulturpreisträger der Deutschen Gesellschaft für Photographie ausgerichtet.
Dass sich der 62-Jährige auch fremdes Terrain aneignen kann, zeigen seine neuen Bilder. „Der Ort ist ein anderer, aber meine Arbeit deshalb nicht“, sagt Shore. Still sind seine Aufnahmen, als sollten auch die Nebensächlichkeiten, die eine Stadt prägen, zu Wort kommen – und wohlstrukturiert: Die Räume, die sich zwischen den Diagonalen und Horizontalen auftun, wirken wie archäologische Schichten. Da überlagern sich Halbmond und Satellitenschüssel, da galoppiert vorn ein Tier auf bröckelndem Putz, während ein Mercedes dahinter in eine andere Zeitachse zeigt. Die Komposition spiegelt eine streng organisierte Stadtplanung, selbst die Natur scheint zivilisiert.
„Was ich gesehen habe, hätte jeder andere auch sehen können“, so Shore. Tatsächlich bleibt er in dem von Ornamentik geprägten Stadtraum meist außen vor, trifft der Blick auf Mauern und Fassaden, gelangt fast nie in Innenräume. In der Glastür eines Geschäfts schließlich begegnet uns der Fotograf in humorvoller Selbstreflektion: Dort, wo sich der Kopf des westlichen Besuchers spiegeln müsste, prangt eine Red-Bull-Dose.
„Der rote Bulli. Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografi e“. NRW-Forum Düsseldorf, 11. September bis 16. Januar 2011. In Berlin zeigt die Galerie Sprüth Magers ab 12. November zudem Arbeiten aus Shores Serien „Uncommon Places“ und „A Road Trip Journal“, 12. November bis Mitte Januar 2011
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