Mehrwert in Berlin: Willem de Rooij erforscht den Reiz der Globalisierung
Die vergangenen drei Einzelpräsentationen in der Neuen Nationalgalerie Berlin lassen sich durchaus als Versuch werten, dem arroganten Bau seine Selbstgenügsamkeit auszutreiben.
Erst wurden die Wände des Glastempels bemalt (Imi Knoebel), dann mit Vorhängen (Thomas Demand) und schließlich Teppichen und einem Kronleuchter (Rudolf Stingel) zugemufft. Eine Schau Willem de Rooijs, der sich in seinen Fotografien und Videos von jeher mit der Präsentation von Bildern beschäftigt, kündigt jetzt die nächste Attacke an – wobei de Rooijs Fokus über die europäische Moderne hinausreicht.
Das neue Werk des 1969 geborenen Niederländers besteht in der Zusammenführung scheinbar disparater Artefakte: hawaiianische Federfi guren aus ethnologischen Sammlungen einerseits, Leinwände des Vogelmalers Melchior de Hondecoeter (1636–1695) andererseits. Wir haben uns das Arrangement aus Vitrinen und Gemälden wie eine raumgreifende Collage vorzustellen, in der der Künstler an die Seefahrertradition seines Heimatlands erinnert und unseren Blick auf diese Frühform der Globalisierung lenkt. Exotische Südseeobjekte waren bereits im 17. Jahrhundert gefragte Handelsgüter – und fanden sich schnell in der Ikonografie der Zeit wieder: So malte man sich die weite Welt aus, als man sie noch nicht bereisen konnte, aber schon begehrte. Sigmund Freud zeigte, dass wir das Andere konstruieren müssen, um zu uns selbst zu finden; Karl Marx, wie kurz der Weg vom religiösen zum Warenfetisch ist. Auch heute kommen wir nicht ohne diesen magischen Mehrwert, das berühmte „Je ne sais quoi“, aus, das gilt für die Shoppingtour und den Museumsbesuch gleichermaßen. „Intolerance“ nennt Willem de Rooij seine Arbeit – was Unverträglichkeit oder Überempfindsamkeit bedeuten kann. Schlüssig, dass er in diese jahrhundertealte Mühle keine frische Ware wirft: Das Ausstellen selbst ist der künstlerische Beitrag.
Neue Nationalgalerie Berlin, 18. September 2010 bis 2. Januar 2011
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