Überlebensgroß: Massimiliano Gionis Gwangju-Biennale
Südkorea ist so etwas wie die asiatische Schweiz: Das Land hat ein hohes Bildungsniveau, wenig Umweltprobleme, ist sicher, Fortschritt und Tradition sind gleich stark.
In der Stadt Gwangju wurde in den 80er-Jahren gegen die Militärdiktatur und für Demokratie demonstriert, Mitte der 90er entstand zum Gedenken daran die Biennale, eine der bestfinanzierten ihrer Art. Nicht zuletzt darum betreuten sie bislang unter anderem Autoritäten wie Harald Szeemann, Okwui Enwezor – und nun Massimiliano Gioni.
Das bedeutet einerseits hippe junge Kunst, wie er sie in seinen Ausstellungen im New Yorker New Museum präsentiert, etwa von Kerstin Brätsch oder Cyprien Gaillard. Aber auch Positionen am Rand des Esoterisch-Unheimlichen und unentdeckte Outsider: James Castle und Morton Bartlett zum Beispiel, verstorbene Autodikakten aus den USA, der eine geistig behindert, der andere besessen von selbst gefertigten, lebensgroßen Puppen, werden erstmals in einem internationalen Rahmen gezeigt. Gioni selbst hat in vergangenen Schauen eine Vorliebe für den unmittelbaren Schauder nachgebauter Menschen demonstriert.
Puppenfetischist Hans Bellmer steht folglich auf der Liste, Maurizio Cattelan und Andro Wekua, die auf die naturalistische Geisterbahn spezialisiert sind. Und eine riesige Heilige Jungfrau von Katharina Fritsch steckt den kulturellen Rahmen ab – den des Kurators jedenfalls, der zu den besten der Gegenwart zählt und so einen global begehrten Exportartikel mit entsprechendem Branding darstellt.
Die ganz große Karawane aus Kollegen, Künstlern und Kritikern bleibt in Gwangju meist aus, doch für die Bewohner des Austragungsorts wird „10 000 Lives“ ein anspruchsvolles Stück Arbeit. Nur zehn Prozent der über 100 Ausstellenden kommen aus Südkorea, zwei spektakuläre Arbeiten dafür aus Kambodscha und China (was sich sehr großzügig nicht regional eingemeinden lässt). Spektakulär vor allem deshalb, weil sie nicht der Kunst entstammen. Dabei sind die ultranüchternen Porträts der Gefangenen aus Toul Sleng, dem Vernichtungslager der Roten Khmer, besonders an der Stätte wirksam, wo sie aufgenommen und die Gezeigten bestialisch gefoltert und umgebracht wurden – in einer ehemaligen Grundschule an der Peripherie von Phnom Penh. Ein so drastisches Dokument zum mobilen Werk umzufunktionieren ist heikel. Nur wenn dabei mehr entsteht als ein biennaletypischer, oberflächlicher Weltgeschichtsgrusel, gelingt der Transfer. Bleibt die Frage nach der 100 Figuren umfassenden chinesischen Skulpturengruppe „Hof für die Pachteinnahme“, einem Monumentalgebilde aus der Zeit der Kulturrevolution: Hier erweist sich die Kunst als totale Unterwerfung, als dienende Programmatik. Die Installation wurde bereits einmal in der Frankfurter Schirn gezeigt, stand da allerdings einem Ausstellungsprofi l à la „Die Etrusker“ irgendwie näher als der Gegenwartskunst. Wie Südkorea dieses historiegewordene propagandistische Ensemble sieht, kann man eben auch nur ahnen.
Massimiliano Gioni hat ein hervorragendes Gespür für Räume und Orte, und er ist unschlagbar darin, unbekannte Grenzgänger und junge, aufstrebende Künstler so zusammenzubringen, dass ein unwiderstehliches, wortloses narratives Gespinst entsteht. Und er versammelt absolut verlässliche Größen im Programm: Carl Andre und Thomas Bayrle, Walker Evans und Hans-Peter Feldmann, Harun Farocki, Maria Lassnig, Paul McCarthy, Thomas Hirschhorn, Gustav Metzger. Wenn Gioni in Gwangju die Schau realisieren kann, die er schon immer mal machen wollte, würde man ihm gern dabei zusehen.
8. Gwangju-Biennale, Südkorea, 3. September bis 7. November
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