Alle für einen
Kunstpreise als Versorgungspipeline: Warum eigentlich werden immer die gleichen, immer jünger werdenden Künstler ausgezeichnet?
Wir finden ja auch, dass Cyprien Gaillard ein sehr interessanter junger Künstler ist. Und haben eventuell sogar etwas zu seiner Beliebtheit beigetragen, indem wir ihn im September 2007 in der „Watchlist“ vorstellten und ihm 2009 ein großes Porträt widmeten. Aber gerade scheint es so, als gäbe es keine einzige Förderinstitution, keinen großen Kunstpreis, kein Ankaufskomitee, das sich nicht darum reißt, ihn zu belohnen – und man fragt sich langsam, ob so viel Konsens noch gesund sein kann.
Alle paar Wochen ist von einer neuen Nominierung zu lesen, von einem neuen Award, den der 1980 geborene, in Berlin lebende Franzose erhält – in diesem Herbst war das erst der mit 20 000 Euro dotierte Karl-Ströher-Preis, auf der Fiac wurde ihm der Marcel-Duchamp- Preis (35 000 Euro) verliehen, und während des Art Forums Berlin wurde bekannt, dass Gaillard zu den vier Nominierten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011 gehört, die mit Abstand meistbeachtete Auszeichnung (50 000 Euro) für zeitgenössische Kunst in Deutschland.
Es läuft seit einigen Jahren schon sehr gut für Cyprien Gaillard: 2005 studierte er mal eine Weile in Genf, kurz darauf wurde er Stipendiat am Palais de Tokyo in Paris, 2007 war eine Arbeit von ihm auf der Biennale in Lyon zu sehen, und er bekam den Audi Talents Award verliehen, 2008 nahm er an der Berlin-Biennale teil und trat wenig später sein DAAD-Stipendium an.
Die traditionell darauf folgende Ausstellung in der DAAD-Galerie in der Berliner Zimmerstraße fand noch nicht statt, dafür aber Präsentationen bei Sprüth Magers, von denen er fortan vertreten wird, eine Ausstellung im Fridericianum Kassel, eine in der Kunsthalle Basel, und bei der „Younger Than Jesus“-Schau im New Museum, New York, war er auch dabei. Das MMK in Frankfurt zeigte seine Polaroids und kaufte gerade seinen jüngsten, im Übrigen großartigen Film „Cities of Gold and Mirrors“ (2009) an. Mit dem suggestiven Cut-up über das Urlaubsparadies Yucatán bewies Gaillard, dass er seine Themen jedes Mal konsistent in den Griff bekommt und dass er in der Umsetzung street-smart sein Draufgängertum beibehält: Gaillard bearbeitet die Ruinen der Moderne, die Aneignung des Stadtraums, die Verwirbelung kunsthistorischer und popkultureller Codes in einer eigenen formalen Sprache.
Es ist ein undankbarer Job, den Erfolg eines solchen jungen Künstlers kritisch zu betrachten – man wird sofort der schlechten Laune verdächtigt, man wird zu diesem unbeliebten Bedenkenträger, der an die anderen armen Kollegen erinnert, die nun leer ausgehen, weil der beliebte Monsieur Gaillard alles allein abräumt. Dabei muss es natürlich immer jemanden geben, der leer ausgeht.
Es gibt gute Gründe dafür, dass junge Künstler, die einmal mit einem Stipendium versehen wurden, auch das nächste und übernächste bekommen. In Jurys herrscht unausgesprochener Konsens, dass die gezielte Aufrechterhaltung der Versorgungspipeline einzelner Künstler sinnvoller ist als das gerechtere, demokratischere Gießkannenprinzip, das kurzes Aufblühen für viele bedeutet und anschließende Dürre garantiert.
Trotzdem wirft die aktuelle Überhäufung Gaillards mit Preisen ein seltsames Licht – nicht auf den Künstler, sondern auf die Auslober, die sich wie orchestriert auf ihn einigen. Ganz so, als wollten sich die Jurys auch selbst ein bisschen auszeichnen, weil sie einen 30-Jährigen kennen.
Durch ihren Hang, sich alle auf denselben neuen Namen zu stürzen, gefährden die Preisjurys ihr eigenes Profi l. Zum Preis der Nationalgalerie, im Jahr 2000 als deutsches Pendant zum Turner Prize ins Leben gerufen, waren anfangs nur Künstlerinnen und Künstler nominiert, die bereits mehrere Jahre ein auf hohem Niveau veröffentlichtes OEuvre vorzuweisen hatten (die Preisträger zwischen 2000 und 2005 waren Dirk Skreber, Elmgreen & Dragset, Monica Bonvicini).
In den vergangenen Jahren aber fanden sich oft solche auf dem Glitzertablett wieder, die gerade noch Förderpreise bekommen hatten. Einige davon lieferten in der Ausstellung wirklich schlechte Arbeiten ab – sie waren überfordert. Dadurch steht keiner der Beteiligten gut da, auch nicht die großzügigen Auslober.
Symptom des Hangs zur immer schnelleren Nachwuchsverwertung ist, wie nah der Preis der Nationalgalerie mittlerweile an den Blauorange-Preis der Deutschen Volks- und Reiffeisenbanken heranrückt, der sich explizit an Künstler und Künstlerinnen „in den ersten Jahren der Professionalität“ richtet. Kitty Kraus und Klara Lidén, die mit Gaillard für den Preis der Nationalgalerie nominiert sind, haben beide kürzlich erst den mit 20 000 Euro dotierten Blauorange-Preis gewonnen, genauso wie Danh Vo, der voriges Jahr im Hamburger Bahnhof ausstellte.
Die Zeitabstände zwischen den Auszeichnungen schnurren gefährlich zusammen, doch mehr Zeit kann nicht gewährt werden, wenn alle die konsensfähigsten unter den Favoriten schnell für sich vereinnahmen wollen. Das bedeutet auch, dass die Zeit für die Künstler immer weniger wird, um mal in Ruhe weiterzuarbeiten und zu zeigen, dass sie mehr sind als der Hottie der Woche.




