Ai Weiwei

Hou Hanru über Ai Weiwei

„Als Künstler ist er völlig uninteressant“

Die Menschenrechte sind zu einem gewaltsamen Slogan mutiert, um Märkte zu öffnen, meint Hou Hanru. Und: Ai Weiwei bedient den politischen Voyeurismus mit Spektakeln. Jetzt spricht der chinesische Kurator in München. Ein Interview vorab

von Sebastian Frenzel
27.07.2011

Wie beurteilen Sie den Fall Ai Weiwei?
Er ist ein neuerliches Beispiel für ein altes Problem: Die Beziehung zwischen dem Westen und der sogenannten Peripherie, dem Machtzentrum und dem sogenannten anderen. In der Kunstwelt spiegelt sich eine globale politische Konstellation. Zu Zeiten des Kalten Krieges waren die Fronten zwischen Ost und West und Dritter Welt klar, heute werden die Beziehungen komplexer, aber wir gucken immer noch nach Opfern auf der anderen Seite – um zu beweisen, dass wir immer noch die Mächtigen, die Korrekten sind.

Sie schreiben von der „Leidenschaft der Kunstwelt, Dissidenten zu befreien“.
Es geht nicht nur um die Kunstwelt, sondern um die psychologische Verfasstheit unserer Gesellschaften. Schauen Sie, wie in Deutschland oder Frankreich mit Migranten umgegangen wird. Die Spannungen nehmen immer weiter zu, aber es geht nicht mehr wie früher um die Frage, wie viele Immigranten in den sogenannten westlichen Gesellschaften leben können, sondern eine kollektive Psychologie wird aufgebaut …

… Sie meinen: Angst vor Kopftüchern oder Moscheebauten?
Das sind Mittel, um den Identitätsverlust zu kompensieren, die Angst vor Veränderung und wirklichem, dynamischem Dialog.

Um auf Ai Weiwei zurückzukommen: Es wäre abwegig, seine Freilassung als Sieg der Menschenrechte zu feiern?
Die sogenannten Menschenrechte sind eines der gewaltsamsten Konzepte – Machthaber operieren in ihrem Namen, aber konträr zu ihrer Bedeutung. Was „Menschenrechte“ heute zum globalen Slogan macht: Es ist der beste Weg, um neue Märkte zu öffnen und Machtinteressen durchzusetzen. Das ist etliche Male in den post-colonial studies diskutiert worden, ich erinnere nur an Immanuel Wallerstein, der historisch aufgearbeitet hat, wie die Konzepte von Menschenrechten und Demokratie gekidnappt wurden. Im Fall Ai Weiwei zeigt sich genau, wie dieses Spiel läuft. In der Kunstwelt wird intellektuelles Engagement, werden Debatten und Theorien zusammengeschmissen und als Werkzeuge missbraucht. Wir vereinfachen komplexe Zusammenhänge, und darin steckt eine große Gefahr. Wir müssen uns den Kontext angucken, uns fragen, was Ai Weiwei zu einer solchen Figur macht. Als Künstler ist er für mich völlig uninteressant, aber er hat Gewicht als soziale Figur: Er fügt sich perfekt in diese Art von Menschenrechtsdiplomatie.

Ai ist sich dieser Rolle aber sicher bewusst.
Natürlich. Ich will ihn auch nicht persönlich angreifen, ich will nur darauf hinweisen, dass unser übereiltes Engagement der tatsächlichen Komplexität der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Denken Sie etwa an den Abriss seines Studios: Er war nicht der einzige Künstler, dessen Studio geräumt wurde, und außerdem hat er in Verhandlungen mit den Behörden herausgehandelt, dass er eine doppelt so hohe Entschädigung wie die anderen bekommt. Aber er erzählt im Westen natürlich nicht, dass es einen solchen Deal gab. Genauso fragwürdig finde ich es, dass er für Menschenrechte eintritt und dann eine Kamera nimmt und fotografiert, wie er von der Polizei verprügelt wird, und dieses Bild zu einem Hauptwerk einer Ausstellung im Westen macht. Es geht nur darum, ein Bild herzustellen, den politischen Voyeurismus des Westens mit einem neuen Spektakel zu befriedigen.

In welchem Zustand ist die Gegenwartskunst in China?
Wie in der übrigen Welt besteht die Gegenwartskunst in China überwiegend aus mittelmäßigen Arbeiten oder solchen, die auf Spektakel setzen. Kunst, die leicht konsumiert werden kann. Was man vor zehn, 15 Jahren noch Avantgarde nennen konnte – Arbeiten, die außerhalb des offiziellen Kultursystems standen und oft sehr direkt und konfrontativ waren –, hat sich in etwas Symbolisches verwandelt, etwas, das Dissidenz eher repräsentiert. Der sogenannte zynische Realismus. Diese Entwicklung fiel zusammen mit dem Aufkommen des Kunstmarktes in China, der mit einer generellen Liberalisierung der Märkte einhergeht. Wir können global feststellen, dass die sogenannte Kunstwelt immer weiter mit dem Markt verschmilzt, und der Markt sucht nach dem anderen, das sich gleich konsumieren lässt. Es geht dabei nicht um eine bestimmte Ästhetik, es geht um etwas, das ich „tokenist images“ genannt habe: spektakuläre, wiedererkennbare Hingucker.

Muss der Westen Abschied nehmen von einem universalen Verständnis des Künstlers als gesellschaftlicher Randfigur, als kritischem Avantgardisten?
Man muss zumindest genau hinschauen, wann und in welchem Kontext solchen Figuren welches Gewicht zugemessen wird. Es gibt im asiatischen Raum eine lange Tradition, den exzentrischsten, auch unverständlichsten Künstler zu verehren. Figuren, die ihre Unabhängigkeit durch unabhängige Arbeiten beweisen.

Und Ai Weiwei steht nicht in dieser Tradition?
Ich denke nein. Er operiert in den typischen Systemen, da ist überhaupt keine Unabhängigkeit. Er ist Teil des power game, manchmal verliert er, manchmal gewinnt er.

Sie haben stattdessen eine neue Form von Brechts Verfremdungseffekt für die Künste gefordert – was genau meinen Sie damit?
Brechts Position ist sehr interessant. Als nach dem Zweiten Weltkrieg jedermann sehr begierig ist auf das Erbe des Widerstands gegen die Nazis, auch gegen den Kapitalismus, und es geradezu einen kollektiven Enthusiasmus für Brecht, Walter Benjamin und andere gibt, schlägt Brecht selbst einen anderen Weg ein, indem er sagt: Wir brauchen keine Narrationen, kein einfaches Weitererzählen dieser Widerstandsformen, keine Wiederholung dieser Bilder und Sprache. Stattdessen fordert er: Lasst uns Abstand nehmen, ästhetisch und psychologisch Distanz schaffen. Er fragt: Welchen Raum können wir für das soziale Individuum aufbauen, indem wir eine heutige Sprache einführen, die sich frei macht von der Tradition? Wie können wir die Beziehung von Produktion und Konsum oder Rezeption verkomplizieren? Brecht ging nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst nach Ostberlin, aber er bestand auf seiner Unabhängigkeit. Er wollte einen Raum schaffen, der unsere übermäßige Leidenschaft für das Gute etwas abkühlt.


Der Kritiker und Kurator Hou Hanru wurde 1963 im chinesischen Guangzhou geboren und lebt seit 2006 in den USA. Er leitete unter anderem die Shanghai-Biennale 2000, die Gwangju-Biennale 2002 und die Istanbul-Biennale 2007, zurzeit arbeitet er als Direktor am San Francisco Art Institute. Das Haus der Kunst München veranstaltet am 27. Juli um 19 Uhr das Panel „Anlässlich von Ai Weiwei: Kunst, Dissidenten und Widerstand“ mit Hou Hanru, Gao Minglu, Shi Ming, Flora Sapio und Ulrich Wilmes, Moderation: Okwui Enwezor.

Die Ausgabe Monopol 08/2011, in der auch dieses Interview erschienen ist, beschäftigt sich ausführlich mit dem Fall Ai Weiwei und der Freiheit der Kunst in China

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