Tomás Saraceno im Hamburger Bahnhof
Zu Hause in der Welt
Menschen werden in schwebenden Wohneinheiten leben, die sich zu einer Stadt zusammenschließen oder einfach stetig auf Reisen sind, glaubt Tomás Saraceno. Berlin gönnt der Künstler mit der Mega- Installation "Cloud Cities" einen Vorschein auf diese Welt
Es scheint, als hätte eine riesige Spinne ihr Netz durch den Hamburger Bahnhof gesponnen. Die historische Halle aus dem 19. Jahrhundert ist durchzogen von schwarzen Seilen, die sich immer wieder überkreuzen und verschlingen. Dazwischen schweben große und kleine Blasen, in denen Pflanzen wachsen oder Menschen ungeschickt umherkriechen – eine Utopie? In Berlin ist sie Realität. Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, ist darauf sichtlich stolz: „Das Unmögliche macht hier Station.“
Erdacht hat diese visionäre Welt der Argentinier Tomás Saraceno. Der 37-Jährige, der Architektur und Kunst in Buenos Aires und Frankfurt am Main studiert hat, ist fasziniert von Wolken: ihrer Schwerelosigkeit, ihrer Mobilität und dem ständigen Wandel, dem sie unterliegen. Die Stadt der Zukunft wird nach seinen Plänen genau diese Eigenschaften besitzen. Menschen werden in schwebenden Wohneinheiten leben, die sich wie Zellen zu einer Stadt zusammenschließen können oder sich einzeln, vom Wind angetrieben, auf einer stetigen Reise befinden.
Noch ist die „Air-Port-City“ ein Traum von Saraceno, aber mit jedem seiner Projekte wird sie ein Stück greifbarer. Als Udo Kittelmann den Argentinier vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal traf, studierte er noch an der Frankfurter Städelschule. Damals drückte der Künstler seine Visionen in kleinen Modellen aus, die in den letzten Jahren beträchtlich gewachsen sind: 2008 baute Saraceno mit Unterstützung einer argentinischen Firma „Observatory“, eine fast zehn Meter hohe Kuppel mit einem begehbaren Luftkissen. Sie ist jetzt Teil der Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Nur die Luft von unten und eine transparente Folie halten maximal drei Besucher in sieben Meter Höhe. Jede Regung hat Einfluss auf das Luftkissen und lässt die Folie entweder absinken oder hochsteigen: „Jedes Mal, wenn du dich bewegst, bewegst du auch die anderen“, erklärt Saraceno. Zwischen einander vorher fremden Menschen schafft sein Kunstwerk so eine Verbindung.
Für „Cloud Cities“, seine erste Einzelausstellung in Deutschland, hat der Künstler neben „Observatory“ 22 weitere Arbeiten zu einer gigantischen Installation zusammengefügt. „Biosphären“ nennt Saraceno seine blasenförmigen Konstruktionen, die sich über Seilnetze zu einem organischen Geflecht verbinden. Den Namen tragen sie nicht zu Unrecht: Viele von ihnen werden von Tillandsien bewohnt; Pflanzen, die ohne Erde auskommen und die nötigen Nährstoffe stattdessen aus der Luft aufnehmen.
Andere Sphären schimmern bunt wie Seifenblasen, an deren Weaire-Phelan-Geometrie (maximales Volumen bei minimaler Oberfläche) Saraceno sich orientiert. Außerdem inspirieren Spinnennetze den Künstler, der eng mit Arachnologen und anderen Naturwissenschaftlern zusammenarbeitet. Trennungen zwischen den Fachrichtungen hält er genauso für überholt wie Grenzen zwischen den Nationen. Deswegen beantwortet Saraceno die Frage, wo er zu Hause sei, mit: „Auf dem Planeten Erde.“ Genauere Bezeichnungen sind in „Air-Port-City“ nicht mehr nötig.
Hamburger Bahnhof, Berlin, bis 15. Januar
- Tomás Saraceno (Künstlerdatenbank)
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