„Wir müssen unbedingt die Neue Wirklichkeit anstreben!“
Partnertrennungsagentur, Möbelhaus, Akademie, Fach geschäft für Apfelkuchen – Rafael Horzon gründete in Berlin zahlreiche, sehr spezielle Unter nehmen. Viele meinen, eigentlich mache er Kunst. Doch dagegen wehrt sich der 40-Jährige heftig – auch in seinem neuen Buch
Herr Horzon, Sie haben eine Wissenschaftsakademie gegründet, das Kreativbüro Redesigndeutschland, das Unternehmen Moebel Horzon und, und, und. Wenn man Ihr „Weißes Buch“ liest, wirkt es, als hätten Sie das alles getan, um nicht Künstler sein zu müssen.
Es war wirklich schwer, Mitte der 90er-Jahre nach Berlin zu kommen und nicht Künstler zu sein oder werden zu wollen. Jeder Club und jede Bar sollte irgendwie auch als Kunst verstanden werden. Sogar der Imbiss in der Brunnenstraße wurde irgendwann mit Bildern vollgehängt und nannte sich „Art- Döner“. Die einzig logische Konsequenz daraus war für mich, das Gegenteil zu tun und um jeden Preis nicht Künstler zu werden. Also wurde ich erst Wissenschaftler, mit der Akademie, dann mit Moebel Horzon Unternehmer. Die am weitesten von der Kunst entfernten Lebensmodelle: hier der vermeintlich bornierte Forscher und der böse Firmenbesitzer, dort der freie und wilde Künstler. Es konnte einen wirklich wahnsinnig machen: überall Kunst! Abgesehen davon war das eine wunderbare Zeit. Vor dem Hackeschen Markt erstreckte sich eine kilometerweite Brache – das war, bevor man dort das menschenverachtende Altersheim errichtete. Etwas höher in der Rosenthaler lag der Club Eimer, in einem völlig frei stehenden Haus. Wie der letzte Zahn der Speedsüchtigen, die da ein und ausgingen.
Warum wollten die anderen alle Künstler werden?
Ich vermute, damit wurde ein Avantgarde- Gedanke verbunden. Mit dem Problem, dass man in diesem Umfeld gar nicht Avantgarde sein konnte, sondern automatisch zum Mainstream gehörte. Alle anderen waren ja genauso Künstler. Avantgarde bedeutete eben, kein Künstler zu sein. Komisch, dass ich auch 15 Jahre später mit dieser Einsicht immer noch völlig allein dastehe
Trotz Ihrer Abneigung gegen das Künstlertum haben Sie damals einen Film gemacht, den Harald Szeemann haben wollte. „Superhund“. Den drehte ich Anfang der 90er-Jahre aus reiner Langeweile. Zusammen mit der Wagner-Enkelin Joy Wagner. Ihr riesiger Kampfhund spielt die Hauptrolle, dafür haben wir ihn in ein pinkfarbenes Kostüm gesteckt und losgelegt. Superhund fängt einen Bankräuber, Superhund hilft einer Oma über die Straße, Superhund rettet ein Kind aus dem Wasser. Meiner Meinung nach einer der besten Actionfilme, die jemals gedreht wurden.
Und dann?
Christian Jankowski hat das irgendwann gesehen und war so begeistert, dass er Szeeman eine Kopie zeigte. Der wollte ihn unbedingt in einer Ausstellung vorführen. Ich arbeitete aber damals ja schon als Unternehmer und hatte große Angst um meinen guten Ruf. Also sagte ich ab. Joy war darüber sehr traurig, und ich ließ schließlich meinen Namen aus dem Film schneiden. Er lief dann nur unter Joy Wagner.
Etwas später haben Sie dann die Galerie Berlintokyo gegründet.
Aber nur, um dieses System bloßzustellen. Um zu sehen, ob es wirklich so einfach ist. Ob man nur irgendeinen Raum nehmen braucht, ein Schild dranhängen mit der Aufschrift „Galerie“ und irgendwelche Dinge
"Das Problem an der Kunst ist aber, dass sie nur ein winziger Ausschnitt der Wirklichkeit ist. Was die Künstler tun, hat ja nur einen Effekt auf den kleinen, weißen Raum, in dem es wahrgenommen wird. Davon bekommt die Wirklichkeit ja gar nichts mit!"
hineinstellen, die dann schon irgendeiner kauft. Wir haben also japanische Künstler erfunden und Ausstellungen dieser fiktiven Kreativen gezeigt. Japanische Chips tüten, japanische Haushaltsgegenstände, japanisches Essen. Ich muss leider sagen, dass die Galerie sehr großen Erfolg hatte. Christoph Schlingensief kam und betrachtete alles sehr genau, Rainald Goetz zeigte sich begeistert. Ich glaube, er war der Einzige, der das damals alles durchschaut hat.
Sie waren Stadtgespräch.
Ja klar. Aber als wir dann zur Documenta eingeladen wurden, musste ich sofort aussteigen: Sorry, das können alle anderen machen, aber ich nicht. Die Galerie verwandelte sich ja plötzlich in eine wirkliche Galerie, das hatte ich doch gar nicht gewollt. Eigentlich sollte nur dieser Satz von Marcel Duchamp überprüft werden, dass alles, was ein Mensch zu Kunst erklärt, auch automatisch Kunst ist. War natürlich so. Und dann gab es noch diese andere Frage von Duchamp: Ist es möglich, Werke zu schaffen, die keine Kunstwerke sind? Eine rhetorische Frage, und die Antwort sollte freilich sein: Nein, es ist nicht möglich … … da ja alles zu Kunst erklärt werden kann. Ich habe darüber auch mit Hans-Ulrich Obrist geplaudert, als er einen Vortrag an meiner Akademie hielt. Er sagte natürlich auch: Nein, ist nicht möglich. Meine Antwort war: Doch, ist möglich. Weil man alles als Kunst bezeichnen, man es aber auch sein lassen kann! Du kannst einen Möbelladen auch zu einem Möbelladen erklären, und dann ist er eben ein Möbelladen und keine Kunst. Auch alle anderen Unternehmen, die ich gegründet habe, waren ja jedes Mal wieder der Beweis, dass es möglich ist, keine Kunst zu produzieren.
Trotzdem sehen viele Ihre Unternehmen auch als Kunst an.
Das ist schon verrückt. Dabei steht doch Moebel Horzon dran, nicht Kunst Horzon. Bei Ikea behauptet schließlich auch niemand, das sei Kunst. Das Auge der Berliner wurde wahrscheinlich so geeicht, dass die immer überall nur Kunst sehen. Oder sie sich überhaupt nicht vorstellen können, dass es jemanden geben kann, der nicht Kunst machen will.
In Ihrem Buch steht der Satz: „Die Gesamtheit der Idee Kunst erkannte ich als obsolet.“ Wie kamen Sie denn zu dieser Einsicht?
Na ja, seit Duchamp baut eine Richtung darauf auf, immer neue Konzepte dafür zu liefern, was Kunst ist. Eine irre Fleißarbeit – alles, was es gibt auf der Welt, zu Kunst zu erklären. Ein Wiederholungswahn, der keinerlei Sinn ergibt. Was zu beweisen war, wurde bewiesen, 1912, mit Duchamps Pissoir. Aber danach? Schmerzhaft.
Dabei ist das die Zeit, zu der die Avantgarden gerade erst loslegen.
Natürlich, aber die fangen halt da an, wo es eigentlich schon wieder vorbei ist. Deshalb – und das wäre dann die andere Richtung – entsteht auch so eine Sehnsucht nach der Zeit davor, vor Duchamp. Daher haben dann auch viele in den 90er-Jahren in Berlin angefangen, wieder mit Öl zu malen. Aber das macht es ja nicht besser. Sondern alles nur noch viel schlimmer.
1999 zogen Sie Ihr Möbelgeschäft auf. Viele heute bekannte Künstler haben bei Ihnen damals Regale geschraubt.
Ja, ja. Thomas Zipp, Dirk Bell, Marten Frerichs … Und seit die über Nacht berühmt wurden, fragen mich meine Galeristenfreunde immer, wer denn jetzt grade bei mir arbeitet. Weil selbstverständlich davon auszugehen ist, dass die schon morgen oder übermorgen Weltstars sind.
Haben Sie damals gedacht, dass sie solchen Erfolg haben würden?
Überhaupt nicht. Ich habe doch gar nicht verstanden, wie sie das überhaupt tun können! Das war doch in meinen Augen kompletter Wahnsinn! Ölmalerei! Aber die haben mich ja auch nicht verstanden. Thomas Zipp kam zu mir und sagte: „Rafi , ich kuratiere eine Ausstellung in Guido Baudachs Galerie. Alle sollen einen Totenkopf malen. Oder bauen. Könntest du doch aus MDF herstellen, wie unsere Regale hier.“ Und ich sagte: „Tut mir leid, aber ich kann das nicht, ich will doch kein Künstler sein, sondern Geschäftsmann!“ Große Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Aber ich bin mit denen natürlich immer noch gut befreundet. Und das Lustigste: All die Künstler, mit denen ich damals zu tun hatte, haben sich mittlerweile Landhäuser gekauft, Fabriken, Paläste. Da gibt es ein Missverhältnis! Ich als Unternehmer besitze immer noch kein Schloss!
Alles falsch gemacht?
Nein, alles richtig. Was für ein tolles, aufregendes Leben ich gehabt habe! Und nun, da sich in meinem hohen Alter der Lebenskreis langsam schließt, bin ich froh, dass ich endlich abtreten kann. Ab jetzt werde ich nur noch spazieren gehen. Was zu sagen war, ist gesagt.
Es gibt keine neuen Projekte?
Ach so, doch, stimmt. Ich mache in Kürze eine Sach- und Fachbuchhandlung auf, und in diesem Geschäft gibt es ausschließlich mein Buch zu kaufen. Außerdem Noodle Horzon, eine Pasta-Großhandelsfirma. Und gerade habe ich eine Filmfirma mit Helene Hegemann gegründet. Außerdem eine Immobilienfirma mit Thilo Wermke und eine Fluglinie mit Martin Klosterfelde.
Sie sind mit diesen Galeristen also nur als Businessman verbunden.
Na klar. Das Unternehmertum verbindet uns, auf dieser Ebene verstehen wir uns.
"Der Galerist ist meiner Meinung nach der wahre Künstler in diesem ganzen Geschäft. Weil er jemanden auswählt – und dabei ist es ziemlich beliebig, wen – und den dann aufbaut. Wie er das tut, ist hochinteressant, und da liegt wahrscheinlich genauso viel Kunstfertigkeit drin wie in der Herstellung der Kunst selbst"
Abgesehen davon fi nde ich, dass der Galerist ja der wahre Künstler in diesem ganzen Geschäft ist. Der spielt die wichtigste Rolle, oder? Weil er jemanden auswählt – und dabei ist es ziemlich beliebig, wen – und den dann aufbaut. Wie er das tut, ist hochinteressant, und da liegt wahrscheinlich genauso viel Kunstfertigkeit drin wie in der Herstellung der Kunst selbst.
Im „Weißen Buch“ schreiben Sie auch: „Was hätte ein Mensch wie Anselm Reyle, mit diesen riesigen Talenten, für die Neue Wirklichkeit bewirken können.“
Also nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass mein Buch nur von Kunst handelt. Der Anteil beträgt vielleicht drei Prozent! Rainald Goetz hat gesagt, es sei ein Abenteuerroman. Aber zu Reyle: Ich halte ihn für genial. Er hat diese ganzen Mechanismen des Kunstmarkts durchschaut und bedient sie so gut wie kein anderer aus seiner Generation. Im Gegensatz zu Damien Hirst allerdings komplett unzynisch, wohl eher intuitiv. So habe ich das jedenfalls stets wahrgenommen. Trotzdem natürlich sehr schade, dass er ausgerechnet Künstler geworden ist.
Was ist die Neue Wirklichkeit, die ja nun aber wirklich eine große Rolle in Ihrem Buch spielt? Eine Wirklichkeit, in der alles neu und interessant ist und die wir daher unbedingt anstreben müssen! Wahrscheinlich gibt es Überschneidungen zwischen der Neuen Wirklichkeit und einer Wirklichkeit, wie sie auch Künstler irgendwann einmal visioniert haben. Das Problem an der Kunst ist aber, dass sie nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit darstellt. Was Künstler tun, hat ja nur einen Effekt auf den kleinen, weißen Raum, in dem es wahrgenommen wird. Davon bekommt die Wirklichkeit ja gar nichts mit! Und auch wenn die Kunst dort ausbricht, grenzt sie sich selbst ein, weil sie ja immer Kunst sein und als solche erkannt werden will. Die Neue Wirklichkeit umfasst die gesamte Wirklichkeit. Unmerklich. Aber sie wird kommen.
Können Sie ein Beispiel nennen? In unserer Agentur Redesigndeutschland arbeiten wir täglich an der Umsetzung. Wir haben die Sprache vereinfacht und die Zeit neu geordnet, nach dem Dezimalsystem: Jeder Tag hat 100 Stunden, jede Stunde 100 Minuten, jede Minute 100 Sekunden. Ist doch viel logischer. Ein anderes Beispiel bildet mein Fassadenverschalungsunternehmen Belfas.
Die Idee war, ganz Berlin mit weißen Elementen zu vertäfeln. Ehrlich gesagt ging es darum, die gesamte Welt einzuschachteln. Aber ich wollte ganz realistisch erst mal mit Berlin anfangen. Ich habe probehalber damals meinen Möbelladen mit diesen Elementen verschalt, das Ergebnis war fantastisch! Außerdem stehen natürlich handfeste wirtschaftliche Interessen dahinter: Die Verschalung des kompletten Berlins würde circa 20 Milliarden Euro kosten, die Hälfte davon könnte ich als Monopolist des Materials einstreichen. Berlin darf also entscheiden, ob es für diese 20 Milliarden lieber ein Stadtschloss bekommt, das im Verhältnis zu Gesamt-Berlin ja winzig klein ist, oder ob die Gesamtheit Berlins wieder schön und lebenswert werden soll.
Welche Position wird die Kunst in der Neuen Wirklichkeit haben? Ich möchte hier nicht klingen wie ein weißbärtiger Prophet, der durch die Gegend rennt und ruft: „Das Ende ist nah!“ Aber es ist ja folgendermaßen: Jede historische Erscheinung hat eine Blütezeit, in der sie eine Fülle von Formen entwickelt. Auch die Kunst. Irgendwann – meiner Meinung nach ist das jetzt grade der Fall – ist sie dann aber nicht mehr in der Lage, neue Formen zu entwickeln und kann nur noch die vorhandenen wiederholen. Ein typisches Dekadenzphänomen. Und dann wird diese Erscheinung sich langsam in nichts auflösen, wie das Römische Reich. In die vielen leeren Galerien werden Regalgeschäfte einziehen, auf dem Schlossplatz entsteht eine Möbelfabrik, Monopol wird umbenannt werden in „Das interessante Horzon Magazin“.
Herr Horzon, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Rafael Horzon: „Das weiße Buch“. Suhrkamp Nova, 216 Seiten, 15 Euro, ab 20. September
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