"Wir werden in die Kunstgeschichte eingehen“
Louis-Vuitton-Chefdesigner Marc Jacobs über seine Kooperation mit Takashi Murakami und das Erbe von Andy Warhol
Herr Jacobs, Sie haben die Türen des Traditionshauses Louis Vuitton für Gegenwartskünstler geöffnet und ihnen erlaubt, sich gleich ans Allerheiligste zu machen: das Logo des Unternehmens. Das war Punk.
Eigentlich verstehe ich es als Hommage. Es mag naiv klingen, aber einer meiner künstlerischen Einflüsse ist eine Arbeit von Marcel Duchamp namens „L.H.O.O.Q“. Sie wissen: die Mona Lisa mit Schnurrbart.
Der Titel liest sich „Elle a chaud au cul“ – also etwa: „Sie hat einen heißen Arsch.“
Nun ja. Stephen Sprouse zu fragen, ein Graffiti auf das Vuitton-Monogramm zu malen, bedeutete, so weit zu gehen wie Duchamp, als er Leonardo da Vincis Ikone demaskierte. Das Original sollte stärker, cooler und energievoller werden. Oder meinetwegen, wenn Sie so wollen: Punk.
Hatten Sie nie Angst zu scheitern?
Eigentlich nicht, denn ich wusste, dass ich mit großartigen Künstlern zusammen arbeite. Es mag waghalsig erscheinen, aber wie gesagt: Es war eine Ehrerbietung, eine Feier des Monogramms.
Sie sammeln auch viele Gegenwartskünstler wie Ed Ruscha, Elizabeth Peyton, John Currin. Wählen Sie die Künstler für Ihre Wohnung und die für Ihre Arbeit nach unterschiedlichen Kriterien aus?
Es ist ganz einfach: Ich vertraue meinem Geschmack. Es gibt da keine gute oder schlechte Wahl, es ist meine subjektive Meinung. Sagen wir so: Ich habe ein eklektisches Auge, aber ich bin nie flatterhaft.
Was hat Sie eigentlich motiviert, nach Stephen Sprouse erst mit Takashi Murakami, dann mit Richard Prince und jetzt wieder mit Murakami zusammenzuarbeiten?
Stephen Sprouse kannte und bewunderte ich bereits, bevor ich bei Louis Vuitton anfing. Er war einer dieser jungen New Yorker Künstler, die eine affirmative, vorwärtsgewandte Einstellung gegenüber Mode hatten. Er verwendete wunderbare Materialien, und ich wollte schon immer mit ihm zusammenarbeiten. Die Kollektion mit Richard Prince zielte auf Abend- garderobe. Er hat in seiner Kunst mit Liebesromanen gearbeitet, also wollte er etwas machen, was „after dark“, was nach Einbruch der Dunkelheit funktioniert. Ich wiederum dachte an Richards „Nurse Paintings“, also haben wir die Models in Krankenschwes ternkostümen auf den Laufsteg geschickt.
Und Murakami?
Mit Takashi war alles Intuition, es steckte kein großer Plan dahinter. Ich hatte ein Jahr zuvor eine Ausstellung seiner Werke in der Pariser Fondation Cartier gesehen und war begeistert von der Ausdruckskraft seiner Arbeiten, ihrer grafischen Dimension, ihrem Comiclook, den Farben. Davon, dass sie gleichzeitig mühelos für ein Millionenpublikum zugänglich und intellektuell provozierend sind. Im Grunde begann die Kooperation mit gegenseitiger Bewunderung: Ich bewunderte, was er machte, er mochte meine Arbeiten – und so haben wir Takashi Murakamis Markenzeichen, seinen Geist und seine Präsenz mit den Louis-Vuitton-Insignien LV zusammengebracht.
Wie kann man sich ihre Arbeit mit den Künstlernkonkret vorstellen?
Es ist ein ständiges Hin und Her. Wie ein Spiel. Einer wirft den Ball, der andere muss ihn fangen, dann wirft er ihn zurück, und so geht es immer weiter. Wir mixen, wir verändern, wir drehen. Man wählt Farben, Stoffe, Formen aus, die das reflektieren, was man gerade empfindet. Dann beginnt man mit dem Entwurf, und neue Fragen tauchen auf: Mag ich kontrastierende Farben?
Kann man diese Stoffe mischen? Ich stehe da wie der Künstler mit der Palette, nur male ich Farben auf Frauen.
Also gibt es keinen Unterschied zwischen einem guten Designer und einem guten Künstler?
Nein, beide müssen sich immer wieder beweisen, weiter gehen, härter arbeiten. Man erreicht nie einen Punkt, an dem man sagt, wir haben das Ruder in der Hand. Das funktioniert wie beim Sport: Je intensiver ich trainiere, je mehr ich schwitze, desto mehr tun mir am nächsten Tag die Knochen weh. Und desto wahrscheinlicher ist es, dass ich etwas erreicht habe.
Ihre Kooperation mit Takashi Murakami ist sehr erfolgreich – Kunstkritiker haben dennoch über den Ausverkauf der Kunst gelästert. Muss ein Künstler nicht etwas schaffen, was über den Geschmack einer Saison hinausreicht?
Ich glaube, die Begehrlichkeiten, die wir wecken, spiegeln letztlich eine gesellschaftliche Frage. Wir haben der Kunst und der Modewelt gezeigt, dass wir gemeinsam eine Landkarte der Welt abliefern können, in der wir leben. Die Zusammenarbeit mit Takashi Murakami war und ist das endgültige Cross-over, eine Hochzeit zwischen Kunst und Mode, die sowohl in die Mode- als auch in die Kunstgeschichtsbücher eingehen wird.
Wie sagte der amerikanische Couturier Mainbocher: „Mode ist keine Kunst, aber formt einen Teil der Kunst zu leben.“ Wobei die Frage natürlich ist, ob die Kunst das Leben imitiert oder ob es andersherum ist.
Das Magazin Interview feiert Sie bereits als den neuen Andy Warhol. Nach all diesen Triumphen – wie geht es weiter?
Ich traue einfach meinen Instinkten. Sicher wird es weiterhin Kooperationen mit Künstlern geben, aber im Moment weiß ich das noch nicht. Ehrlich gesagt, denke ich lieber über die Gegenwart nach. Die Zukunft macht mir Angst und lähmt mich.
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