Bücher

Jahrbuch für Moderne Kunst

Wessen Geschichte

Ein aktuelles Mantra der Kunstwelt lautet, es müsse jetzt endlich wieder um Inhalte gehen und nicht mehr nur um glitzernde Oberflächen und Auktionsrekorde.

von Katrin Wittneven
08.04.2010
Johannes Wohnseifer "Lieferwagen Museum Ludwig", 2008, courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln und Johann König, Berlin
Johannes Wohnseifer "Lieferwagen Museum Ludwig", 2008, courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln und Johann König, Berlin

Unter dem Titel „Wessen Geschichte“ macht Yilmaz Dziewior, der jahrelang ein bemerkenswertes Programm im Hamburger Kunstverein gestaltete und nun das Kunsthaus Bregenz leitet, ein Denkangebot.

Die große Klammer bildet die Auseinandersetzung der Gegenwartskunst mit Vergangenheit. Dass Geschichte nicht einfach passiert, sondern gemacht wird, wissen wir. Doch welchen Einfluss hat dabei die Globalisierung, wie viel Heimat schreibt sich zum Beispiel in Biografien fern der Heimat ein? Und wer erzählt eigentlich die Geschichten, die zu Geschichte werden?

Dziewiors Ansatz ist interdisziplinär: Außer Künstlern – Willie Doherty, Danh Vo, Diango Hernández, Haegue Yang oder Johannes Wohnseifer in Interviews – kommen auch Historiker, Philosophen, Germanisten und Medienwissenschaftler zu Wort. Die Bezugspunkte reichen von Christian Krachts Romanen über Auflösung und Neuentstehung von Nation und Sprache bis zu Deutschlands Fußballmärchen im Sommer 2006. Statt eines roten Fadens findet man ein (im besten Sinne) buntes Geflecht, konkreter geraten die Gespräche zum Thema individuelle Vorgehensweisen und Strategien.

Eine weitere Ebene schaffen die eigens von den beteiligten Künstlern angefertigten visuellen Strecken, die neben den teils hochkomplexen Texten ganz klare Eindrücke vermitteln. Was bleibt am Ende übrig? Manchmal nur leer gegessene Teller, hier aber oft: Bilder und Sätze, die einem noch Tage nachhängen. Etwas Schöneres lässt sich über ein Geschichtsbuch wohl kaum sagen.


Yilmaz Dziewior (Hrsg.): „Jahresring 56: Wessen Geschichte. Vergangenheit in der Kunst der Gegenwart“. deutsche und englische Texte, Verlag der Buchhandlung Walther König, 304 Seiten, 29,80 Euro