Erdkunde
In diesem Sommer findet das jährliche ArtCrush-Benefizfestival in Aspen, Colorado, zum sechsten Mal statt.
Das lokale, äußerst bescheiden dimensionierte Aspen Art Museum ist Gastgeber und zugleich Zuwendungsempfänger dieser Veranstaltung, die zu Besuchen von Privatsammlungen, zu Weinproben, festlichen Essen und letztendlich zu einer von Tobias Meyer von Sotheby’s geleiteten Kunstauktion einlädt.
Aspen ist das vielleicht bekannteste Dorf in den USA. Es hat etwas weniger als 6000 Einwohner, ist jedoch die reichste Gemeinde der Vereinigten Staaten. Auf 2400 Meter Höhe in den Rocky Mountains südwestlich von Denver gelegen, ist es im Winter ein Skiresort und im Sommer ein Wander- und Kletterparadies. Alles dreht sich hier um Licht und Luft.
Doch statt ländlicher Ruhe herrscht großstädtische Umtriebigkeit in der malerischen Natur. Exil-New-Yorker im Hightech- Outfit bevölkern die Hänge, hetzen die Berge im Stechschritt hoch und rennen gleich wieder runter, da man ja den nächsten Termin nicht verpassen darf. Ohnehin wandert man nicht alleine, sondern nimmt seine erste geschäftliche Verabredung als Begleitung mit hoch auf den Gipfel. Wenn den Großstädtern dann trotz der im Fitnessstudio gestählten Körper mal die Luft ausgeht, gibt es in der lokalen Apotheke einen Verkaufshit als Nothilfe: Sauerstoff in der eleganten, grauen Metallsprühflasche. Reicht für mehr als eine Atemkrise und passt in jeden Rucksack! Die lokalen Sammler sind natürlich auch eigentlich eher Großstädter der West- oder Ostküste mit einem sommer- und wintertauglichen Landsitz. Man sagt, dass gleich zwei Dutzend der 200 weltweit einflussreichsten Kunstsammler auch einen Sitz in Aspen haben. Also steht der Ort ganz im Zeichen der zeitgenössischen Kunst. Franz-West-Skulpturen auf Almwiesen und Aaron-Young-Objekte in Hanglagen würden die Landschaft verschandeln, wenn nicht die Sammlerdomizile selber von der Kunst ablenken würden. Meist passend zum Kleidungsstil ihrer Besitzer gestaltet, sind die übergroßen Ranches während des ArtCrush die Orte für Empfänge und Dinners. Amy und John Phelan laden zum ersten Abend ein. Die gesamte Parkanlage um ihr Privatmuseum ist mit Freiluftbetten, einer Open-Air-Tanzfläche und einem Buffet auf grüner Wiese geplant. Doch es plätschert der Regen. Trotz Notzelt wird die Tanzfläche zur Rutschbahn.
Am nächsten Morgen schaue ich mir endlich das Aspen Art Museum an. Es zeigt eine Einzelausstellung des 1973 in Dänemark geborenen, in Berlin lebenden Malers Sergej Jensen in den knapp 300 Quadratmetern der Hauptetage. Irgendetwas stimmt hier nicht, der Rhythmus der Installation, die Abfolge und Aufteilung der Exponate erscheinen merkwürdig. Sichtlich irritierten Besuchern kommt der Museumsguide zu Hilfe und erklärt, der Künstler habe die Beleuchtung der vorangegangenen Ausstellung eins zu eins übernommen und seine Leinwände entsprechend positioniert. Es ist eine wirklich gute, verstörende Ausstellung. Der nächste Abend ist nicht verregnet, findet aber vorsorglich doch unter einem Zeltdach statt. Die Gastgeber begrüßen die zahlreich anwesenden Künstler und bemerken, dass gleich sieben Museumsdirektoren zugegen sind. 1,5 Millionen Dollar bringt die Auktion ein. Die Direktorin Heidi Zuckerman Jacobsen kündigt stolz an, dass Aspen bald ein neues, richtig großes Museum bekommt, das der Stararchitekt Shigeru Ban designt. Die gesamte Museumsanlage werde etwa 6000 Quadratmeter umfassen, erklärt sie. Das ist immerhin mehr als ein Quadratmeter pro Einwohner von Aspen!
Klaus Biesenbach ist Direktor des P.S.1 sowie Chief Curator at Large am Museum of Modern Art, New York
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