Interview
Was macht die Kunst, John Waters?
Berüchtigt ist der 65-jährige Amerikaner als Regisseur von Kultfilmen wie „Pink Flamingos“. Jetzt wurde der „Pope of Trash“ in die Jury der Venedig-Biennale berufen
Herr Waters, wie sehr hat es Sie überrascht, in die Jury der Venedig-Biennale berufen zu werden?
Wahrscheinlich sind andere davon mehr überrascht als ich. Ich sammle selbst seit vielen Jahren Kunst und bin ein großer Fan der diesjährigen Biennale-Leiterin Bice Curiger. Ich fühle mich also sehr geehrt. Sicherlich gibt es einige Leute in der Kunstszene, die etwas irritiert sein werden, dass der „Meister des schlechten Geschmacks“ in der Jury der wichtigsten Kunstschau sitzt. Dabei haben zeitgenössische Kunst und bad taste mehr gemeinsam, als vielen vielleicht lieb ist, schon alleine, was Witz und Ironie angeht. So gesehen bin ich gar keine so abwegige Wahl.
Ihr Ansehen hat sich in den vergangenen Jahren sichtlich gewandelt. Sie wurden vom Enfant terrible zum salonfähigen Künstler.
Das ist mir auch ein bisschen peinlich, aber selbst meine berüchtigsten Filme wie „Pink Flamingos“, in dem die Transe Divine vor laufender Kamera Hundekot isst, werden heute in besseren Kreisen goutiert.
Fühlen Sie sich in der Kunstwelt mittlerweile angesehener als in der Filmbranche, wo Sie seit Jahren vergeblich versuchen, Ihren neuen Film finanziert zu bekommen?
Natürlich habe ich da einen gewissen Stand, nicht nur als Sammler, sondern auch als bildender Künstler. Aber ich fühle mich genauso als Regisseur, Autor und Alleinunterhalter geschätzt. Worüber sollte ich mich beschweren? Ich hatte eine ziemlich tolle Karriere. Und ich bin sehr dankbar, dass mir der Schritt vom Showbusiness in die Kunstwelt gelungen ist. Dass ich seit Jahren keine Geldgeber für meinen nächsten Film finde, liegt eher an der Situation des Independentkinos in Amerika. Es wird schon noch klappen, wahrscheinlich mit ausländischen Investoren. Aber Sie brauchen kein Mitleid zu haben: Mein Buch „Role Models“ ist seit Monaten ein Bestseller und gerade als Taschenbuch erschienen. Ich erzähle immer Geschichten, egal in welchem Medium.
Worauf freuen Sie sich am meisten in Venedig?
Ganz ehrlich? Ich war noch nie in Venedig. Ich war schon fast überall, selbst in Bologna, der „Blowjob-Hauptstadt Italiens“, wie mir versichert wurde, aber nie in Venedig. Eine Jury ist viel Arbeit, und ich glaube nicht, dass viel Zeit für wilde Nächte bleibt, aber wer weiß?
Könnten Sie sich vorstellen, dort zu drehen?
Schwer. Meine Filme sind immer in den schäbigsten Vierteln meiner Heimatstadt Baltimore angesiedelt. Gibt es so was in Venedig? Einen Prollkiez? Slums? Vielleicht boat trash statt trailer trash? Ich würde liebend gern die dreckige Seite Venedigs kennenlernen! Vielleicht stellt sich ja ein Einheimischer zur Verfügung und zeigt sie mir. Ich könnte mir auch ein Austauschprogramm mit Baltimore vorstellen.
Sie machen nicht nur selbst Kunst, Sie haben vor einigen Jahren auch eine Satire über die Kunstwelt gedreht, „Pecker“.
Eine sehr wohlwollende Satire! Das hat aber in Amerika keiner verstanden. Der Junge in „Pecker“ ist wirklich ein Outsider, naiv und authentisch. Als ich mit Kunst anfing, wollte ich, dass mich jemand entdeckt.
In dem Film spielt sich Cindy Sherman selbst.
Sie war toll, wie sie sich da parodiert hat. Kaum jemand in der Kunstszene hat so viel Selbstironie wie sie. Ich habe sie gerade auch für den Katalog ihrer großen Retrospektive im MoMA interviewt.
Was unterscheidet die Kunstwelt von der Filmindustrie?
Kunst ist ein großer Luxus für mich. Bei einem Film muss ich so tun, als ob mich interessiert, was möglichst vielen Menschen gefällt, damit er erfolgreich ist. In der Kunstszene weiß man: Kunst, die allen gefällt, ist grauenhaft. Ich liebe das Elitäre daran. Es ist ein Geheimclub, und man muss selbst herausfinden, wie man den Zugang findet. Eine meiner Arbeiten hat den Titel „Contemporary Art Hates You“ – und es stimmt!
Italien ist berüchtigt dafür, von einem Alleinunterhalter und Popstar regiert zu werden. Ist Berlusconi der perfekte Performancekünstler?
Ich mische mich nie in das Privatleben anderer ein, es sei denn, es ist jemand aus der katholischen Kirche, der anderen vorschreiben will, wie sie zu leben haben.
Seine „Bunga Bunga“-Partys mit Minderjährigen sind doch sehr öffentlich …
Ich kann das wirklich nicht kommentieren, weil ich ihn nicht kenne. Aber ich bin nur gegen sehr wenige Dinge, eines davon ist Sex mit Minderjährigen. Davon abgesehen: Als ich 17 war, wollte ich es auch unbedingt besorgt haben! In Amerika sind die Leute so unentspannt, was Sex angeht. Alle haben sich damals über Clinton aufgeregt, und ich dachte bloß: Gut für ihn. Nur Politiker, die niemals Sex haben, zetteln Kriege an. Ich bin dafür, dass Politiker so oft wie möglich flachgelegt werden. Ist besser für uns alle. Ficken für den Weltfrieden.




