Künstler sind Pilger. Es gibt Werke, zu denen kehren sie immer wieder zurück. Die fi nnische Filmemacherin Eija-Liisa Ahtila zieht es zu Pablo Picassos „Femme à l’oreiller“
"Ich möchte über Pablo Picassos ‚Femme à l’oreiller‘ sprechen, das Gemälde, das er 1969, spät in der Karriere, malte.
Ich hatte Picassos Arbeiten ja nie bewundert. Leider war für mich sein Werk unter all der kommerziellen und populistischen Aufregung verschüttet, und der Mythos vom Genie hatte mich auf Distanz gehalten.
Eine Ausstellung im Ateneum Art Museum von Helsinki im Herbst 2009 weckte allerdings mein Interesse: die Wanderschau mit dem Titel ‚Meisterwerke aus dem Musée national Picasso, Paris‘. Sie widmete sich seinem Werk von 1899 an, beschrieb den Aufstieg des Kubismus und wie Picasso die gewohnte Art und Weise beeinflusste, wie wir die Dinge wahrnehmen. Am interessantesten erschien mir, dass er ab Winter 1907 begann, in seinen Akten die statische Perspektive aufzugeben. Lange Zeit gab es zwei Bereiche in der Kunst, die nicht angetastet worden waren, der eine war der Blickwinkel, der andere die Zentralität und die Solidität. Picasso hat beides infrage gestellt. Wenn er eine menschliche Gestalt zeichnete oder malte, brach er die altbekannten Regeln für Licht und Perspektive. Gleichzeitig machte er die bis dahin überbewertete, isolierte Figur zu einem Teil ihrer Umgebung. Mit seiner Beliebtheit, mit seinen unglaublichen 70 000 Werken schaffte Pablo Picasso es, diese Abstraktion zu einem festen Bestandteil unserer Wahrnehmung werden zu lassen. Er veränderte unser visuelles Verständnis. Verschiedene, simultane Perspektiven wurden zu einer akzeptierten Sichtweise.
Als Künstlerin, die mit dem bewegten Bild arbeitet, möchte ich an dieser Stelle einen Vergleich ziehen. Kurz gesagt, bedeutet Komposition, einen Rahmen für einen Ort festzusetzen, die Beziehungen darin zu definieren und bestimmte Sachen hervorzuheben. Man kann durchaus behaupten, die Dramaturgie beim bewegten Bild und im Film entspricht der Komposition in der bildenden Kunst.
Zu einer Zeit, als Pablo Picasso Perspektive, Blickwinkel und Komposition untersuchte, war der Film in den Kinderschuhen und vom Theater bestimmt. Seine Erzählweise blieb in der naturalistischen Illusion gefangen, und er geriet zu einer Maschinerie für kommerzielle Zwecke.
Ich wünschte, dass Abstraktion (und damit meine ich nicht abstrakte Bilder, sondern Abstraktion in der Dramaturgie, also multiple Blickwinkel und eine Dezentralisierung der menschlichen Figur) im Film und im bewegten Bild stärker geschätzt würden. Und dass die Menschen auch hier vielfältige Sichtweisen und eine offene, aktive Interpretation akzeptierten – anstatt der geschlossenen Erzählungen, die herkömmliche Lesarten propagieren und affirmative Botschaften in sich tragen. Warum nun, aus allen Arbeiten der damaligen Ausstellung, ‚Femme à l’oreiller‘, die Frau mit dem Kissen? Picasso war fast 90, als das Werk entstand. Er malte sein Leben lang Akte. Wenn ich mir die Komposition anschaue, das Gesicht und die Augen, berührt mich sehr, wie die Figur dem Betrachter entgegenschaut – vielleicht ein bisschen besorgt. Handelt es sich um ein Selbstporträt des alten Künstlers? Seltsame Idee, ich weiß, aber sie entstammt meiner eigenen Erfahrung. Vor einigen Monaten drehten wir einen Film, und ich war den ganzen Tag mit den Schauspielern zusammen. Wenn ich eine bestimmte Person zehn Stunden lang ansehe, bekomme ich das Gefühl, sie nehme mich völlig ein. Als ich jünger war, kämpfte ich dagegen an. Doch dann dachte ich, ich muss es einfach akzeptieren. Vielleicht fühlte Pablo Picasso etwas Ähnliches: Er blickte die Nackte an und ließ sich noch einmal von ihr malen."
Eija-Liisa Ahtila, geboren 1959 im finnischen Hämeenlinna, ist Filmemacherin und Videokünstlerin. Sie lebt in Helsinki
- Pablo Picasso (Künstlerdatenbank)
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