Reviews

"Exercises in Translatability“ in Stockholm

Blindes Verstehen ausgeschlossen

Frei übersetzt: In Stockholm widmet sich eine Ausstellung dem zwischensprachlichen Transfer. Mit dabei: Rivane Neuenschwander, Laura Lima und Haegue Yang

12.10.2011

Was passiert, wenn ein Sachverhalt von der einen in die andere Sprache übersetzt wird? Lücken und Verschiebungen tun sich auf, die die Unzulänglichkeiten der Sprache selbst demonstrieren.

Die in Brasilien tätigen Kuratoren Jochen Volz und Daniela Castro haben für die Stockholmer Ausstellung „The Spiral and the Square: Exercises in Translatability“ Arbeiten zusammengestellt, die den Akt des Übersetzens – und letztlich die Begegnung von Kulturen – auf sein kritisches oder kreatives Potenzial hin untersuchen. Als experimentelle „Lektion“ haben sie ihre Schau in der Bonniers Konsthall konzipiert und dafür ein weites Spektrum an Werken gewählt.

Bevor die Besucher die Räume betreten, empfängt sie eine Arbeit von Angela Detanilo und Rafael Lain: Die Fensterfront zur Straße ist überzogen von großflächigen Buchstaben auf weißem Hintergrund, die Aufschrift sagt „New Roman Times“ in der Schriftart Times New Roman. Rivane Neuenschwander lässt einen Phantombildzeichner Porträts nach Beschreibungen geliebter Menschen anfertigen. Und auch Rirkrit Tiravanijas Projekt „untitled 2011 (t-shirt, no t-shirt)“ spielt mit der Variation des Bekannten. Er hat verschiedene Parolen frei aus einer Sprache in die andere übertragen. „Angst essen Seele auf“ zum Beispiel ins Englische. Die etwas holprigen Ergebnisse können sich die Gäste auf ein T-Shirt drucken lassen.

Manchmal wird die Fremdheit auch existenzieller, wie in Laura Limas lebender Skulptur „Marra“, in der zwei Männer, nackt und von einer Kapuze am Sehen gehindert, wortlos miteinander ringen. Und in den Foto-Diptychen von Cinthia Marcelle sind Menschen zu sehen, die in abweisender Landschaft absurde Arbeiten ausführen: In „The Collector“ etwa hat der Sammler eine Aktentasche mit Sand gefüllt, im nächsten Bild rieselt dieser schon wieder heraus.

Überraschend frei hat das Kuratorenduo das Thema ausgelegt, mehr als Verhandlung zwischen Zeichensystemen denn als zwischensprachlichen Transfer. Von den gegenständlichen Metamorphosen in der Installation der Koreanerin Haegue Yang bis zu Arto Lindsays Versuch eines Vernissagen-Soundtracks ist die Ausstellung da am besten geglückt, wo sie zeigt: Restloses Verstehen ist unmöglich.

Bonniers Konsthall, Stockholm, bis 8. Januar 2012

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 10/2011. Sie können das Heft hier bestellen.