Vittorio Sgarbi
"Die Kunst wird von einer Mafia beherrscht"
Der italienische Pavillon beherbergt die schrecklichste Ausstellung der 54. Venedig-Biennale. Verbrochen hat sie Vittorio Sgarbi, Talkshow-Polemiker, Berlusconi-Freund und nebenbei auch noch Kunstkritiker. Monopol fragte ihn nach den Hintergründen seines kuratorischen Terroranschlages
Der italienische Pavillon ist ein Sammelsurium von Scheußlichkeiten. Wie auf einem Supermarkt der Kunst ballen sich über 500 Werke von gut 200 Künstlern, von denen die meisten offenbar normalerweise in der Bar nebenan ausstellen: kitschige Landschaften, leere Abstraktionen, rührseliger Softporno. Die Werke der wenigen namhaften Künstler in der Schau gehen unter in dem Durcheinander. Kurator Vittorio Sgarbi, von einer knipsenden Entourage begleitet, rennt bleich und hektisch durch die Ausstellung und fordert, hier ein Bild höher zu hängen, dort niedriger. Wer ihm – besonders als Frau – zu nahe tritt, riskiert, an Hand und Schulter genommen und durch die halbe Halle gezogen zu werden. Am Ende landet er im Skulpturengarten, wo sich auf einem grauenhaften Plastikthron der Pornostar Vittoria Risi räkelt – eine Performance. Sgarbi setzt sich zu Füßen der operierten Schönheit und ist endlich bereit für die Fragen.
Herr Sgarbi, Sie nennen Ihre Schau „L’arte non é cosa nostra“. Zu deutsch: "Die Kunst ist nicht unsere Sache" aber auch "Die Kunst gehört nicht der Mafia". Was wollen Sie damit sagen?
Cosa Nostra ist ein Name der Mafia. Die Kunst wird von einer Mafia beherrscht, die festlegt, wer Künstler ist und wer nicht. Das wäre auch okay, man kann einen ästhetischen Kanon aufstellen. Aber der Fehler ist, dass diese Kunstmafia diesen Kanon bestimmen will. Das Zeitgenössische ist aber keine ideologische Kategorie, es bezieht sich schlicht auf die Zeit: Zeitgenössisch – das bin ich, du, er, wir alle. Das Zeitgenössische ist alles hier. Es ist das, was heute passiert. Die Kunst gehört den Künstlern, die machen was sie wollen. Einer nutzt Marmor, einer Plastik. Wie im Leben: Es gibt den Reichen, den Armen, den Russen, den Chinesen …
Das heißt, weil es so viel schlechte, schreckliche Kunst gibt, muss man sie auch zeigen?
Ob Kunst schlecht oder gut ist, können Sie gar nicht bestimmen. Niemand kann das festlegen. Es geht nicht darum, was schön und was hässlich ist. Einer denkt, dass Kunst abstrakt sein muss, einer denkt, sie muss figurativ sein … Wir müssen uns fragen, was zeitgenössisch ist, nicht was Kunst ist. Heute gibt es so viele, die sich Künstler nennen. Es ist egal, ob sie gut sind oder schlecht.
Und der italienische Pavillon soll sie alle versammeln?
Der italienische Pavillon ist der Pavillon des Lebens. Das Leben ist voll von Dingen. Man geht nach Venedig, Madrid, New York, da gibt es alles, Weiße, Rote, Schwarze, alles ist voll Leben. Die anderen Pavillons hier auf der Biennale sind dagegen wie Beerdigungskapellen, sie sind Friedhöfe, in die Kuratoren ihre Lieben bringen. Alle tot, alle ordentlich. Aber diese Ausstellung hier ist wie New York. Hier ist alles möglich. Die Kunst ist nicht cosa nostra, das heißt, dass es viele Künstler gibt, und viele verschiedene. Sie sind von großen Denkern hier her gebracht worden, die ich gebeten habe, Vorschläge zu machen. Darunter Leute wie James Hillman, Giuseppe Tornatore, Riccardo Muti, Umberto Eco. Jeder von ihnen hat gesagt, welchen Künstler er am interessantesten findet. Die habe ich zusammengebracht. Ich glaube, ihre Wahl ist besser als die des angesehenen Kurators Achille Bonito Oliva sein könnte, der von Ästhetik genau gar nichts versteht.
Die internationale Presse, die "New York Times" und andere, finden den Pavillon geschmacklos. Glauben Sie, die verstehen das heutige Italien nicht? Wollen Sie provozieren?
Die amerikanische Presse kommt aus einem Land, das Afghanistan und Irak bombardiert und die Todesstrafe hat. Für die Political Correctness der amerikanischen Presse interessiere ich mich nicht. Sie können das nicht verstehen. Deutschland hat keine künstlerische Tradition wie Italien. Dürer, Grünewald, mehr war nicht. In Italien gibt es von Giotto bis heute fünftausend große Künstler. In Spanien vielleicht acht. In Italien gibt es nur Kunst. Es gibt kein Land, in dem die Kreativität so groß ist wie in Italien.
Aber es sieht aus wie eine billige Talkshow mit Topless-Tänzerinnen. Sie sitzen hier zu Füßen eines Pornostars.
Diese Installation hier ist von Gaetano Pesce, fragen Sie ihn was das soll. Es gibt ja auch die Freiheit der Kunst.
La Biennale di Venezia, Venedig, 4. Juni bis 27.November 2011. Eine ausführliche Besprechung der Biennale finden Sie in der Juli-Ausgabe von Monopol. Im Juni-Heft lesen Sie zum Thema: Ein Überblick über die Pavillons und teilnehmenden Künstler / Essay: Das Katastrophenjahr in Venedig / Porträt Christoph Schlingensief




