Reportage

Eine Stille, die stumm macht

Das Kolumba macht vieles anders als andere Häuser – und damit alles richtig. Im Museum des Erzbistums Köln nimmt man sich Zeit für die Vereinigung von kulturellem Erbe und aktueller Kunst: Zehn Jahre war der Bau geplant worden, ein Jahr lief nun die Schau zur Neueröffnung. Monopol zieht andächtig Bilanz.

von Barbara Gärtner
01.09.2008

Zum besten Museum Deutschlands geht es am Elektromarkt rechts rein.
Dann hat man bereits die Hochkultur und die Konsumkultur, den Trubel am Kölner Dom und in der Fußgängerzone überstanden, und plötzlich wird es ganz still. Wie eine schroffe Felswand steht das Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln, in einer belanglosen Nebenstraße der Innenstadt. Nicht abweisend. Eher wie eine einschüchternd große Kirche: Man muss sich beim Türöffnen dagegenstemmen, aber wenn man drinnen ist, wird man überwältigt von der Opulenz. Die Opulenz des Kolumba ist seine Schlichtheit. Es gibt Licht, Dunkelheit, Stille – von allem so viel, dass es stumm macht.

Seit einem Jahr zeigt das Museum nun seine Sammlung und die Schatten- spiele, die die Sonne in dem Bau inszeniert. Mehr als zehn Jahre Planung sind dem vorausgegangen. Beim Kolumba dauert alles ein wenig länger, darin liegt seine Qualität. Ruft man dort an, bekommt man erst eine Absage. Gruppenführungen seien ausgebucht, neue Termine gebe es gerade nicht, sagt der Anrufbeantworter, und die Dame, die dann doch irgendwann ans Telefon geht, ist nicht begeistert: „Aha, ein Interview wollen Sie also machen. Na gut, dann kommen Sie halt vorbei.“ Der Architekt Peter Zumthor will nicht, dass der Bau fotografiert wird. Das Haus habe schon zu viel Presse gehabt. Zu viel Presse? Die Mundwinkel von Kolumba- Direktor Stefan Kraus zucken, wenn man ihm das erzählt. Es sieht aus wie Stolz, der unterdrückt wird.

Es ist leicht, das Kolumba gut zu finden, so, wie man eben auch Bobrennfahrer aus Afrika mag oder einen David in einer Landschaft voller Museumsgoliaths. Die anderen schreien, das Kolumba schweigt. Das muss man sich aber auch leisten können.

Museen stecken gerade in einer Krise, viele werben mit Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst um Besucher und treten in einen Wettstreit mit Kunsthallen und Privatsammlern, den sie nicht gewinnen können. Es fehlt nicht immer nur an Geld, sondern auch an Kompetenz im Bereich der zeitgenös- sischen Kunst. Derweil verstauben die eigenen Werke im Depot. Das Kolumba macht da nicht mit. Keine Übernahmen, kaum Leihgaben, was gezeigt wird, gehört zur Sammlung. Ein Jahr, seit September 2007, war nun die Eröffnungsausstellung zu sehen, beinahe unverändert. „Für Besucher ist es wichtig zu wissen: Wenn ich in dieses Museum komme, werde ich dieses oder jenes Werk immer finden“, sagt Stefan Kraus. In Zeiten, in denen eine Gesellschaft derart mobil ist, sollen seiner Meinung nach die Menschen zur Kunst reisen, nicht umgekehrt.

Als das Museum eröffnete, schrieben die Kritiker vor allem über die Architektur und die vielen Töne des Graus der Räume.
Wie beim Kunsthaus Bregenz, das mit seiner milchgläsernen Fassade beinahe im Bodenseenebel verschwindet, ist es dem Schweizer Zumthor erneut gelungen, ein Museum zu entwerfen, das als Gegenentwurf zum Kunsttourismusmuseum schlechthin, dem Guggenheim in Bilbao, gesehen werden kann. Das Gebäude stiehlt weder der Kunst die Aufmerksamkeit, noch ist es ein unschöner Zweckbau. Spektakulär ist vor allem, wie Zumthor mit dem Ort umgeht, denn das Gebäude steht auf 2000 Jahren Kölner Geschichte. Bis zum Zweiten Weltkrieg stand hier die spätgotische Kirche St. Kolumba, die im Krieg zur Ruine gebombt wurde. Allein eine gotische Marienstatue überstand das Bombardement damals unversehrt und wurde für die Kölner zu einem Symbol der Hoffnung.

1950 baute Gottfried Böhm der Figur zu Ehren die Kapelle „Madonna in den Trümmern“. In den siebziger Jahren rissen dann Archäologen den Boden neben der Kapelle auf. Das Trümmerfeld betonierte Zumthor nicht zu, er ließ es offen wie eine nie verheilende Wunde und überbaute es mitsamt der Kapelle. Die neuen Backsteinwände wurden einfach auf die Stümpfe der Vergangenheit gesetzt. Die Wahl des Orts blieb in Köln nicht unumstritten. Überhaupt war das Projekt nicht einfach zu realisieren: Gottfried Böhm war empört, dass man seine Kapelle einfach integrierte, das Denkmalschutzamt hatte Bedenken, und auch der Architekt gilt als schwierig. „Ja“, stimmt Stefan Kraus zu, „Zumthor ist sehr stur. Aber wir sind es auch.“

Im September wechselt die Ausstellung, doch Paul Theks „Portable Ocean“ wird sicher weiterhin zu sehen sein. Der kleine, blauweiß lackierte Wagen mit Bauklötzen, der von einem Schweifstern gezogen wird, ist eine der ersten Arbeiten, auf die man trifft, wenn man ins Museum kommt. Und das Werk, das das Haus zu dem gemacht hat, was es heute ist. Denn als sie den Architekturwettbewerb ausschrieben, verschickten die Kolumba-Macher – neben Kraus und seinem Vorgänger Joachim M. Plotzek gehören dazu auch Katharina Winnekes, Marc Steinmann und Ulrike Surmann – statt langer Erklärungen ein Bild der Skulptur. So „poetisch-spielerisch“ wie der Wagen sollte auch der Neubau werden. Wenn man das Kolumba erkundet, denkt man allerdings eher an Wörter wie „klar“ und „präzise“.

So diskret der katholische Hintergrund gehandhabt wird, verheimlichen will das Museum seine Herkunft nicht. In der Architektur finden sich Motive, die man aus dem Kirchenbau gewohnt ist: der manipulative Einsatz von Licht etwa, der allein durch Sonne und Schatten eine sakrale Aura schafft. Oder die Treppen, die lang und schmal sind wie ein Kreuzgang. Enge Kabinette, die sich mit großzügigen Räumen abwechseln.
Die deutlich sichtbaren Fugen und Unebenheiten, die den Besucher fast stolpern lassen. Einige Elemente dienen der Methode: je größer der Bau, desto kleiner der Mensch. Und je kleiner, desto sterblicher und schutzbedürftiger ist der Einzelne – und deshalb gewillt zu glauben.

Bedient sich die katholische Kirche der zeitgenössischen Kunst in einer PR-Offensive, um ein Klientel anzulocken, das die Herde längst verlassen hat? Mystizismus sei das, schimpfte ein Kritiker, der Gegenwartskunst
würde Spiritualität angedichtet. „Ach, schauen Sie doch selbst!“ entgegnet Direktor Stefan Kraus solchen Vorwürfen gelassen. Was man sieht, ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig: Da hängt Agnes Martin neben Raimund Girke, Andy Warhols „Crosses“ umrahmen eine lebensgroße Christusfigur aus dem 16. Jahrhundert, und gegenüber der „Tragedia Civile“ von Jannis Kounellis stehen Teekannen und Bügeleisen in Vitrinen. Beschriftungen, didaktische Hinweise oder Audioguides fehlen. Die unbekannte Rheinländerin Monika Bartholomé bespielte in der Eröffnungsschau gar ein ganzes Kabinett. Ein ziemliches Durcheinander. Eine Wunderkammer. „Wir sahen darin unsere Chance. Es ist unser eigener Weg neben all den Spezialmuseen, dass wir eben nicht zwischen high und low, zwischen Kitsch und Kunst und zwischen freier und angewandter Kunst trennen – und so ein ganz eigenes Verständnis für die Kultur vermitteln können“, sagt Direktor Kraus.

Die Anfänge des Kolumba liegen in der Sammlung des Kölner Diözesanmuseums. Gegründet wurde es 1853, ohne großen Anspruch. Man wollte Objekte und Kunstwerke retten, die in den Kirchen ihre Funktion eingebüßt hatten. Deshalb besitzt das Kolumba heute Truhen aus dem Mittelalter, abgetragene Schuhe von Kardinälen und Hausaltärchen. „Negativ formuliert war das ein Sammelsurium. Positiv formuliert: ein unglaublicher Schatz“, erinnert sich Kraus.
Sein Vorgänger Plotzek übernahm die Arbeiten 1990, und damit war der erste Kunsthistoriker verantwortlich. Geschickt hat das Team zeitgenössische Kunst dazugekauft. Mittlerweile besitzt man die weltweit größte Paul-Thek- Sammlung, dazu Arbeiten von Joseph Beuys, Eduardo Chillida, Roni Horn, Wolfgang Laib und Richard Serra. Rebecca Horn verkaufte dem Kolumba ihr „Berlin Earthbound“, als es noch gar keine Pläne für das neue Museum gab.

Berührungsängste mit dem Katholizismus haben die Künstler also offenbar nicht. Nur Gerhard Richter gab seinen RAF-Zyklus „18. Oktober 1977“ lieber dem New Yorker MoMA, weil ihm der katholische Zusammenhang zu eng erschien. Eine Sorge, das kann man heute wohl sagen, die völlig unbegründet war. Die zeitgenössische Kunst wird nicht katholisch getauft. Die Lehre des Museums lautet: Unabhängig vom Kontext ist man ohnehin nie, nicht einmal im White Cube. Darüber denkt man im Kolumba nach – und das ist mehr, als die meisten anderen Institutionen leisten.

Die neue Ausstellung „Der Mensch verlässt die Erde …“wird am 14. September eröffnet und läuft wieder ein
ganzes Jahr. Von 1. bis 13. September ist das
Kölner Kolumba geschlossen.

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