Von Hier Aus

Erdkunde

Es ist Freitagabend Anfang Oktober, noch warm, und die Sonne versinkt während der Landung in Detroit, Michigans ehemals stolzer Metropole.

von Klaus Biesenbach
21.10.2010

Matthew Barney hat eingeladen zu der zweiten Performance innerhalb einer Reihe von Aktionen, die auf Norman Mailers Roman „Ancient Evenings“ basieren. Es sind, vereinfacht gesagt, sieben Kapitel, gerahmt in eine Handlung im alten, untergehenden Ägypten, die sieben Stadien, die ein Sterbender durch-„lebt“, bevor er endgültig die Welt verlässt. „Khu“ ist jetzt der zweite Akt, der Zustand, in dem jemand sein Licht verliert.

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Am nächsten Morgen ist es zehn Grad kälter, und es regnet. Die 200 eingeflogenen Gäste sind zum Mittagessen ins lokale Museum eingeladen. Die Performance wird in groben Zügen skizziert. Barney zitiert James Lee Byars: Der 1932 in Detroit geborene Künstler stirbt, wie man sagt, 1997 in einem Hotel in Ägypten mit Blick auf die Pyramiden. Eine seiner Installationen, „The Death of James Lee Byars“, ein mit Blattgold ausgeschlagener Raum, bildet das Anfangsbild für Barney. Barney zitiert Houdini: Der weltbekannte Entfesselungskünstler bricht während einer Performance in Detroit zusammen und stirbt. Barney, verkleidet als Byars in einer goldenen Houdini-Zwangsjacke, als Gefesselter, bricht mit seinem Auto durch die Geländer der Brücke über den Detroit River und versinkt in den kalten Fluten.

Das Publikum wird im Schritttempo durch die sterbende Stadt gefahren. Nach Unruhen Mitte der 60er-Jahre hat sich die einstige Industriemetropole nie wieder erholt. Die Einwohnerzahl der City ist von fast zwei Millionen auf etwas über 900 000 gesunken. Wir erreichen eine alte Fabrik, besteigen, begleitet von einem Streichorchester auf Stahlinstrumenten, eine Barkasse. Es geht stromabwärts. Vor unseren Augen wird das Autowrack, in dem Barney vermeintlich von der Brücke gestürzt ist, aus dem Fluss gezogen und auf unsere Barkasse gehievt. Es ist die Mitte der Performance, nach vier Stunden. Es regnet jetzt in Strömen.
Nach einer weiteren Stunde stromabwärts durch die postindustrielle Apokalypse geht es endlich von Bord. Über eine matschige Rampe gelangt man auf eine Aussichtsplattform, um zu sehen, wie Barneys Unfallauto in riesige Schmelztiegel geworfen wird. Ein Funken- und Ascheregen schlägt hoch. Der fl üssige Stahl soll erneut in die Form einer Karosserie gegossen werden. Die Zuschauer sollen sehen, wie der weiß glühende Stahl langsam rot wird. „Khu“, der Zustand, in dem jemand sein Licht verliert, übersetzt in das Erkalten von flüssigem Metall. Doch die Zeiten heute sind andere.

Der stundenlange Regen hat die Gussform in ein gefährliches Wasserbecken verwandelt, in dem der flüssige Stahl in sonnenheißen Spritzern explodieren kann. Innerhalb von Minuten wird das Publikum evakuiert. Das abgebrochene Finale eines angekündigten Todes. Barneys altägyptische Erzählung wirkt wie ein Nachruf auf das industrielle Amerika. Der Regen hat dabei nur geholfen.

Das Hotelfernsehen bewirbt ein 999-Dollar-Sonderangebot, Privatbankrott anzumelden, Anwaltskosten inklusive. Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne. Auf dem Weg zum Flughafen soll ich mir unbedingt noch die Kunstprojekte im Stadtraum anschauen. Ganze Straßenzüge sehen aus, als sei hier vor Kurzem eine Katastrophe passiert. Abgefackelte, zugenagelte Häuser. In der Heidelberg Street sind einige davon mit bunten Punkten bemalt. Plüschtiere sind an die Fassaden genagelt. Doch nach Barneys „Ancient Evening“ sehen diese bunten Gesten nur wie Grabschmuck aus.

Klaus Biesenbach ist Direktor des P.S.1 sowie Chief Curator at Large am Museum of Modern Art, New York