Ai Weiwei

Ai Weiwei

Es war einmal

Ai Weiweis Film zu seinem heute so unwahrscheinlichen Documenta-Auftritt 2007

von Daniel Völzke
10.06.2011

Im Märchen wird das Unwahrscheinliche möglich, und man wünscht sich, dass auch dieses ein versöhnliches Ende findet: „Es war einmal ein Land, in dem jeder lügen musste …“ Doch 2007 sah es für den Erzähler dieser Geschichte, den Polizisten und Blogger Wu Youming aus der chinesischen Hubei-Provinz, nicht gut aus. Er kritisierte Folterverhöre seiner Kollegen und wurde dafür vom Dienst suspendiert. Im Film „Fairytale“ taucht er auf: ein Mann, der leidenschaftlich an das Recht glaubt. „Es war einmal ein Land …“, schrieb er, als ihm auch noch verboten wurde, mit Ai Weiwei nach Deutschland zu reisen.

„Fairytale“ begleitet Ai Weiweis gleichnamigen Beitrag zur Documenta 12: 1001 Chinesen reisten 2007 in die Brüder-Grimm-Stadt Kassel, schauten sich die Großausstellung an, ließen sich von Ai Weiwei die Haare schneiden, feierten, fotografierten. Sie wurden Kunst. Die Kamera beobachtete einige von ihnen schon vor der Abreise und versuchte, sie in ihrer Lebenswelt abzubilden – was nur bedingt gelang, denn Ai Weiweis Film, der sich weniger als Dokumentation denn als Teil des Projekts versteht, verzichtet auf jeglichen Kommentar.

Dennoch wird in den über zwei Stunden mehr als deutlich, wie unwahrscheinlich das ganze Unternehmen war. Gegen Ende sieht man den Herbergsvater Ai Weiwei schlafend auf einer Pritsche, als träumte er die Ereignisse nur. Und leider denkt man heute bei diesem Bild auch an die Haft des Künstlers. China steckt in einer innenpolitischen Krise. „Fairytale“ wäre sicher nicht mehr möglich, selbst wenn Ai Weiwei noch seine Freiheit hätte. Das macht diesen Film zu einem historischen Dokument von ganz unmärchenhafter, politischer Tragweite.

Ai Weiwei: „Fairytale“, JRP Ringier, 152 min, ab 19,50 Euro

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