54. Venedig-Biennale

Pressestimmen zum Schlingensief-Pavillon

"Expressionistischer Kitsch" - "Faszinierende Kathedrale"

Deutschland gewinnt mit dem verstorbenen Christoph Schlingensief den Goldenen Löwen für den besten Länder-Pavillon der Venedig-Biennale. Wie urteilt die internationale Presse über den im Ausland bislang kaum bekannten Künstler?

05.06.2011
Die Kuratorin Susanne Gaensheimer (l) und die Schlingensief-Witwe Aino Laberenz vor dem deutschen Pavillon (Foto: dpa)
Die Kuratorin Susanne Gaensheimer (l) und die Schlingensief-Witwe Aino Laberenz vor dem deutschen Pavillon (Foto: dpa)

"Über den Deutschen Pavillon in den Giardini herrschen geteilte Meinungen. Daran konnte auch der Goldene Löwe (…) nichts ändern. Angefochten oder verehrt - dieser Teufel von einem Mann hat schon in Bayreuth Wagners Parzifal zu einem Plädoyer gegen Rassismus umgewandelt. Nach seinem Tod im vergangenen Sommer ist dieser mad genius nun in diesen Videos, Bildern, Bühnenbildern, Kostümen und mit anderen erstaunlichen Blasphemien heiliggesprochen worden." ("Le Figaro", Paris)

"Der deutsche Künstler, Film- und Theaterregisseur starb letztes Jahr an Lungenkrebs, sein Pavillon wurde zu einem Gedenk-Selbstporträt. (…) Grauenvolle Grabesstimmung, die Idee von Kunst als tragischer Erlösung: eine qualvoll beklemmende Erfahrung. Ich war rasch wieder draußen." (Laura Cumming, "The Guardian", London)

"So ein außergewöhnlicher Mensch Schlingensief sicherlich auch war (als Gesellschaftskritiker genauso wie als Künstler) – an welchem Punkt beginnt die Künstlerarbeit, wo die kuratorische Mutmaßung?" (Adrian Searle, „The Guardian“, London)

"Viel tragischer ist der deutsche Pavillon, der sich mit einer Grabkapelle dem Nazi-Wahnsinn gewidmet hat. Und zu wissen, dass der Autor, Christoph Schlingensief, ein Mann des Theaters und des Films, das Projekt nicht mitgestalten konnte, da er mit 49 Jahren starb. Ein kleiner Hase, auf dem Altar neben dem Kruzifix angebracht, zitiert Beuys, den Vater des Konzeptualismus." ("Liberation", Paris)

"Marclay, Franz West, sicher. Aber Schlingensief? Dass er gestorben ist, tut mir Leid, aber wie kann so ein expressionistischer Kitsch mit dem Löwen ausgezeichnet werden?" (Ben Lewis via Twitter, Kunstkritiker, London)

"Ohne den provokanten Performancekünstler wirkt das leere Bühnenbild von Schlingensiefs neugotischer Taufkirche, das er selbst einmal entworfen hat, etwas pathetisch. Daher ist die Auszeichnung des deutschen Pavillons wohl in Wahrheit eine posthume Würdigung des Künstlers." (ORF, Wien)

"Christoph Schlingensiefs irrwitzige Fluxus-Kathedrale im deutschen Pavillon (…) war ein Höhepunkt." (David Velasco, Artforum Online, New York)

"Einen weiteren kurzen Stopp verdient der deutsche Pavillon. Christoph Schlingensief, am 21. August 2010 verstorben, verwandelte den Pavillon in eine groteske Kirche, wo er schreiend seinen Hass gegen die Religion ausdrückt. Auch hier muss man sagen: Man hat die Botschaft schnell verstanden." ("Le Monde", Paris)

"Es ist schwer, nicht einverstanden zu sein mit dem Goldenen Löwen für die extrem faszinierende, lazistische Kathedrale im Pavillon des (vorzeitig verstorbenen) Christoph Schlingensief." (Artribune.com, Italien)

"Manche mögen das opernhaft, theatralisch, exzessiv finden. Mich hat es bewegt, wie es überhaupt wenige Kunstwerke jemals vermochten. Welchen Glauben (oder Nicht-Glauben) er auch immer als Erwachsener besaß – Schlingensief schaut auf sein Leben zurück und dem Tod ins Gesicht in der einzigen Art und Weise, die ihm zur Verfügung steht: gefiltert durch die Religion, die er als Kind internalisiert hat." (Richard Dorment, The Telegraph, London)

Im Juni-Heft von Monopol finden Sie ein großes Porträt Schlingensiefs. Eine ausführliche Besprechung der Biennale folgt in der Juli-Ausgabe von Monopol