Interpol

Stefan Kalmár

"Wir können wie Piraten sein"

Stefan Kalmár, der neue Leiter des New Yorker Artists Space, will dem legendären Projektraum zu altem Glanz verhelfen und die Welt der schweren Museumsliner kapern. Ein Gespräch.

von Daniel Schreiber
12.05.2009
Foto: Frank Bauer für Monopol, courtesy Kunstverein München
Foto: Frank Bauer für Monopol, courtesy Kunstverein München

Schon damals, als Student am Goldsmith College in London, hat Stefan Kalmár, Jahrgang 1970, herausgefunden, wie man mit wenig Geld große Effekte erzielt: Die gemeinsame Wohnung mit Künstler Bernd Krauss wurde kurzerhand zu einer Installation umgewandelt – ein paar Jahr später war diese in der Whitechapel Gallery zu sehen. Seit 2005 ist Kalmár Direktor des Münchner Kunstvereins, das Programm hat mit Ausstellungen von Duncan Campbell, Wolfgang Tillmans, Alman Mali oder Cyril Blazo erheblich an Schärfe gewonnen, das Durchschnittsalter der Mitglieder hat sich verjüngt und die Eröffnungen sind wieder zu richtigen Partys geworden. Zusammen mit dem Goethe-Institut brachte er Satelliten des Vereins nach Bratislava und New York. Ludlow 38, der Ableger in der Lower East Side, bekommt sogar regelmäßige Besprechungen in der New York Times. Ab Juni wird Kalmár Direktor des Artists Space in New York. Auf seine Erfahrungen als Kunstvereinsleiter aufbauend, will er der strauchelnden Non-Profit-Galerie in SoHo neues Leben einhauchen. Monopol traf sich mit dem Kurator in München und redete mit ihm über seine Arbeit und Pläne.

Glückwunsch zur neuen Stelle. Wissen Sie schon, was Sie im September als erstes im Artists Space zeigen werden?
Marc Camille Chaimowicz, ein Künstler polnisch-französisch-jüdischer Herkunft. Er lebt in London und wurde viele Jahre als Künstler-Künstler gehypt. Eine Aufgabe wird sein, solche Künstler-Künstler nach New York zu bringen. Er hatte eine größere Ausstellung im Migros Museum in Zürich vor zwei Jahren. Er war auch bei der Berlin Biennale dabei. Die frühen Arbeiten, die wir zeigen werden, sind Verschränkungen zwischen Pop, Sub- und Drogenkultur und im weitesten Sinne Disco und Gender. „Against Tyranny“ besteht aus einem silbern gestrichenen, dunklen Raum, in dem verschiedene Discokugeln von der Decke hängen, alte Plattenspieler. In der Mitte ein großer Springbrunnen, in dem Koi-Karpfen schwimmen.

Wie passt so eine Installation in den relativ kleinen Raum?
Das ist ja auch wieder eine Illusion. Der Raum ist einfach schlampig gebaut worden. Aber alle Räume zusammen sind fast 650 Quadratmeter groß. Dass alle denken, es handele sich um einen kleinen Raum, liegt an der Repräsentation der Psychologie des Artists Space. Man hat da zum Beispiel einen Aufenthaltsraum. Wozu braucht ein Artists Space einen Aufenthaltsraum? In den Lagerräumen stehen seit den 70er-Jahren alte Fernseher. Wenn man das alles mal entkernt, hat man bald 650 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Wir haben lange überlegt, ob wir da ausziehen und – weil es billig ist in New York – ein ganz neues Gebäude aufmachen. Aber für das, was wir in Zukunft machen werden, ist das SoHo-Loft perfekt. Es ist eine Art Idiom für eine bestimmte Generation von Kunst, für Künstler mit einer politischen und kritischen Haltung. Nein, wir müssen jetzt nicht ein Büro haben wie das von Barbara Gladstone.

Artists Space war eine von New Yorks ersten, von Künstlern gegründeten Non-Profit-Galerien. Heute sind zwar Leute wie Louise Bourgeois, Cindy Sherman oder Liam Gillick Mitglieder, aber der Underground-Charme ist verflogen. Hat das mit der Konkurrenz zu größeren Institutionen zu tun, etwa dem New Museum, das ja auch Sachen zeigt, die man vor zehn Jahren im Artists Space gesehen hätte?
Natürlich ist der Wettbewerb um das Zeitgenössische viel, viel größer geworden. Zwischen dem, was wir und dem, was die großen Institution machen, lagen früher etwa 20 Jahre. Mittlerweile hat sich dieser Zeitabschnitt verkürzt. Und es gibt diese Alibi-Veranstaltung von großen Häusern, die auch manchmal Raum für eine zeitgenössische Position haben. Zu sagen, wir setzen uns hier mit unserer einmaligen Struktur von den großen Institution ab, ist da natürlich nicht immer so einfach. Artists Space wurde 1972 gegründet, um Positionen ein Forum zu verleihen, die in dem Markt- und Institutionskanon keinen Einlass finden. Heute hast du eine Ausstellung wie „Younger than Jesus“ im New Museum, die komplett auf die i-Pod-Generation setzt. Da hat sich viel verändert.

Kann die geringe Größe des Artists Space nicht auch ein Vorteil sein, wenn selbst Institutionen wie das P.S. 1 in Finanznöten stecken?
Das New Museum wurde wie der Artists Space zu Beginn der 70er-Jahre gegründet. Aber der Artists Space hat sich nie dafür entschieden, zu wachsen. Und das Lustige ist: All die Institutionen, die gesagt haben, wir wollen ein schickes, neues Gebäude und uns vergrößern, haben jetzt ein Problem. Eine Metapher könnte lauten: somalische Piraten im Speedboat. Der Artists Space kann so ein Pirat sein. Wie in einem Kunstverein unterliegen wir weniger dem kommerziellen Druck, weil wir nicht die Räume haben, die große Marketingmaschine und viel Bürokratie. Wir können flexibler reagieren und uns deshalb Freiheit herausnehmen, die andere Institutionen nicht haben. Unser Programm ist die Institution selbst. Wir machen nicht nur Ausstellungen, wir machen alles: Performances, Lectures, Screenings. Und da der Artists Space für ein professionelles Publikum bestimmt ist, müssen wir nicht jedem entsprechen. Unsere Adressaten sind vor allem Künstler, Kritiker und Kuratoren. Dafür müssen wir uns auch nicht entschuldigen. Das gibt dir schon mal strukturell ganz andere Freiheiten.

Werden Sie den Artists Space ähnlich wie einen Kunstverein aufbauen?
Man muss sich natürlich fragen, warum der Artists Space an Bodenhaftung verloren hat. Davor könnte ein plebiszitäres Moment, wie wir es im Kunstverein haben, schützen. Das ist schon der Wahnsinn, dass die zutiefst bürgerlich-demokratische Tradition der Kunstvereine seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts funktioniert. Einmal im Jahr stellst du dein Programm rückwirkend und vorausschauend vor. Und die Mitglieder haben die Chance indirekt darüber abzustimmen, indem sie einen Vorstand ernennen.

Wie kann man diese Prinzip auf den Artists Space anwenden?
Ich will Mitgliedschaften für „normale“ Leute einführen, nicht nur für Sponsoren und Künstler. Ob diese Mitgliedschaften dann auch wirklich in eine Form des Forums übergehen, muss man sehen. Jetzt will ich die ganze Institution erst einmal de-professionalisieren. Also: Aufenthaltsraum weg, alle Wände raus. Lass uns einfach mit dem Laptop an einen Tisch setzen, Internet, Telefon und eine Kaffeemaschine – und dann lass uns mal wieder anfangen. Artists Space hat zum Beispiel einen riesigen Schatz an alten Publikationen. Wenn du aber hingehst, siehst du Bücherregale voll komischer Kataloge und Artforum-Ausgaben. In den Büros haben wir aber hunderte alter Kataloge von der Picture Generation zu liegen, historische Publikationen von Mapplethorpe, Laurie Simmons oder Cindy Sherman. Artists Space hat es in den 80er-Jahren auf die Titelseiten der New York Times geschafft. Da gibt es doch eine politische Geschichte, die interessant ist! John Baldessari, Michael Asher, James Coleman hatte ihre ersten Ausstellungen hier. Da gibt es Anknüpfungspunkte, gerade in einer Zeit, in der in New York nicht sehr viel los ist. Party is over.

Sieht es wirklich so schlimm aus?
Ja, Galerien mit großen Empfängen – das ist vorbei. Viele werden jetzt noch mal die Art Basel mitnehmen, und wenn es da keine guten Verkäufe gibt, dann ist es vorbei. In Amerika ist so was ja immer gleich existentiell. In meinem Vertrag gibt es keine Absicherung, und wen ich morgens rein komme, dann kann ich abends wieder draußen sein. Das ist schon was anderes als in Deutschland. Aber das Gute daran ist, dass Leute wieder miteinander reden und dass sie sich auch darauf besinnen, warum sie eigentlich in diesem „Geschäft“ sind. Was eigentlich die Ausgangsmotivation war, warum man eigentlich angefangen hat, sich mit Kunst zu beschäftigen. Das war nicht unbedingt die Karriere, das waren nicht Geld oder Party. Und das ist eigentlich eine ganz angenehme Atmosphäre.


Das Interview führte Daniel Schreiber

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