Interview mit Bret Easton Ellis
"Wozu Kunst? Meine Fernseher liefern mir genug Bilder"
Der 46-Jährige Amerikaner spricht über sein neues Buch "Imperial Bedrooms", ein Leben ohne Kunst und fast ohne Drogen
Diese Stelle bedauere ich schon jetzt.
Warum?
Weil es so offensichtlich ist. Als ich an der Szene schrieb, wollte ich ein Detail in der Wohnung, das mit Hollywood zu tun hat. Wenn ich es mir jetzt anschaue, denke ich: bisschen zu smart. Es hinterlässt so ein unangenehmes Gefühl von Bescheidwisserei. Es macht das Buch klüger, als ich es haben wollte.
Haben Sie selbst denn Kunst in Ihrer Wohnung? Nicht ein Stück. Das heißt, ich hatte mal einen Druck in meinem Arbeitszimmer, aber ich weiß nicht mal, von wem der war. Ich mag die Ablenkung nicht, ich kann damit nicht umgehen. Mein Apartment in Los Angeles ist minimalistisch, ja unwirtlich eingerichtet. Meine Freunde kommen vorbei und sagen: „Hör mal, das ist lächerlich. Dieser Ort ist so kühl wie ein Iglu!“ Aber ich finde es beruhigend. Ich will das nicht. Ich habe zwei riesige Fernseher, die die meiste Zeit laufen. Das sind mir genug Bilder.
Sie sind vor vier Jahren von New York nach LA gezogen. Sind Sie glücklich dort?
Das Tolle ist: Du kannst dich in LA nicht mehr verstecken. Du bist völlig auf dich selbst zurückgeworfen. Der Stadt mangelt es völlig an jener intellektuellen Angeberei und intellektuellen Eitelkeit, die die New Yorker Gesellschaft durchzieht. Du kannst dich in LA nicht verstecken unter einem Bündel von Leuten, die genauso smart sind wie du, die auf denselben Vernissagen rumhängen. LA ist keine so „intellektuelle“ Stadt. Und deshalb fällt es schnell auf, wenn du ein Betrüger bist. Das ist ganz merkwürdig, weil alle denken, es sei eine Stadt, in der du eine Maske tragen und damit davonkommen kannst. Das Gegenteil ist richtig: In New York kannst du eine Maske tragen, in LA fliegst du damit auf, sobald du in einen Raum kommst. LA macht dich zu der Person, die du immer warst. Das hat mir echt zu schaffen gemacht anfangs.
Inwiefern haben Sie sich verändert?
Ich habe völlig neu über mich nachgedacht. Meine Kleidung, meine Masken, meine Rolle als „Literat“, mein ganzes Image. LA ist auch eine sehr globale, moderne Stadt. Ich habe arme Freunde, reiche Freunde, ethnische Freunde. In New York waren alle Leute, die ich kannte, weiß und reich. Und ich gehe jetzt weniger aus – schon weil die Möglichkeiten gar nicht so gegeben sind.
Nehmen Sie noch Drogen?
Damit habe ich vor etwa fünf Jahren aufgehört, schon bevor ich nach LA kam. Aufhören heißt: nicht mehr jede Woche. Bei besonderen Gelegenheiten: warum nicht? Ich hab’ keinen Entzug gemacht oder so etwas. Es hat einfach keinen Spaß mehr gemacht.
Weil es sich ständig wiederholt?
Weil sich Situationen ständig wiederholen, von denen du ursprünglich dachtest, sie seien einzigartig. Es ist ja nicht der Kater, nicht der physische Schmerz am Tag danach, sondern die emotionale Krise am Tag nach dem Tag danach, die mich wirklich fertigmacht. Der Selbstekel. Dass man sich schämt für ein weiteres verlorenes Wochenende. LA hat mich noch weiter isoliert, ja. Man geht früh zu Bett, Restaurants sind um 11 Uhr leer, trinken und rauchen sind verpönt.
Gehen Sie auch in Galerien oder Museen?
Schon. Aber ich halte es meist nicht sehr lange aus. Wie gesagt: Kunst sammeln kommt für mich nicht infrage. Möglicherweise traue ich auch meinem Geschmack nicht ganz. Bei Literatur ist das etwas völlig anderes. Neulich gab mir ein Verleger das Buch eines jungen Autors und bat mich um mein Urteil. Ich hab’ nach wenigen Seiten gemerkt, dass er zu verkrampft ist, dass er die Sprache nicht beherrscht und Ähnliches. Ich bin mir sicher, dass ich ein guter Lektor sein könnte. Aber was Kunst angeht: Da gab es nur mal eine Zeit, als ich mit einem Künstler namens Michael Kaplan zusammen war. Er brachte mir bei, Kunst anzuschauen, wir gingen ständig zusammen auf Eröffnungen, trafen Kuratoren und so weiter. Da gab es dann den Punkt, wo ich dachte: Okay, ich hab’s begriffen. Ich weiß, was gut ist und was nicht. Aber heute nicht mehr.
Denken Künstler anders als Schriftsteller?
Vermutlich. Und Musiker noch mal anders. Viele Künstler, die ich getroffen habe, können nicht sehr gut über ihre Arbeiten sprechen, während Schriftsteller meist ziemlich eloquent sind. Ich wünschte manchmal, es wäre andersherum. Was alle Künstler verbindet: Sie haben so ein Kontrollding am Laufen. Man spielt ein bisschen Gott, fordert den Tod heraus. Man beweist sich, dass man existiert, dass man hier ist. Wenn Leute mich fragen, warum ich so finstere Bücher schreibe, sage ich: Das ist romantisch! Ich glaube, Kunst gibt Hoffnung, Bücher genauso wie Bilder.
Bret Easton Ellis: „Imperial Bedrooms“. Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 18,95 Euro
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