Stars, Stalker & Voyeure
Das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset hält mit immer ausgefeilteren filmsetartigen Installationen unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Jetzt sezieren sie die Lebenswelt einer Celebrity-süchtigen Unterschicht – und stellen einen kompletten Plattenbau ins Museum
Als Kind durfte ich nie mit einem Puppenhaus spielen. Und jetzt kam eben das da dabei heraus“, sagt Michael Elmgreen. „Das da“ ist wahrscheinlich das raumgreifendste Kunstwerk, das jemals im Lichthof des Museums für Neue Kunst im ZKM Karlsruhe stand, und das größte, das Elmgreen und sein Partner Ingar Dragset in ihrer an exzentrischen Großskulpturen nicht armen Karriere gebaut haben. Es handelt sich um den Nachbau eines grauen, ärmlichen Mietshauses, vier Stockwerke hoch, samt Foyer und Liegestuhl auf dem Flachdach: ein klassischer Plattenbau, den der Gott des Readymades irgendwie in dieses Museum gebeamt hat.
Bei einigen Wohnungen fehlt die Vorderwand, bei anderen stehen die Fenster weit offen und geben einen Blick auf den Alltag der Bewohner frei. Bis auf einen jungen, schönen Mann aus Wachs, der von seinem Computer aus die Nutzer einer realen Dating-Website für Homosexuelle narrt, sind die Mieter allerdings außer Haus. Stattdessen bieten Elmgreen und Dragset verschiedene Einrichtungstypologien mit einer Gemeinsamkeit: Geld ist wenig, Einsamkeit dafür in Massen verfügbar. Hier gruppieren sich brauner Couchtisch und Troddellampe zu einem Musterwohnzimmer für das vom Leben überholte Seniorenpaar. Dort erinnern Wimpel auf dem Röhrenfernseher stolz an die einzigen Erfolge des Bewohners: gewonnene Dartturniere.
In einem anderen Raum inszenieren Ikea-Möbel verzweifelt Modernität als schlecht verschraubte Sperrholzkulisse: Die Bewohnerin schaut eine Castingshow. Die koreanischen Einwanderer in ihrer mit Wok und Mikrowelle ausgestatteten Küche dagegen bevorzugen eine Karaoke-Sendung. Und in einem der Obergeschosse leidet ein weiblicher Teenager in seiner Sehnsuchtskammer voller Starfotos.
So entfaltet sich, während der Gast Etage für Etage hochsteigt und von den Geländern der umlaufenden Galerieräume ins Haus guckt, eine kabarettistisch übersteigerte Phänomenologie der Unterschicht: Alle basteln auf unterschiedliche Weise an ihrer Identität, alle brauchen Fiktionen, um nicht im Grau unterzugehen. Und der Ausstellungsbesucher, an ausgesuchten Punkten mit Fernglas ausgestattet, wird zum Voyeur in der Reality-Peepshow.
Im zweiten Teil der Installation bleibt die Neugierde allerdings unbefriedigt. Dort öffnet sich ein prunkvoller Ballsaal. Verschreckt sitzt ein kleiner Junge im Kamin. Sein Porträt an der Wand weist ihn als Eliteschüler aus, von dem erwartet wird, dass er den leeren Raum des Reichtums dereinst mit Bedeutung füllen wird. Hinter einer halb transparenten Wand findet offenbar ein VIP-Empfang statt. Nur die Schatten der Geladenen sind zu erkennen, nur ihr Gemurmel ist zu hören. Eine unerreichbare Party.
„Celebrity – The One & the Many“ lautet der Titel der Karlsruher Schau. Elmgreen und Dragset zeichnen das Porträt eines gesellschaftlichen Systems, das von schillernden Luftblasen betrieben wird. Eine Elite, die nichts mehr leisten muss, als ihr Bild zur Verfügung zu stellen, führt ein Theater der Bedeutsamkeit auf, und für das Prekariat in kreditfinanzierten Wohnzimmern haben Schau- und Sensationslust alle anderen Formen gesellschaftlicher Teilhabe ersetzt.
Diese Fakten sind bekannt und von den Feuilletons dieser Welt ausführlich diskutiert worden. Doch Elmgreen und Dragset überführen sie in Räume und machen sie visuell fassbar. Mit ihrem überscharfen Blick auf Objekte und Formen legen sie Zeugnis über ein Milieu ab, das normalerweise im Museum nicht auftaucht – und bleiben mit dem Thema „Celebrity“ zugleich ganz nah an der Kunst. „Auch Künstler müssen sich heute viel mehr selbst darstellen als früher“, sagt Ingar Dragset. „In den vergangenen zwei Jahren hat das sich noch drastisch verschärft. Mittlerweile produziert jede Institution auch noch Filme zur Vermarktung der Ausstellungen, und zum Künstlersein gehört es, sich vor der Kamera zu präsentieren.“
Seit einigen Jahren schon graben Elmgreen und Dragset tief in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, um dann solche gleichzeitig überrealistischen und komplett fiktiven Szenarios zutage zu fördern. „Celebrity“ ist Teil einer Trilogie, die mit „The Welfare Show“ 2005 in der Kunsthalle Bergen begann: eine Ausstellung über das Ende des Wohlfahrtsstaats und das Heraufdämmern der neoliberalen Idee vom individualisierten Einzelkämpfer.
Bei der Venedig-Biennale 2009 setzte „The Collectors“ im nordischen Pavillon die gesellschaftliche Bestandsaufnahme fort. Diesmal war die neue Geldelite im Fokus, die, aus lauter Verzweiflung, sich von der Mittelklasse abzusetzen, das Kunstsammeln als Distinktionsmerkmal entdeckt. Während freundliche Makler das verlassene Haus eines bankrotten Sammlerpärchens anpriesen, von Künstlerkollegen unter Elmgreen und Dragsets Regie exquisit ausgestattet, trieb der Sammler aus der noch opulenteren Villa nebenan tot in seinem Pool – zynischer Höhepunkt einer Inszenierung, die perfekt zur Finanzkrise passte. „The Collectors“ war ein Fest aus Sarkasmus, Detailverliebtheit und umwerfendem Design, begeistert gefeiert von den Besuchern.
Klare Thesen, dazu ein immenser Schauwert: Elmgreen und Dragset machen Kunst, die bei der Öffentlichkeit ankommt. „Wir mögen das Publikum“, sagt Michael Elmgreen und lässt durchblicken, dass diese Liebe in seinem Segment des Kunstbetriebs durchaus nicht selbstverständlich ist. Schließlich liegen die Wurzeln ihrer Kunst klar in einem konzeptionellen Ansatz. In den 90ern starteten sie ihren Feldzug mit einer Attacke auf den White Cube. Anstatt etwas auszustellen, strichen die beiden die Ausstellungsräume wieder und wieder oder brachen sie komplett ab und bauten sie wieder auf.
„Vielleicht stellten wir die Kunstwelt deshalb infrage, weil wir nicht aus ihr kamen“, sagt Elmgreen. Er hatte eigentlich Lyrik geschrieben und war in die bildende Kunst hineingerutscht, nachdem er seine Texte einmal in einem Galerieraum inszeniert hatte. „Ich war eigentlich in der Kopenhagener Performanceszene“, sagt Ingar Dragset. „Dann traf ich diesen Typen da in einem Nachtclub, wir wurden ein Paar, und es entstand ganz natürlich, dass wir dann auch zusammenarbeiteten.“
Die Konventionen der Branche, die sie angriffen, standen stellvertretend für die Repressivität auch anderer gesellschaftlicher Codes. Das Werk dieser Jahre ist angetrieben von dem Unbehagen, das ihnen als schwulem Pärchen die kleinstädtische Enge Kopenhagens einjagte. Gleichzeitig zelebrierten sie selbstbewusst ihre Liebe, Sex und Begehren – eine enorm energetische Mischung. Die beiden ließen sich, blond gefärbt und halb nackt, beim Überkreuzpinkeln fotografieren, verschmolzen Galerieraum und Darkroom und stellten einen blendend weißen Pavillon in einen Park, den Schwule für ihre Cruising-Ausflüge nutzten.
Bei ihrer Werkserie „Powerless Structures“ ist bereits der Titel ein Kommentar auf den eingebauten Machismo althergebrachter Architektur und Skulptur. So eine „machtlose Struktur“ konnte zum Beispiel aus zwei Paar am Boden liegenden Jeans bestehen, aus einem Stapel Papierblätter, der aus dem Fenster fliegt, oder aus einer schiefen Ebene, die in einen Galerieraum eingebaut wird und den Museumsbesuch plötzlich zu einem Drahtseilakt macht.
Elmgreen und Dragset etablierten ein Konzept von Skulptur, das virtuos zwischen gespieltem Witz und formaler Eleganz balanciert. Niemand kann dermaßen geschickt und stilsicher den Slapstick aus den Formen kitzeln. Der Hang zu klarer modernistischer Gestaltung ist nicht aufgesetzt, sondern tief im System eingebaut. Frühe Bekanntschaft mit skandinavischem Design scheint hier Wirkung zu zeigen – „die Arne-Jacobsen-Stühle in der Schule vielleicht“, sagt Ingar Dragset.
Im Gespräch geben sich die beiden wie ihre Kunst: zugänglich und immer für eine gute Pointe zu haben. Und erstaunlich harmonisch. 2005 war die Liebe zu Ende. Dass sie trotzdem als Duo weitermachten, darauf sind sie heute „ein bisschen stolz“, sagt Michael Elmgreen. „Wir haben uns natürlich gefragt, ob das geht. Wir hätten es nicht tun können, wenn wir das Gefühl gehabt hätten, wir müssen das tun wegen der Karriere. Sich davon zu befreien war die Voraussetzung“, sagt Dragset.
In Berlin, wo sie seit 1998 zusammenlebten, betreiben beide noch immer ein gemeinsames Studio, ein altes Pumpwerk, das zu einem Ensemble aus Atelierräumen und Wohnbereichen umgebaut wurde, mit einer Sammlung von Designstühlen im lichtdurchfluteten Obergeschoss. Doch Michael Elmgreen hat seinen Lebensschwerpunkt mittlerweile nach London verlegt. Dort, im Land der Yellow Press, hat auch das „Celebrity“-Thema noch mehr Dringlichkeit bekommen.
Dass die Karlsruher Schau ihre erste große Museumsschau in Deutschland überhaupt ist, kann man kaum glauben, so sehr sind Elmgreen und Dragset Teil jener internationalen Konzeptkunst, die die lungen der Nuller-Jahre erwachsen wurde. Immerhin: In ihrer temporären Heimatstadt Berlin haben sie mit dem Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eine höchst lebendige Spur hinterlassen. In einer Stele nach dem Vorbild von Eisenmanns Holocaust-Monument versenkten sie einen Film mit zwei sich küssenden Männern.
In die leicht hysterische Diskussion, ob sich dort nicht gerechterweise auch Frauen küssen sollten, wollen sie sich nicht mehr weiter einmischen. Bei Skulpturen im öffentlichen Raum müsse man loslassen können, sagen sie.
In Karlsruhe dagegen haben sie ihren Perfektionismus ausgelebt. Und dabei einerseits ein klares Thema fast illustrativ verarbeitet, andererseits der Kunst ein paar Rätsel gestellt. Wie bei dem Prada-Shop, den sie nahe dem amerikanischen Marfa in die staubige Wüstenlandschaft setzten: Ihre architektonischen Objekte sind seltsame Zwitter, zugleich Readymade und völlig künstlich. Und behaupten sich bei allem Humor sehr selbstbewusst als Skulptur.
Auch der gänzlich antimonumentale Plattenbau in Karlsruhe ist nicht zuletzt einfach ein gigantischer Kubus, der den Minimalismus eines Donald Judd aufruft. „Und der war so ein Macho!“ sagt Michael Elmgreen. Dass die beiden in ihrem Plattenbauimitat jetzt dessen aseptische, zwanghaft neutrale Formensprache mit einer Ausstattungsorgie anreichern, ist eine Pointe ganz nach ihrem Geschmack.
Als Nächstes wollen sie einen deutschen Bauernhof mit echten Heuballen und einladend lächelndem Landwirt bauen – ihr Projekt für die Singapur-Biennale im kommenden Frühjahr. Muskulöse Typen in Lederhosen in einer homophoben Diktatur, so lässt sich die Wechselwirkung von Kunst und Gesellschaft noch mal brisanter ausloten. „Aber bitte: Knutsch nicht auf der Straße!“ sagt Michael dann noch zu Ingar. Denn sich küssende Männer wie in ihrem Berliner Denkmal werden in Singapur ins Gefängnis gesteckt. Und dessen Zellen lassen sich nicht so leicht aufstemmen wie der White Cube.
- Elmgreen & Dragset (Künstlerdatenbank)
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