Berlin-Spezial

Von New York aus gesehen: Klaus Biesenbach hob die Auguststraße ins Rampenlicht – und wurde Weltbürger

Klaus Biesenbach erwischt man, wenn man Glück hat, irgendwo zwischen Santiago de Chile und Bogotá, auf Dienstreise am Telefon und online.

16.09.2010

Der 43-Jährige ist Chief Curator at Large am New Yorker Museum of Modern Art und Direktor dessen Ablegers MoMA P.S.1 – und außerdem einer der am besten vernetzten Kuratoren der Welt. Vor 20 Jahren war der vormalige Medizinstudent „inoffizieller Praktikant“ bei Jutta Weitz von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte – wie so viele Leute aus der Szene –, „weil wir keine Telefone hatten und es dort Telefone gab“. Weitz verantwortete damals etwa 2000 teils ziemlich heruntergekommene Räume in der Spandauer Vorstadt. Und sie zeigte Klaus Biesenbach eine offen stehende Margarinefabrik an der Auguststraße: der Gründungszeitpunkt der Kunst-Werke, heute KW Institute for Contemporary Art. Biesenbachs Erfindung.
Ursprünglich hatte dort ein Fitnesscenter aufmachen sollen, nun wurde der Ort zum Nukleus des Berliner Kunstbooms. „Da waren hungrige Künstler und hungrige Investoren“, zieht Biesenbach Bilanz. „Es ging darum, Künstler nach Mitte zu holen, weil niemand anders die kurzfristigen Mietverträge wollte“ – vielerorts konnten die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt werden.
Nach 1990 holte Biesenbach selbst wichtige Künstler in die KW, er initiierte die über die Auguststraße verteilte, enorm einflussreiche Gruppenschau „37 Räume“. „Joan Jonas, John Miller, Mike Kelley, alle kamen nach Berlin. Ab 1992 stellten wir Nan Goldin oder Bruce Nauman aus. Schließlich kam es zu einer Art Mini-Biennale auf Zeit, 1995 in Venedig, der ‚Club Berlin‘: Monica Bonvicini, Daniel Pflumm, Mercedes Bunz, Katharina Sieverding, Douglas Gordon, Dan Graham … Wir alle reisten mit Zug und Flugzeug dorthin, um 72 Stunden lang Performance, Video und anderes zu präsentieren.“ Ein Triumph, den Biesenbach ironisch umschreibt: „Damals verloren wir unsere Unschuld.“ Und man beschloss, mit 50 Künstlern müsse man nicht woandershin fahren, sondern könne gleich in Berlin eine Biennale aufstellen. 1998 war es – nach einem Vorspiel mit dem Performanceraum Hybrid Workspace auf der Documenta ein Jahr zuvor – so weit: Die Berlin- Biennale fand statt, mit der Eröffnung von Dan Grahams Glaspavillon und der Rutsche von Carsten Höller im Hof der KW. „Das war ja doch ein ziemliches Ereignis. Und Mitte damit Mitte.“ Und damit lockte New York. Biesenbach wurde zum Vielflieger: Alanna Heiss vom P.S.1, die ihn einlud, am damals wiedereröffnenden Kunstzentrum mitzuarbeiten, und er organisierten fortan Kooperationen mit den KW, Ausstellungen von Santiago Sierra, Paul Pfeiffer oder Taryn Simon. Gleichzeitig verstand er es, dem Berliner Haus dadurch ein neues, politischeres Profil zu geben. „Diese Identitätsbildung war wichtig, gerade in den Jahren nach 9/11. Die Zeit Anfang der Nuller-Jahre wird gern ein wenig unterschätzt.“ In der Folge gab es zum Beispiel auch die umstrittene Schau über die Rote Armee Fraktion, wegen der Biesenbach sich sogar vor dem Bundestag rechtfertigen musste. 2004 fragte ihn Glenn D. Lowry, ob er zum MoMA kommen wolle, Berlin rückte erst einmal in den Hintergrund. „Die Stadt schien damals ein bisschen müde. Sammler wie Hoffmann, Taschen und Boros wurden immer bedeutender und bauten einen ungeheuren bürgerlichen Kunstschatz auf. Auch das konsolidierte die Lage wieder.“ Hat der Weltbürger Biesenbach auch mal etwas falsch gemacht? „Vielleicht habe ich die Arbeit der Berliner Galerien während meiner Zeit in den KW unterschätzt. Das wurde mir oft vorgeworfen, zu Recht. Für mich waren die Künstler immer wichtiger. Aber wer hat denn die Stadt aufgebaut? Künstler, ja, ein paar Kuratoren – aber eben auch die Galerien.“ Heute muss Klaus Biesenbach sich jedenfalls nicht mehr entscheiden, ob er lieber in Berlin oder New York lebt – er ist sowieso die ganze Zeit unterwegs. Und sieht dennoch die Gefahr, dass Mitte zu einem „Themenpark Freizeit und Kunst in der Großstadt“ wird. „Die Stadt ist, was die Arbeitsbedingungen angeht, allerdings immer noch grandios. Dass man so billig leben kann – einzigartig. Wenn man mit Amerikanern Berlin besucht, reden die seit zwei Jahren immer von der Rezession. Aber es gab nie wirklich viel privates, in Berlin verdientes Geld. Und wo nichts ist, kann man auch nichts verlieren. Hier wachsen keine Bäume in den Himmel“, sagt er. Und fügt hinzu: „Ich halte es in diesem Fall mit Christoph Schlingensief: ‚Scheitern als Chance‘.“

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