54. Venedig-Biennale

Rundgang Venedig-Biennale

Wenn die Giardini Trauer tragen

Die Biennale von Venedig 2011 ist eröffnet, mit einiger Ernsthaftigkeit, viel Politik und einem deutschen Pavillon, der viele zu Tränen rührt

von Elke Buhr
02.06.2011

Die längsten Schlangen in den belebten und nur morgens leicht verregneten Giardini an den Preview-Tagen gab es diesmal vor dem britischen Pavillon: Dort hatte Mike Nelson das Dach entfernen und die gesamte Architektur ändern lassen, um ein seltsames Labyrinth hineinzubauen, das wie ein leicht muffiger Handwerker-Hinterhof in Istanbul oder auch Venedig wirkte. Wer 2001 Gregor Schneiders deutschen Pavillon erlebt hat, ließ sich allerdings durch die Klettertour durch dunkle Kammern nicht übermäßig beeindrucken.

Auch vor dem deutschen Pavillon mit der Installation von Christoph Schlingensief standen die Besucher spätestens seit dem Mittwochnachmittag in langen Schlangen – und nicht nur, wer den Regisseur und Performancekünstler kannte, war nach einer Sitzung in den Kirchenbänken beeindruckt. Kuratorin Susanne Gaensheimer hatte gemeinsam mit Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz nach dem Tod des Künstlers entschieden, eine bestehende Arbeit in den Pavillon einzubauen: Es ist die Bühneninstallation, die Schlingensief für die Inszenierung „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ entworfen hatte. Grundlage der Arbeit ist ein Nachbau von Schlingensiefs Taufkirche in Oberhausen.

So sitzt man also in einem veritablen Kirchenraum voller Objekte, Schriften, kleinen Skulpturen, ratternder Filmprojektoren. Auf drei großen Screens über dem Altar werden Filme projiziert, Texte und Musik werden eingespielt – eine Stunde braucht man insgesamt, um die Filme komplett zu sehen. Es entsteht eine extrem dichte Rauminszenierung, die in ihren vielfachen Überlagerungen den Vorwurf der schlichten Gedenkstätte souverän entkräftet. Sie entfaltet im Konzentrat die Themen, mit denen Schlingensief sich in seinen letzten Jahren beschäftigte: Krankheit, Tod, dazu immer wieder Referenzen an Beuys, Fluxus-Paraphrasen.

Nicht jeder verträgt dieses geballte Pathos, das einen in jedem Moment an den Verlust erinnert, der Schlingensiefs Tod bedeutet. Aber sicher ist: Der Pavillon ist eine starke und angemessene Geste. Und Gaensheimers Ziel, Schlingensief international bekannter zu machen, scheint in Teilen bereits aufgegangen zu sein: Der Avantgardefilmer John Waters soll sich mit großem Vergnügen im Nebenraum dem Kinoprogramm gewidmet haben und wird nun hoffentlich seine Freude am „deutschen Kettensägenmassaker“ in die Welt hinaustragen.

Der Publikumsliebling der Giardini wird wohl der amerikanische Pavillon werden, wo Allora & Calzadilla beneidenswert gelenkige Sportler und Sportlerinnen engagiert haben: Im Innern turnen sie auf Flugzeugsitzen herum, vor dem Pavillon joggen sie auf einem Laufband, das einen umgedrehten Panzer krönt. Auch dem ägyptischen Pavillon erweist wohl jeder Besucher seine Referenz: Er ist dem Performance-Künstler Ahmed Bassiouny gewidmet, der im Januar bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz erschossen wurde. Drinnen wechseln sich Projektionen einer seiner letzten Kunstaktionen, wo er tagelang rannte, mit Bilder der Demonstrationen ab. Das zweite große politische Thema dieser Biennale ließ sich in einer Frage zusammenfassen, die viele auf roten Taschen gedruckt durch die Giardini tragen: „Where is Ai Weiwei“?

In Bice Curigers „Illuminazioni“-Ausstellung im zentralen Pavillon, dem ehemaligen „Pavillon Italia“, wird den dunklen Seiten der Gegenwart viel Licht entgegengesetzt: blinkende Glühbirnen von Philippe Parreno, der leuchtende Turmspringer im Film von Jack Goldstein, und vor allem natürlich das fast überirdische Licht, das die dramatische Szene des „Letzten Abendmahls“ von Tintoretto erleuchtet. Nur Maurizio Cattelans stumme, unbewegliche Tauben, die überall unterm Dach auf den Röhren und Balken hocken, blicken da noch finster – fast schon wieder ironische Reflexionen der Ernsthaftigkeit, mit der sich die Kunst auf dieser Biennale präsentiert.


La Biennale di Venezia, Venedig, 4. Juni bis 27.November 2011. Eine ausführliche Besprechung der Biennale finden Sie in der Juli-Ausgabe von Monopol. Im Juni-Heft lesen Sie zum Thema:
Ein Überblick über die Pavillons und teilnehmenden Künstler / Essay: Das Katastrophenjahr in Venedig / Porträt Christoph Schlingensief

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