Interpol

Werkleitz-Festival

Werkstatt statt Latte

Medienkunst in Halle

von Ute Bongartz
13.10.2009
Vor dem "Intecta"-Haus am Eröffnungswochenende. Foto: Ute Bongartzzur Bilderstrecke
Vor dem "Intecta"-Haus am Eröffnungswochenende. Foto: Ute Bongartz

Die Weste ist mit elektronischen Bewegungsmeldern bestückt und erinnert, natürlich, an einen Sprengstoffgürtel. Der Besucher legt sie sich um die Taille und macht sich auf zu den historischen Kulturstätten und modernen Kunsttempeln unserer Welt. In der Turnhalle im Volkspark – einem von acht Austragungsorten des am vergangenen Wochenende eröffneten Hallenser Medienkunstfestivals „Move“ – steht man dann vor einer 17 Meter langen Projektionsfläche und lässt die inszenierte Katastrophe geschehen: Eine leichte Berührung der Weste genügt – und das projizierte Bild der Istanbuler Hagia Sophia fliegt in die Luft. Wenige Sekunden später folgt der simulierte Einsturz der Londoner National Gallery und des New Yorker Museums of Modern Art. In der interaktiven Installation „Vested“ (2008) – ein überdimensioniertes Computerspiel des kanadischen Medienkünstlers Don Ritter – wird der Betrachter zum aktiven Bilderstürmer, der sich in einem symbolischen Zerstörungsakt auf sehr plumpe, brutale Weise vom Ballast etablierter Kulturgüter entledigen kann.

Mehr zu diesem Artikel:
Bilderstrecke: 5 Bilder
  • Vor dem "Intecta"-Haus am Eröffnungswochenende. Foto: Ute BongartzDas Einrichtungshaus am Eröffnungswochenende; Foto: U. BongartzDon Ritter "Vested", 2008, Foto: U. BongartzKaren Mirza und Brad Butler "The Museum of Non Participation", 2007-2009, Foto: U. BongartzKaren Mirza und Brad Butler "Museum Of Non Participatio", 2008-09, © die Künstler

Institutionskritik im Gewand medialer Reflexionen und künstlerischer Interventionen kann auch leisere Töne anschlagen. Sie kann Teil eines kuratorischen Konzeptes sein und in Anlehnung an die avantgardistischen Bewegungen, Kunst und Leben verbinden, in der Wiederentdeckung des Stadtraumes münden und Orte besetzen. Interessant wird diese Strategie, wenn man sich im Osten Deutschlands befindet, wo viele Städte mit dem Verfall und Leerstand der Gebäude kämpfen.

„Halle hat den großen Vorteil, dass es hier interessante Objekte gibt, und den großen Nachteil, dass wenig Geld vorhanden ist, sie zu bespielen“, sagt Peter Zorn, der Leiter von Werkleitz, dem Medienkunstzentrum von Sachsen-Anhalt, und Kurator dieses Festivals für neue europäische Medienkunst. Er will nicht nur internationale Künstler nach Halle holen, sondern auch die lokalen, kulturellen Strukturen aufleben lassen. Installationen, Videos und Performances werden deshalb in einer Videothek, drei kleinen Produzentengalerien, einem sonst als Abstellkammer genutzten Gewölbekeller der Stiftung Moritzburg und, vor allem, im „Intecta“-Gebäude präsentiert.

Seit der Wende steht das ehemalige Einrichtungshaus inmitten der Altstadt leer. Das einst prächtige Jugendstilgebäude mit seinem großen Lichthof und offenen Etagen ist versteckt hinter einer Kunststoffverkleidung; 20 Jahre nach Maueröffnung ist das „Intecta“ ein historischer Ort, der sich hervorragend eignet für einen Off-Kunstraum. Rot-weißes Abspannband schützt vor Löchern im Boden. Schutthaufen liegen auf den Etagen. Von den Wänden und Decken blättert der weiße Putz ab. Ein selbstgebasteltes Hinweisschild warnt vor der Einsturzgefahr der Flügeltreppe. Hier gibt es statt einer Heizung rosa Wolldecken, und zur Aktivierung der Körperwärme hängen Schaukeln im Foyer. Statt des Glamours der digitalen Boheme, wie man ihn von der Berliner Transmediale oder der Linzer Ars Electronica kennt, besitzt Werkleitz Werkstattcharakter.

Die Hallenser entdecken am Eröffnungsabend zwischen Begeisterung und Unglaube ihr damaliges Möbelhaus wieder. Und die geladenen Künstler freuen sich über die gemeinsame Ausstellung der insgesamt 16 Arbeiten, die im Rahmen eines Künstlerstipendiums entstanden sind. Zwar wurde das Förderprogramm EMARE (European Media Artists in Residence Exchange Programme) schon vor knapp 15 Jahren ins Leben gerufen, doch bislang gab es schlicht kein Geld für umfangreiche Überblickshows der jeweiligen Jahrgänge. Erst mit EU-Zuschüssen wird nun zum ersten Mal ein Festival ermöglicht, das nicht nur den Künstlern eine Plattform bietet, sondern auch die Ausdauer der Initiatoren von EMARE belohnt. Die Medienkunstzentren aus Birmingham, Sofia und Utrecht gehören neben Werkleitz zu den Trägern des Programms.

Da EMARE ein Produktionsstipendium ist, das keine thematischen Vorgaben hat, genießen die Künstler den Vorzug, inhaltlich frei und marktunabhängig zu arbeiten. Auch Karen Mirza und Brad Butler haben sich als Medienkünstler der Institutionskritik verschrieben, ziehen ihr "Museum der Nicht-Beteiligung" (2007-2009) dem todgesagten Museum als Inbegriff der abgeschlossenen Moderne vor. Da der Weg eines Kunstwerks in die Museumssammlung nur den wenigsten vorbehalten ist, begeben sich die Londoner Künstler auf Reisen, lassen in Pakistan und in Halle – eben überall dort, wo gerade kein Museumstempel steht – ein informelles Museum entstehen.

Am Abend der Eröffnung lässt das Künstlerduo den „Intecta“-Bau zum "Museum der Nicht-Beteiligung" werden: Filme, Zitate, Dias, Fahnen, Licht und Schatten stellen sie aus und konfrontieren den Betrachter mit einer Synthese aus Performance, Lecture und Multimediainstallation. Genau recherchiert, aber ohne sich an historische Vorgaben zu halten, inszenieren sie ihre eigenen Texte zum Gebäude im pseudowissenschaftlichen Duktus einer 70er-Jahre-Doku. Sie heben die Grenzen von Fiktion und Realität auf und schließen damit die Lücke, die die fehlenden Auseinandersetzung mit diesem stillen, in Vergessenheit geratener Bau gerissen hatte.


Bis 25. Oktober. Mehr unter www.emare.eu/move