Schöner wär’s!
Kunst im öffentlichen Raum funktioniert viel besser, wenn sie eben nicht an repräsentativen Orten installiert wird. Leider sehen das die Verantwortlichen meist anders
Auf einmal war die ganze Stadt auf Schatzsuche. Angetrieben vom Ehrgeiz, verwittertes Treibholz zu finden, das Olafur Eliasson für seine Schau „Innen Stadt Außen“ seit Ende 2009 aus Island nach Berlin geschafft hatte. Die Leute schauten sich plötzlich wieder etwas genauer in ihrer Umgebung um, sie durchkämmten Plätze und Parks nach Arbeiten, die nicht sichtbar waren, aber irgendwo sein mussten.
Leider versteckt sich Kunst von Weltrang viel zu selten an unspektakulären Orten. Bis heute versuchen Bochumer Kunstgeschichtsstudenten, ein angeblich im Wald der Universität verborgenes Werk von Joseph Beuys aufzuspüren – eine Sitzgruppe aus Baumstämmen, die entweder längst komplett überwachsen ist oder nie existierte. Ein ähnlicher Mythos rankt sich um eine Installation von Kai Althoff, die sich im ärmlichen Londoner Stadtteil Peckham befinden soll.
Wer so etwas durch Zufall entdeckt, sieht sich konfrontiert mit einer prekären, reizvollen Situation, denn er zweifelt zwangsläufi g an der Echtheit. In einem Industrielager in der New Yorker Bronx befinden sich mehrere Tonnen rostiger, gewölbter Platten, die nicht nur aussehen wie Sondermüll von Richard Serra. Sie wurden von Serra vor Jahren dort geparkt und noch nicht vom Sammler abgeholt. Umso besser, denn so entsteht der seltene Moment der Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk jenseits seiner repräsentativen Rolle.
An einem Serra auf einem riesigen Platz schlendern alle vorbei, wie an den Balkenhols oder Borofskys. Sie wurden irgendwann einmal aufgestellt, vielleicht sogar mit einem Hauch von Provokation wegen ihrer kühnen Formen, Ausmaße oder irritierenden Materialität. Doch der zeitgenössische Stadtraum hat sie längst geschluckt und als Teil seiner Dekoration verdaut. Die Eiscremetüte von Claes Oldenburg schmilzt irrelevant von einer Fassade am Kölner Neumarkt und geht seiner eigenen, einst aufmüpfigen Pop-Art-Symbolik in die Falle: Für die Passanten ist Oldenburgs Eis am Bau nur noch cleverer Stadtschmuck.
In den 60er-Jahren wurde eine Skulptur der britischen Bildhauerin Barbara Hepworth an eine Kaufhausfassade an der Londoner Oxford Street montiert. Heute schieben sich an der „Winged Figure“, die einen entscheidenden Punkt in Hepworths späterem Werk markiert, Hunderttausende von Touristen vorbei, ohne überhaupt den Kopf zu heben. Die Plastik ist ein nettes formales Detail, aber die Straße funktioniert auch ohne es. Sie braucht diese Arbeit nicht.
Vielleicht fasziniert deshalb auch die seltene Spezies Kunst so sehr, die es schafft, dem öffentlichen Raum tatsächlich Relevanz zu verleihen. Sie pflanzt einem Areal Notwendigkeit ein – und droht genau daran zu scheitern.
Das merkte vor Kurzem auch Thomas Demand. Mit seinem „Nagelhaus“, entworfen mit den Londoner Architekten Caruso St. John, wollte er die Sanierung des Züricher Escher- Wyss-Platzes begleiten. Für diejenigen, die Demands Gebäude, das ein von den Bewohnern bekämpftes Abrissvorhaben in China zitiert, womöglich nicht als Kunst erkannt hätten, wäre es ein durchgängig geöffnetes Restaurant gewesen.
Doch das Projekt wird es nie geben, verboten per Volksentscheid diesen Herbst. Was bleibt, ist ein nicht sichtbares Paradebeispiel, eine symbolische Leerstelle, an der Kunst im Dialog mit einem wenig glamourösen Ort perfekt hätte funktionieren können.
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