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Interview mit Werner Herzog

"Eine Kunst, schon vollends entwickelt"

Die Steinzeitbilder von Chauvet: Werner Herzog über seinen 3-D-Dokumentarfilm „Die Höhle der vergessenen Träume“. Jetzt startet der Film in den deutschen Kinos

von Daniel Kothenschulte
02.11.2011
Werner Herzog vor der Chauvet-Höhle. © 2011 Ascot Elite Filmverleih GmbHzur Bilderstrecke
Werner Herzog vor der Chauvet-Höhle. © 2011 Ascot Elite Filmverleih GmbH

Herr Herzog, Ihr Film führt uns in die südfranzösische Chauvet-Höhle, wo 1994 mehr als 30.000 Jahre alte Zeichnungen entdeckt wurden. Sehen Sie in den ältesten Bildern der Welt auch den Ursprung des Kinos?
Nein, da muss man vorsichtig sein. Allerdings: Es gibt einen Moment, wo ich mit der nötigen Behutsamkeit sage: Das ist Protokino – ein Bison, der mit acht Beinen dargestellt wird. Aber wie ich erst neulich erfahren habe, wurde dieses Element wohl in der Kulturgeschichte über die Jahrtausende weitergereicht. In der altnordischen Mythologie hat der Gott Odin ein Pferd namens Sleipnir. Der Hengst ist so schnell, er hat acht Beine! Einige Elemente leben im kollektiven Gedächtnis offenbar irgendwie weiter. Da ist das unvollständige Bild einer Frau, die einzige Menschendarstellung, und daneben das Bild eines Bisons, der aussieht, als legte er die Hand um sie. Im 20. Jahrhundert macht Picasso eine Serie von Radierungen, in denen er das Minotaurus-Motiv variiert. Und dann ist da eine Malerei mit einem Wollnashorn, das sechs- oder siebenfach nach vorne geschoben wird. Es sieht aus wie Phasen in einem Animationsfilm.

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  • Werner Herzog vor der Chauvet-Höhle. © 2011 Ascot Elite Filmverleih GmbHDie 30.000 Jahre alten Wandmalereien der Chauvet-Höhle (Foto: © 2011 Ascot Elite Filmverleih GmbH)Darstellung von Pferden, Löwen, Nashörnern und Mammuts (Foto:  © 2011 Ascot Elite Filmverleih GmbH)Werner Herzog mit dem Wissenschaftler Wulf Hein, der sich für den Film in die Rolle der Höhlenbewohner hineinversetzt (Foto: © 2011 Ascot Elite Filmverleih)Werner Herzog (l) und Peter Zeitlinger bei den Dreharbeiten zu "Die Höhle der vergessenen Träume" Regisseur Werner Herzog bei den Dreharbeiten zum Film «Die Höhle der vergessenen Träume» (Foto: dpa)

Glauben Sie, diese Verfremdung hat mythologische Gründe oder ist es eine frühe Bewegungsdarstellung?
Ich glaube, das flackernde Licht der Fackeln brachte diese Darstellungen zum Leben. Da kommt eine ganz andere Lebendigkeit hinein.

Fehlt nur noch der Ton: Es gibt die These, vertreten vom Klangkünstler Anthony Moore, dass da, wo die Höhlen-Bilder sind, meist auch eine besondere Akustik herrschte – als Resonanzraum für den Schamanen.
Ich würde das nur mit Kneifzangen anfassen. Wir müssen auch vorsichtig sein mit dem Begriff Schamanen, der ist zum Erbrechen von New-Age-Philosophen in Beschlag genommen. In der Chauvet-Höhle sind die Bilder da, wo es am dunkelsten ist. Der erstaunlichste aller Friese, der mit den Löwen, ist in einem der hintersten Seitenarme.

Durften Sie auch schon vor den Dreharbeiten in die von Besuchern streng abgeschirmte Höhle?
Man hatte mir erlaubt, einmal für eine Stunde ohne Filmteam hinein zu gehen. Das war natürlich ein ganz außergewöhnliches Erlebnis.

Sieht man denn anders ohne Kamera?
Ich schon. Denn wenn Sie filmen müssen, noch dazu mit einen nur dreiköpfigen Team und in 3-D, was viel komplizierter ist, und das nur vier Stunden am Tag, da gibt es dann nur noch Vollzug.

Hatten Sie schon vorher mit 3-D gearbeitet?
Nein, und wenn Sie sich die Liste meiner 50 Filme ansehen, gäbe es keinen Grund, einen davon in 3-D zu drehen. Aber als ich die Höhle sah, war mir klar, das muss in 3-D sein. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern ein Imperativ!

Hebt die Plastizität die Grenze zwischen Zeichnung und Skulptur auf?
Das ist schön, dass Sie von Skulptur sprechen. Durch die Höhlenformation mit ihren Ausbuchtungen und Nischen und hängenden Felsstücken entsteht wirklich ein ganz bestimmtes Drama, das von den Malern sehr bewusst ausgenutzt wurden.

Die Höhlenbilder in Lascaux hatten einen großen Einfluss auf die moderne Kunst, und auch die Werke in Chauvet wirken sehr modern. Wie konnte diese Abstraktionsleistung für die Menschheitsgeschichte so lange verloren gehen?
Man muss erwähnen, dass Lascaux und Altamira nur 12.000 Jahre in die Vergangenheit datieren. Der Abstand zwischen uns und Laxcaux ist geringer als der von Lascaux zu Chauvet. Und da ist Kunst, die schon vollends entwickelt war und auch nie mehr schöner geworden ist, nicht in der Antike, nicht in der Renaissance oder im 19. Jahrhundert. Was unfassbar ist: Da gibt es ein Rentier, mit Kohle gemalt, daher genau datierbar durch die Radiocarbon-C14-Methode. Ein anderer Maler hat das Bild zu Ende gemalt – 5000 Jahre später.

Deutscher Kinostart: 3. November





Dieser Artikel erschien in Ausgabe 11/2011. Sie können das Heft hier bestellen.

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