Kinderkunstbücher
Wer nicht fragt, bleibt dumm
Kinder mögen Geschichten und sehen sich gern Bilder an. Aber brauchen sie Kunst-Bücher?
In den Museumsbuchhandlungen stapeln sich Entdecker- oder Mitmachbücher. Für Titel wie „13 Künstler, die du kennen solltest: Kunst für Kids“, „Malen und gestalten wie ein echter Künstler“ oder „Wer ist eigentlich dieser Miró? Kinder entdecken Kunst“ scheint jedenfalls eine Nachfrage zu bestehen, weil sie den Eltern das Gefühl geben, etwas in Bildung zu investieren.
Ohne pädagogischen Anspruch und auch absurd sind oft die Bücher, die Künstler für Kinder gestaltet haben. Die Liste reicht von Kurt Schwitters über Dieter Roth, Ellsworth Kelly und Andy Warhol bis zu Paul Chan.
Das „Bilderbuch“ von Hannah Höch erschien zu ihren Lebzeiten nicht. Dabei hatte sie 1945 gehofft, dass mit den experimentellen Tier- und Pflanzencollagen und kurzen, gereimten Texten ein bisschen Geld reinkäme. Erst 1985 wurde in der DDR ein Faksimile mit einer 200er-Auflage herausgegeben, die schnell vergriffen war. Ende 2008 brachte der Berliner Verlag The Green Box das „Bilderbuch“ als Hardcover heraus. Inzwischen erschienen eine zweite Auflage und eine englische Übersetzung, die von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher prämiert wurde.
Hochwertige Künstlerbücher sind die in der Reihe Little Steidl 2008 und 2009 erschienenen Werke von Lawrence Weiner und John Baldessari. Weiners „Something to put something on“ fragt danach, wie man etwas, das man gemacht hat, jemand anderem zeigt. Und der Leser erfährt nebenbei, warum Weiner Künstler geworden ist und was er darunter versteht. „Garantiert frisch“ verspricht Baldessari, der eine schräge Sammlung von „Miracle Chips“ vorlegt. Der kalifornische Künstler hat die Gabe, in Kartoffelchips Gesichter zu erkennen und gibt Beispiele von Virginia Woolf bis Muhammad Ali. Es könnte ein Familienspiel daraus werden, obwohl Kinder wohl in einer bärtigen frittierten Kartoffelscheibe eher den Großvater als Karl Marx entdecken werden.
Ein opulentes Werk mit herausragender Druck- und Papierqualität ist Antonio Sauras „Der neue Pinocchio“. 1994 wurde es in Spanien veröffentlicht und als bestes im Land veröffentlichtes Kinderbuch ausgezeichnet. Nach dem Tod des Künstlers dauerte es, bis es 2010 bei Hatje Cantz in Deutschland mit einer Auflage von 2000 Exemplaren erschien. Der Text von Christine Nöstlinger ist klar und amüsant. Die mit Tusche gezeichneten, manchmal abstrakten und fast comichaften Bilder sind trotz ihrer leuchtenden Farben keineswegs leicht, sondern immer auch ein bisschen schwermütig (was Kindern mehr abverlangt als Prinzessin Lillifee).
Wem gehören die Wörter, wem die Fehler, und wovor kann die Kunst uns retten? Fragen wie diese werden in Fußnoten zu Paul Chans „The Shadow and Her Wanda“ (Buchhandlung Walther König) aufgegriffen. Das bisher nur englischsprachige Buch entstand 2007 im Rahmen einer Ausstellung in der Serpentine Gallery. Eine ebenso absurde wie philosophische und lyrische Geschichte um Wanda und ihren Schatten, in der Stachelschweine, Johann Wolfgang von Goethe, Theodor W. Adorno und G. W. F. Hegel auftauchen und Chan eine Schwäche zugibt („Goethe. He has a first name but I forget it“).
Demjenigen, der richtig einsteigen will, sei das Archiv O. P. L. A. (Oasi per libri artistici) in Meran empfohlen, das über 500 Kinderbücher von Künstlern umfasst und auch eine CD-ROM anbietet. Im Anhang zu ihrem „Bilderbuch“ ist nachzulesen, was Hannah Höch zum Neffen gesagt hat: „Sehen ist wichtiger als malen und zeichnen, das kann man nämlich lernen. Sehen muss man können!“ Vielleicht brauchen Kinder ja doch Kunstbücher.
Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Artikels, der in Monopol 8/2011 erschien. Sie können das Heft hier bestellen
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